FvS-Denkfabrikleiter Thomas Mayer Wird Italien zur Euro-Bruchstelle?

Thomas Mayer vom Flossbach von Storch Research Institute

Thomas Mayer vom Flossbach von Storch Research Institute

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Durch die Umgehung der Verbote von „Bail-outs“ und monetärer Staatsfinanzierung im Regelwerk der Europäischen Währungsunion wurde der Euro zwar vor dem unmittelbaren Zusammenbruch gerettet, aber nicht dauerhaft saniert. Inzwischen gewinnt die Einschätzung an Gewicht, dass der Euro auf Dauer nicht überleben wird.

Abspaltungen kleinerer Länder, wie sie Griechenland im Jahr 2015 drohte, wären zu verkraften, aber ein Bruch zwischen großen Ländern wäre fatal. Zwischen Deutschland und Frankreich sind die wirtschaftlichen Unterschiede vermutlich nicht groß genug und die politischen Verbindungen wohl zu eng, als dass dort der Bruch kommen würde, auch wenn die zunehmende politische Bedeutung des Front National ein Risiko darstellt.

Politisch kaum durchsetzbar

Eine viel gefährlichere Bruchstelle für den Euro dürfte dagegen in den unüberbrückbaren Gegensätzen zwischen Deutschland und Italien liegen. Für Deutschland war und ist die Einhaltung vereinbarter Regeln die grundlegende Bedingung für die Teilnahme an der Währungsunion (EWU). Italien ist aber wirtschaftlich und politisch unfähig, sich an die wesentlich von deutschen Vorstellungen geprägten Regeln zu halten.

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Um den Euro zu erhalten, müsste Deutschland auf feste Regeln für die EWU verzichten und bereit sein, die Geldverfassung den jeweiligen Bedürfnissen in Bedrängnis geratener EWU-Mitglieder anzupassen. Vor dem Hintergrund der deutschen historischen Erfahrungen mit einer politisch opportunen Geldschaffung (zu Beginn der Weimarer Republik, in der Nazizeit und später in der DDR) dürfte dies politisch jedoch kaum durchsetzbar sein.

Alternativ müsste sich Italien neu erfinden und künftig in der Lage sein, erfolgreich in einem regelbestimmten Euroraum wirtschaften zu können. Auch dies ist politisch nicht machbar. Die Frage nach der Zukunft des Euro spitzt sich daher darauf zu, ob er eher am Austritt Italiens oder Deutschlands aus der EWU scheitern wird.

Bruchstelle Realwirtschaft

Heute geht es den Italienern im Durchschnitt wirtschaftlich deutlich schlechter als zu Beginn der EWU. Den Deutschen geht es dagegen im Durchschnitt deutlich besser. Grafik 1 zeigt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Italien und Deutschland, deflationiert mit dem jeweiligen harmonisierten Konsumentenpreisindex. Dieser Indikator spiegelt die Entwicklung des realen Einkommens pro Kopf aus der Sicht der Konsumenten wider.

Bis zum Beginn der Finanzkrise im Jahr 2007 entwickelte sich das reale Pro-Kopf-Einkommen in Italien etwas besser als in Deutschland. Seither haben sich die Verhältnisse jedoch umgekehrt. Im Jahr 2015 lag das reale Pro-Kopf-Einkommen in Italien um beinahe 4 Prozent unter seinem Wert von 1998, in Deutschland lag es gut 17Prozent darüber. In keinem anderen Industrieland war die Entwicklung des Pro-Kopf-Einkommens so schwach wie in Italien.

Damit nicht genug. Auch die Entwicklung des Arbeitsmarkts verlief in Italien sehr viel schwächer als in Deutschland. Grafik 2 zeigt den Verlauf der gesamten (harmonisierten) Arbeitslosenrate, Grafik 3 den der Jugendarbeitslosigkeit in beiden Ländern.

Im Mai 2016 betrug die gesamte Arbeitslosenrate in Italien 11,5 Prozent, nahezu unverändert von der Rate von 11,4 Prozent im Dezember 1998 vor Beginn der EWU. In Deutschland lag die Arbeitslosenrate im Mai 2016 bei 4,2 Prozent nach 9,0 Prozent im Dezember 1998.

Noch ungünstiger für Italien verlief die Entwicklung der Jugendarbeitslosigkeit. In Italien stieg diese von 30,4 Prozent im Dezember 1998 auf 36,9 Prozent im Mai 2016. In Deutschland fiel sie von 9,3Prozent im Dezember 1998 auf 7,2 Prozent im Mai 2016.