Der US-Aktienmarkt wird zunehmend von wenigen Schwergewichten dominiert. Daher wächst das Interesse an gezielten Sektorinvestments, mit denen Anleger ihre US-Aktienallokation ergänzen und Portfolios gezielter an Markttrends ausrichten können. Benjamin Ertler, Head of ETF Business Development Germany bei Franklin Templeton, und Hamish Preston, Head of U.S. Equity Indices bei S&P Dow Jones Indices (S&P DJI), zu den aktuellen Chancen von Sektor-ETFs und -Indizes, wie sie Konzentrationsrisiken reduzieren können und wann sie sich als strategische oder taktische Portfoliobausteine eignen.
Herr Preston, was sollten Anleger über den Indexanbieter wissen, mit dem Franklin Templeton seit vielen Jahren zusammenarbeitet?
Hamish Preston: S&P DJI ist der weltweit führende Anbieter von Aktienindizes, Indexdaten und Research. Zu unseren bekanntesten Indizes zählen der S&P 500® und der Dow Jones Industrial Average®. Unsere Geschichte reicht mehr als 130 Jahre zurück: Charles Dow entwickelte den ersten Aktienindex und legte damit den Grundstein für das moderne Indexing.
Alle unsere Indizes werden unabhängig und transparent berechnet. Die zugrunde liegenden Regeln und Methoden sind in öffentlich zugänglichen Methodik-Dokumenten klar beschrieben, sodass Investoren jederzeit nachvollziehen können, wie ein Index zusammengesetzt wird.
Herr Ertler, Franklin Templeton hat vier neue S&P-500-Sektor-ETFs auf den Markt gebracht. Was spricht aus Ihrer Sicht genau jetzt für diesen Ausbau des US-Angebots?
Benjamin Ertler: Die USA sind nach wie vor der größte Aktienmarkt der Welt und machen rund zwei Drittel der globalen Aktienmarktkapitalisierung aus. Die Unternehmensgewinne entwickeln sich weiterhin solide bis überragend. Viele Anleger nutzen bereits kostengünstige, passive ETFs, um am US-Aktienmarkt breit investiert zu sein.
Mit den vier neuen S&P-500-Sektor-ETFs erweitern wir dieses Angebot um gezielte Anlagemöglichkeiten in jene Bereiche, die aktuell besonders dynamisch wachsen. Dazu gehören die Sektoren Informationstechnologie, Finanzwesen, Zyklische Konsumgüter und Kommunikationsdienstleistungen. Anleger können damit gezielt einzelne Marktsegmente abbilden, anstatt ausschließlich in den Gesamtmarkt zu investieren.
Wie werden die S&P DJI-Indizes bei Franklin Templeton eingesetzt?
Ertler: Als Grundlage für die neuen indexierten UCITS-ETFs dienen die S&P 500 Capped 35/20-Sektorindizes. Diese Indizes folgen einem regelbasierten Ansatz und begrenzen die Gewichtung einzelner Unternehmen innerhalb eines Sektors. Dadurch wird eine zu starke Konzentration auf wenige Unternehmen vermieden und eine ausgewogenere Sektorabbildung ermöglicht.
Herr Preston, nach welchen Kriterien definiert S&P DJI eigentlich einen Sektor?
Preston: Wir verwenden den Global Industry Classification Standard (GICS®), den S&P DJI gemeinsam mit MSCI im Jahr 1999 entwickelt hat. Unternehmen werden anhand ihrer Hauptgeschäftstätigkeit Sektoren sowie den darunterliegenden Industriegruppen und Sub-Industrien zugeordnet. Maßgeblich sind dabei vor allem die erzielten Umsätze, aber auch Gewinne und die Wahrnehmung des Unternehmens am Markt.
Das GICS-Framework umfasst vier Ebenen: Elf Sektoren, 25 Industriegruppen, 74 Industrien und 163 Sub-Industrien. Zu den elf Sektoren gehören unter anderem Informationstechnologie, Finanzwesen, Gesundheitswesen, Zyklische Konsumgüter, Basiskonsumgüter und Kommunikationsdienstleistungen.
Das GICS-Framework bildet die Grundlage für viele bekannte Aktienindizes wie den S&P 500. Es ermöglicht eine konsistente Einteilung von Unternehmen weltweit, sektorbasierte Analysen und Vergleiche, die Konstruktion von Sektorindizes und eine gezielte Portfolioallokation nach Branchen sowie Benchmarking und Performanceanalysen.
Im Laufe der Zeit wird die Systematik immer einmal nachjustiert?
Preston: Ja, das GICS-Framework wird regelmäßig überprüft und bei Bedarf angepasst, um sicherzustellen, dass es weiterhin die Entwicklungen in den Branchen widerspiegelt. Ein bekanntes Beispiel war die Umbenennung des Sektors „Telekommunikationsdienste“ in „Kommunikationsdienstleistungen“ im Jahr 2018. Damit wurde den Veränderungen Rechnung getragen, wie Menschen und Unternehmen miteinander kommunizieren. Im Zuge dieser Anpassung wurden Unternehmen wie Meta – damals noch unter dem Namen Facebook – und Alphabet aus anderen Sektoren neu zugeordnet.
Herr Ertler, bitte gehen Sie näher auf die vier Sektor-ETFs ein. In welcher Form decken sie die zentralen Wachstumstreiber der US-Wirtschaft ab?
Ertler: Der Franklin S&P 500 Information Technology UCITS ETF bietet Zugang zu US-Unternehmen aus den Bereichen Software, Hardware, Halbleiter und digitale Infrastruktur.
Der Franklin S&P 500 Financials UCITS ETF umfasst Unternehmen aus dem Finanzsektor, darunter Banken, Versicherer und diversifizierte Finanzdienstleister.
Der Franklin S&P 500 Consumer Discretionary UCITS ETF zielt auf Unternehmen ab, die mit Konsumausgaben und Wirtschaftswachstum verbunden sind, darunter Einzelhändler, Automobilhersteller und Unternehmen aus der Freizeitbranche.
Der Franklin S&P 500 Communication Services UCITS ETF investiert in Unternehmen aus den Bereichen Medien, Telekommunikation und digitale Kommunikationsplattformen. Er umfasst traditionelle Netzwerke ebenso wie neuere, technologiegestützte Dienste.
Alle vier ETFs bilden jeweils ihren entsprechenden S&P 500 Capped 35/20 Sector Index (Net Total Return) ab. Die 35/20-Gewichtungsregeln begrenzen die Gewichtung einzelner Unternehmen und tragen so zu einer breiteren Diversifizierung innerhalb des jeweiligen Sektors bei.
Welche Rolle spielen entsprechend differenzierte Indexlösungen im aktuellen Marktumfeld für Anleger?
Preston: Die fünf größten Unternehmen im S&P 500 haben heute einen hohen Indexanteil, was die aktuellen Marktbedingungen bei US-Aktien mit hoher Marktkapitalisierung widerspiegelt.
S&P DJI bietet den S&P 500 Equal Weight Index an, bei dem jedes der 500 Unternehmen vierteljährlich gleich gewichtet wird. Der S&P 500 Equal Weight Index kann daher dazu beitragen, das Konzentrationsrisiko bei US-Aktien mit hoher Marktkapitalisierung zu reduzieren.
Welche Rolle spielen disruptive Megatrends und die Nachfrage nach einer präziseren Abbildung einzelner Teilsektoren für die Weiterentwicklung von Sektorindizes?
Preston: Sektorindizes bieten eine Möglichkeit, die Auswirkungen von Trends auf verschiedene Marktbereiche zu messen. Dies kann besonders hilfreich sein, da die einzelnen Sektoren von unterschiedlichen Einflussfaktoren betroffen sein können und unterschiedlich stark auf diese reagieren. Anleger wollen nicht nur in den breiten Markt investieren, sondern auch Chancen gezielt in einzelnen Marktsegmenten nutzen.
Da US-Unternehmen in den meisten globalen Sektoren einen bedeutenden Anteil ausmachen – insbesondere in den Sektoren Informationstechnologie und Kommunikationsdienstleistungen –, kann eine Betrachtung der Sektoren aus US-Perspektive für Marktteilnehmer relevant sein, die Entwicklungen in verschiedenen globalen Marktsegmenten beurteilen möchten.
Welche Rolle können Sektor-ETFs in einem stärker konzentrierten Marktumfeld spielen?
Ertler: Anleger in Deutschland gehen zunehmend über ein breites Marktengagement hinaus und treffen gezieltere Anlageentscheidungen. Die Sektor-ETFs bieten einen präzisen, transparenten und mit einem TER von 0,09 Prozent kosteneffizienten Zugang zu Schlüsselbereichen des US-Aktienmarktes und ermöglichen Anlegern, ihre Einschätzungen zu einzelnen Sektoren gezielt umzusetzen. Die S&P 500 Capped 35/20-Sektorindizes können dazu beitragen, Konzentrationsrisiken zu steuern, indem sie klare Obergrenzen für die größten Indexbestandteile festlegen. Das unterstützt einen bewussteren Portfolioaufbau und gezielteres Risikomanagement.
Der eigentliche Vorteil liegt folglich nicht nur in einer stärkeren Diversifikation, sondern vor allem in einer höheren Präzision der Allokation. Dominante Einzelgewichte lassen sich gezielt begrenzen und Portfolios dadurch bewusster steuern.
Wie lässt sich der Einsatz von Sektor-ETFs sinnvoll in eine langfristige Portfoliostrategie integrieren – eher als taktisches Overlay oder als dauerhafter Baustein der Allokation?
Ertler: Die Sektoren haben sich in jüngster Zeit als Reaktion auf wirtschaftliche Kräfte auseinanderentwickelt. Die Sektorstreuung – die Differenz zwischen den Sektoren mit der besten und der schlechtesten Performance – hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Diese Zunahme spiegelt die ungleichmäßigen Auswirkungen höherer Zinssätze, veränderter Konsummuster und rasanter technologischer Veränderungen wider und verdeutlicht, wie stark die Sektorpositionierung die Ergebnisse beeinflussen kann.
Angesichts einer zunehmenden Sektordivergenz können Aktienanleger einen taktischeren Ansatz verfolgen. Mit einem taktischen Overlay können Investoren ihre jeweilige Sicht auf den Marktzyklus abdecken.
Als strategischer Baustein bieten sich Sektor-ETFs hingegen an, wenn die Investoren eine Langzeitüberzeugung gegenüber dem jeweiligen Markt haben.
Für beide Ansätze gilt: Ein einzelner Sektorindex ist nicht automatisch ein Diversifikationsinstrument. Zwar ermöglicht er eine breitere Streuung innerhalb des jeweiligen Sektors und kann die Abhängigkeit von einzelnen Unternehmen reduzieren, gegenüber dem Gesamtmarkt bleibt er jedoch eine gezielte Positionierung mit spezifischen Chancen und Risiken.
Für welchen Anlegertyp sind die neuen Produkte besonders geeignet?
Ertler: Mit Sektorstrategien lassen sich Anlageüberzeugungen gezielter umsetzen – etwa mit Blick auf strukturelles Wachstum, Zinsentwicklung oder zyklische Marktphasen. Unsere vier neuen Sektor-ETFs richten sich insbesondere an professionelle Investoren wie Asset Manager, Wealth Manager, Family Offices und Banken. Auch Privatanleger können die ETFs nutzen – vor allem dann, wenn sie ihr breit diversifiziertes Basisinvestment gezielt um Wachstums- oder Zukunftsthemen ergänzen möchten.
Alle Investoren sollten jedoch im Blick behalten: Sektorale Ansätze sind Präzisionsinstrumente – aber keine Selbstläufer. Ihr Mehrwert entsteht dort, wo eine klare Anlagethese besteht und Gewichte, Überschneidungen sowie Risiken konsequent überwacht werden.
Zu den Interviewten
Benjamin Ertler ist Head of ETF Business Development Germany bei Franklin Templeton. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in den Bereichen Banking, Indexierung, Asset Management und ETFs. Vor seinem Wechsel zu Franklin Templeton im Jahr 2026 war er als Director, Senior Sales Manager ETF & Index Solutions DACH bei BNP Paribas Asset Management tätig. Zu seinen früheren Stationen zählen unter anderem die Position als Vice President, Index Solutions DACH & Luxembourg bei MSCI sowie Tätigkeiten bei STOXX (Deutsche Börse Group) und der Deutschen Bank. Er ist spezialisiert auf die Geschäftsentwicklung im ETF-Bereich, Indexinvestments und strategische Vertriebspartnerschaften.
Hamish Preston ist Head of U.S. Equities bei S&P Dow Jones Indices (S&P DJI). In dieser Funktion verantwortet er mit seinem Team das Produktmanagement der US-Aktienindizes von S&P DJI, darunter der S&P 500® und der Dow Jones Industrial Average®. Zuvor war Preston im Bereich Global Research & Design sowie in der Index Investment Strategy von S&P DJI tätig und beschäftigte sich unter anderem mit Strategie-, Faktor-, Thematic- und alternativen Beta-Indizes. Er ist CFA Charterholder und verfügt über einen Bachelorabschluss in Volkswirtschaftslehre von der London School of Economics sowie einen Masterabschluss in Financial Economics von der University of Birmingham.