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Franklin-Templeton-Expertin im Gespräch „Wir benötigen 6 Billionen US-Dollar jährlich in Green Bonds“

Tagebau im Rheinischen Braunkohlerevier: Die EU-Klimaziele erfordern während des kommenden Jahrzehnts jährliche Investitionen in Höhe von 180 Milliarden Euro.

Tagebau im Rheinischen Braunkohlerevier: Die EU-Klimaziele erfordern während des kommenden Jahrzehnts jährliche Investitionen in Höhe von 180 Milliarden Euro. Foto: imago images / Jochen Tack

Frau Peukert, bis Ende September 2019 wurden grüne Anleihen mit einem Volumen von fast 230 Milliarden US-Dollar begeben – im Gesamtjahr 2018 waren es 171 Milliarden US-Dollar. Geht der Trend so weiter?

Julia Peukert: Grüne Anleihen stellen bereits heute ein wichtiges Instrument in dem Versuch dar, den CO2-Ausstoss der Weltwirtschaft zu vermindern. Sie dürften sich auch weiterhin eines rapiden Wachstums erfreuen. Allein die Klimaziele der Europäischen Union werden während des kommenden Jahrzehnts jährliche Investitionen in Höhe von 180 Milliarden Euro erfordern.

Das klingt nach viel Geld…

Peukert: Ja, aber trotz des starken Wachstums machen Green Bonds nur einen Bruchteil des gesamten Anleihemarktes aus. Die Zahlen verblassen im Vergleich zu den 6.000 Milliarden US-Dollar, die jährlich benötigt werden, um die Zukunft klimafest zu machen. Dabei steigt die Nachfrage merklich schneller als das Angebot. Durchschnittliche Emissionen sind dreifach überzeichnet.

Letztlich sind dies aber nur Ausprägungen, die sich aus einem größeren Trend ergeben, der gesellschaftlich getrieben ist. Um nur ein Beispiel zu nennen: In wenigen Jahren werden Millennials weltweit drei Viertel der arbeitenden Bevölkerung ausmachen und eine entsprechende Marktmacht sowohl als Konsumenten als auch als Anleger auf die Waage bringen. Zahllose Studien belegen, dass gerade die jüngere Generation den Klimawandel als das drängendste globale Problem sieht – noch vor Kriegen oder der Armutsbekämpfung. Wir sind deshalb der Meinung, dass die Ampeln für diese Anlageklasse auch weiter auf grün stehen.

Was genau ist eigentlich unter grünen Anleihen zu verstehen?

Peukert: Bei grünen Anleihen handelt es sich um Kapitalmarktinstrumente, die zur Finanzierung von Projekten genutzt werden, die einen positiven Einfluss auf Umwelt und Klima haben. Den Green Bond Principles (GBPs) zufolge muss der Emittent nachweisen, wo und wie die Erlöse eingesetzt werden, wie einzelne Projekte bewertet und ausgewählt werden und wie effektiv diese Investitionen hinsichtlich der CO2-Reduktion sind.

Gegründet wurde die Climate Bond Initiative (CBI) mit dem Ziel, eine Taxonomie und einen Standardsatz an Grundsätzen sowie ein System für eine Zertifizierung durch Dritte zu entwickeln. Auch Ratingagenturen für Anleihen haben Produkte auf den Markt gebracht, die eine Analyse der Umweltfreundlichkeit spezifischer Emissionen ermöglichen.

Was müssen Anleger über die Zertifizierung wissen?

Peukert: Emittenten, die eine Anleihe als „grün“ auf den Markt bringen möchten, können diese in einem weiteren Schritt zertifizieren lassen. Eine solche Zertifizierung wird in der Regel von Dritten durchgeführt, die die Einhaltung der Green Bond Principles überprüfen.

Aber zahlreiche Emittenten, deren Geschäftsmodell an sich eine kohlenstoffarme Zukunft unterstützt – sogenannte grüne Pure Plays – erfüllen nicht unbedingt die GBPs.

Peukert: In der Tat, ihre Anleihen werden häufig nicht offiziell als „grün“ zertifiziert. Beispiele hierfür sind Unternehmen, die Solarmodule, Windturbinen oder Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge herstellen. Solche Unternehmen sind jedoch Teil der Anstrengungen zur Erreichung einer CO2-reduzierten Zukunft, und es wird weitläufig die Meinung vertreten, dass ihre Schuldtitel durchaus als mit ökologisch nachhaltigen Anlagezielen vereinbar angesehen werden sollten.

Warum sollten sich Anleger gerade auch für diese grünen Pure Plays interessieren? Was müssen Anleger wissen?

Peukert: Zwar erhalten trotz der Umweltfreundlichkeit ihrer Geschäftsmodelle Schuldtitel von Pure-Play-Unternehmen nicht automatisch eine Zertifizierung als „grün“. In diesen Fällen sollten Anleger eine eigene Due-Diligence-Prüfung durchführen, um sich ein besseres Verständnis für die Verwendung der Erlöse, die Umweltbilanz des Emittenten und die allgemeine Umweltfreundlichkeit der Anleihe zu verschaffen.

Wie gehen Sie und Ihr Team bei der Suche nach den Gewinnern vor, die im Green Bond ETF einen Platz finden sollen?

Peukert: Die Rückzahlung der meisten grünen Anleihen richtet sich nicht nach einem einzigen erfolgreichen Projekt, sondern vielmehr nach den vom Emittenten erwirtschafteten Cashflows. Die Gewährleistung der Rückzahlungsfähigkeit des Emittenten ist daher die erste Hürde, die jede Anlage überwinden muss. Eine Fundamentalanalyse kombinieren wir dann mit einer Top-Down-Prüfung der CO2-Neutralisierungspläne eines Unternehmens sowie seiner allgemeinen Klimastrategie, wobei letztere wiederum Einblicke in die ökologische Nachhaltigkeit des verfolgten Geschäftsmodells bietet.

In Kombination bieten uns diese Analysen ein abgerundetes Bild der Eignung einer bestimmten Anleihe für eine Aufnahme in unser diversifiziertes Portfolio von Kreditwerten.

Ihr Team scheint demnach flexibel am Markt agieren zu können. Viele Portfoliomanager sind hingegen in starren Regularien gefangen…

Peukert: Wir verfolgen bei unserem Green Bond ETF eine aktiv gemanagte Strategie, die nicht strikt an einen Index gebunden ist. Ein solcher Ansatz für Anlagen in grünen Anleihen erlaubt einem Portfoliomanager, gewisse Ermessensspielräume zu nutzen und dabei immer noch in Anleihen zu investieren, die klare ökologische und ökonomische Vorteile bieten.

Wir sind davon überzeugt, dass ein Portfolio grüner Anleihen ein breiter gefasstes Mandat haben sollte – anderenfalls würden die Schuldtitel von Unternehmen, die für das Wachstum der kohlenstoffarmen Wirtschaft von zentraler Bedeutung sind, ausgeschlossen.