Bruchstelle Finanzsektor
Das schwache Wirtschaftswachstum und die Einflussnahme der Politik auf die Kreditvergabe vieler regionaler Banken in Italien haben über die Zeit die Kreditbücher der Banken systematisch geschwächt. Nach Angaben der Bank von Italien waren Ende 2015 Kredite im Volumen von 360 Milliarden Euro notleidend. Das entspricht 18,1 Prozent des Kreditbestands.
Von den notleidenden Krediten entfielen 210 Milliarden Euro auf insolvente Schuldner. Die Bank von Italien schätzt, dass davon rund 123 Milliarden Euro durch Rückstellungen gedeckt sind. Die Differenz von 87 Milliarden Euro sollte durch den Restwert der beliehenen Vermögenswerte gedeckt sein.
Dagegen beträgt der Marktwert der Restwerte nur etwa die Hälfte, also rund 44 Milliarden Euro. Folgt man dieser Rechnung, würde die Differenz von 43 Milliarden Euro die Eigenkapitalausstattung der Banken belasten. Vor diesem Hintergrund wird spekuliert, dass der italienische Bankensektor neues Eigenkapital mindestens in dieser Größenordnung brauchen würde.
Gegenwärtig ist unklar, ob zur Deckung der Kapitallücke, wie in der Richtlinie der EU zur Sanierung und Abwicklung von Banken (BRRD) vorgesehen, die Aktionäre und Gläubiger der Banken herangezogen werden, oder ob die Lücke mit Staatsgeld geschlossen wird (siehe unten). Diese Unsicherheit hat dazu geführt, dass der Marktwert italienischer Bankaktien massiv eingebrochen ist und Kapital aus Italien abfließt.
Die Kapitalflucht wird aus der Entwicklung der Salden des Interbankzahlungssystems Target2 deutlich. Eine Forderung oder Verbindlichkeit gegenüber dem Eurosystem entsteht, wenn einem EWU Land unterm Strich von einem an deren EWU-Land Geld zufließt oder wenn das Geld abfließt. Die Veränderung des Target-Saldos entspricht folglich dem Zahlungsbilanzsaldo eines EWU-Landes gegenüber seinen Partnerländern.
Grafik 8 zeigt die spiegelbildliche Entwicklung der Netto-Targetforderungen und -verbindlichkeiten in Deutschland und Italien. Ein Anstieg der Forderungen Deutschlands ist eng mit einem Anstieg der Verbindlichkeiten Italiens verbunden (und vice versa).
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Geldabflüsse aus Italien, die ein Zahlungsbilanzdefizit bewirken, gehen einher mit Geldzuflüssen nach Deutschland, die einen Zahlungsbilanzüberschuss widerspiegeln. Am letzten Höhepunkt der Eurokrise im August 2012 betrugen die Targetverbindlichkeiten Italiens 285 Milliarden Euro und die Forderungen Deutschlands 749 Milliarden Euro.
Gegenwärtig sind die Verbindlichkeiten Italiens wieder nahe an den letzten Höchstwert gestiegen. Die Forderungen Deutschlands sind ebenfalls gestiegen, haben aber ihren letzten Hochpunkt noch nicht erreicht. Die Veränderungen der Targetsalden werden stark von kurzfristigen Kapitalflüssen getrieben.
Grafik 9 zeigt die Veränderung des italienischen Targetsaldos im Jahresverlauf zusammen mit der über das Jahr kumulierten kurzfristigen Kapitalverkehrsbilanz. Tendenziell ist eine Erhöhung der Targetverbindlichkeit mit einer Verschlechterung der kurzfristigen Kapitalverkehrsbilanz (KKB) verbunden.
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Die Grundbilanz der Zahlungsbilanz (GB, definiert als Summe aus Leistungsbilanz, Direkt- und Portfolioinvestitionen) läuft dabei in der Tendenz in die Gegenrichtung. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass Zuflüsse von Portfoliokapital aus dem Ausland oft mit der Aufnahme kurzfristiger Kredite in Italien verbunden sind.
Dies entspricht dem Verhaltensmuster institutioneller Investoren, die Engagements im italienischen Anleihemarkt oft mit Krediten finanzieren.
Doch dürfte in der jüngeren Vergangenheit eine wichtige Rolle gespielt haben, dass die EZB massiv italienische Anleihen aufkauft. Dadurch wird der Überschuss in der Bilanz der Portfoliokapitalflüsse gefestigt. Hinzu kommt noch, dass aufgrund der heimischen Nachfrageschwäche die Leistungsbilanz ebenfalls einen beträchtlichen Überschuss aufweist (Grafik 6).
Umso bemerkenswerter ist, dass trotz des sich daraus ergebenden hohen Überschusses in der Grundbilanz die Targetverbindlichkeiten weiter steigen. Dies lässt auf hohe Mittelabflüsse aus dem Bankensektor schließen. Wie während der Krise in Griechenland bringen italienische Anleger ihre Bankeinlagen durch Überweisung ins Ausland, vornehmlich nach Deutschland, in Sicherheit.
Dadurch verlagert sich das aus der italienischen Bankenkrise entstehende Risiko von italienischen Anlegern, die in der Lage sind, im Ausland eine Bankverbindung aufzubauen, zu den Steuerzahlern der EWU-Länder. Denn im Fall eines italienischen Austritts aus dem Euro würde das Eurosystem seine Target-Forderungen an Italien zum Teil abschreiben müssen.