Für mehr Bilanzstabilität Versorgungswerk ÄVWL hält das Geld beisammen

Christian Mosel ist seit 2017 Hauptgeschäftsführer: Im vergangenen Jahr verbuchte die ÄVWL erneute 4,3 Prozent Nettokapitalrendite.  | © Florian H. Kochinke

Christian Mosel ist seit 2017 Hauptgeschäftsführer: Im vergangenen Jahr verbuchte die ÄVWL erneute 4,3 Prozent Nettokapitalrendite. Foto: Florian H. Kochinke

Die Ärzteversorgung Westfalen-Lippe (ÄVWL), eines der größten berufsständischen Versorgungswerke Deutschlands, hat ihre Kapitalanlagen im vergangenen Jahr weiter gesteigert. Wie dem in dieser Woche veröffentlichten Geschäftsbericht dieses Versorgungswerks zu entnehmen ist, kletterte der Buchwert der Anlagen um 4,5 Prozent auf 12,7 Milliarden Euro.

Die Mehrheit der Anlagen haben die Münsteraner in Spezialfonds gebündelt. Die Spezialfondsinvestitionen der Ärzteversorgung betrugen zum 31. Dezember 2019 rund 70 Prozent der gesamten Kapitalanlagen – verteilt auf Wertpapier- und Alternative-Spezialfonds sowie auf Immobilienspezialfonds.

Anleihen spielen für das Versorgungswerk auch in Zeiten magerster Renditen für Anleger, die jetzt in Zinspapiere einsteigen, noch immer eine Hauptrolle. Bezogen auf die gesamten Kapitalanlagen der ÄVWL beläuft sich der Anteil des Rentendirektbestandes mit einem Volumen von rund 3,1 Milliarden Euro auf 24,6 Prozent (2018: 26,8 Prozent). Im Geschäftsjahr 2019 erwirtschaftete der Rentendirektbestand eine Nettokapitalrendite von 3,4 Prozent.

Portfolioübergreifende Nettorendite erneut bei 4,3 Prozent 

Insgesamt realisierte das Versorgungswerk aus Münster im vergangenen Jahr Vermögenserträge in Höhe von 566 Millionen Euro – nach 537,1 Millionen Euro im Jahr 2018. Wie schon im vorangegangenen Zwölfmonatszeitraum weißt die ÄVWL über alle Anlagen hinweg eine Nettokapitalrendite von 4,3 Prozent aus. Die Kennziffer liegt erneut über dem Rechnungszins von 4 Prozent, der wiederum an die Rentenhöhe der Versicherten gekoppelt ist.

Zahlreiche andere Versorgungswerke mussten den Rechnungszins in den vergangenen Jahren senken. Damit sind finanzielle Einschnitte für die Versicherten verbunden. Bei der ÄVWL ist das Thema nicht spruchreif, was auch auf die Rahmenbedingungen zurückzuführen ist. 

Das Versorgungswerk genießt derzeit noch den Vorteil, dass die laufenden Beitragseinnahmen über den Auszahlungen für Renten liegen; das verschafft Spielraum für eine sehr langfristig ausgerichteten Kapitalanlage und Chancen auf höhere Renditen. Die Relation zwischen Beitragseinnahmen und Auszahlungen wird sich vermutlich in wenigen Jahren umkehren, wie der seit 1. April 2017 amtierende ÄVWL-Geschäftsführer Christian Mosel bereits 2019 im Interview sagte.

Darauf deutet nun auch der neue und am 20. Juni 2020 von der Kammerversammlung der Ärztekammer Westfalen-Lippe verabschiedete Geschäftsbericht hin. In Zahlen heißt das: 2018 nahm die ÄVWL über Beiträge ihrer inzwischen 44.452 Mitglieder etwas mehr als 566 Millionen Euro ein und zahlte 490 Millionen Euro an Versorgungsleistungen aus. Per Ende Dezember 2019 zählte die ÄVWL nun 17.266 Leistungsbezieher. Zuletzt wuchsen die Auszahlungen für Versorgungsleistungen binnen Jahresfrist mit einem Plus von 5,9 Prozent auf etwa 518 Millionen Euro etwas schneller als die Beitragseinnahmen. Letztere kletterten um 3,9 Prozent auf etwa 589 Millionen Euro. 

Bilanzielle Reserven haben Vorrang 

Wie die ÄVWL erläutert, hätten die erfreulichen Geschäftszahlen des Jahres 2019 es ermöglicht, Leistungsverbesserungen für die Anwärter und Rentner der Ärzteversorgung Westfalen-Lippe durchzuführen. Doch dazu kommt es nicht.

Im Hinblick auf die Verwerfungen an den Kapitalmärkten im Zuge der Corona-Pandemie und den ungewissen Ausblick für die künftige Entwicklung der Weltwirtschaft habe die Kammerversammlung des Versorgungswerks den Beschluss gefasst, die Anwartschaften und Leistungen „zugunsten einer weiteren Stärkung der Reserven des Versorgungswerkes auf dem aktuellen Niveau“ zu sichern und mit Wirkung zum 1. Januar 2021 nicht zu erhöhen. Bilanzielle Reserven sind nach Einschätzung des Vorsitzenden des ÄVWL-Verwaltungsausschusses, Ingo Flenker, kein Selbstzweck, sondern trügen gerade in diesen Zeiten zu „einem äußerst stabilen und zukunftssicheren Versorgungswerk“ bei.