Roundtable zu Asset Allocation „Es kommt auf das Durchhaltevermögen an“

Die Teilnehmer des Roundtables (v.l.): Detlev Kleis, UBS; Marcel Lähn, BHF-Bank; Reinhard Panse, HQ Trust; Björn Siegismund, Laransa PWM; Malte Dreher, private banking magazin; Michael Schütze, Allianz Corporate Pension Advisors; und Ansgar Neisius, private banking magazin  | © Uwe Nölke

Die Teilnehmer des Roundtables (v.l.): Detlev Kleis, UBS; Marcel Lähn, BHF-Bank; Reinhard Panse, HQ Trust; Björn Siegismund, Laransa PWM; Malte Dreher, private banking magazin; Michael Schütze, Allianz Corporate Pension Advisors; und Ansgar Neisius, private banking magazin Foto: Uwe Nölke

// //

private banking magazin: Viele Anleger machen sich Gedanken um die Einzeltitelauswahl und das Markt-Timing. Die strategische Asset Allocation, kurz SAA, kommt oft zu kurz, obwohl enorm wichtig. Müssen Vermögensberater heute mehr Pädagogen als Finanzstrategen sein?

Reinhard Panse: Leider scheint es in der Natur des Menschen zu liegen, bei der ersten Verunsicherung durch unvorhergesehene Ereignisse seine Strategie infrage zu stellen. So auch bei der Geldanlage. Die Anlagestrategie wird viel öfter pro- als antizyklisch angepasst. Unseren Kunden empfehlen wir deswegen von vornherein, dass es prozyklische Anpassungen nicht geben sollte.

Da wirken wir also durchaus als Pädagogen. Noch schwieriger ist, dem Kunden zu vermitteln, das Risiko in Krisenzeiten zu erhöhen. Unser oberstes Ziel ist es, die strategische Asset Allocation möglichst lange unverändert zu belassen.

Detlev Kleis: Strategisch heißt das ja nichts anderes als planerisch vorzugehen. Wir raten unseren Kunden daher, sich genau zu überlegen, wofür das Geld eigentlich eingesetzt wird. Ist das Anlageziel der Substanzerhalt, der größtmögliche Zuwachs, eine Altersvorsorge, oder brauche ich absehbar Liquidität?

Marcel Lähn: Die SAA ist von zentraler Bedeutung – das ist empirisch unbestritten. Zu unterscheiden ist, ob mein Kunde einen institutionellen oder privaten Hintergrund hat. Bei Letzterem gibt es schlichtweg mehr Freiheitsgrade, die man für die SAA nutzen kann. Das verpflichtet aber zugleich zu noch höherer Sorgfalt und Vorsicht.

Wir legen generell großes Augenmerk auf strategische Disziplin, um so auch der allzu menschlichen Neigung zu prozyklischem Verhalten entgegenzuwirken. Gerade in unruhigen Zeiten an den Märkten sind wir deshalb in vielen Kundengesprächen. Denn letztlich kommt es entscheidend auf das Durchhaltevermögen in der einmal definierten Strategie an.

Björn Siegismund: Leider scheitern viele Anleger an der praktischen Umsetzung einer SAA. Was sind überhaupt die Risiken für einen Anleger? Für den einen ist es vielleicht die Schwankung seines Portfolios, weil er kurzfristig an sein Geld muss und dann Verluste realisiert. Ein anderer möchte vielleicht seine unternehmerischen Risiken sinnvoll absichern.

Nachfragen zeigen immer wieder, dass zwar von einer SAA gesprochen wird, es oftmals aber eher um taktische Strategien geht. Da klafft vielerorts eine Lücke zwischen Anspruch und konkreter Umsetzung.

Ein Beispiel?

Siegismund: Nehmen Sie das Niedrigzinsumfeld. Bereits vor zehn Jahren haben Asset-Liability-Studien auf die Gefahren für Anleger wie Versicherungen, Pensionskassen und Stiftungen beim Eintreten eines Japan-Szenarios hingewiesen. Ihre Portfolios dahingehend angepasst haben allerdings die wenigsten Anleger.

Lähn: Wir dürfen dabei aber nicht vergessen, dass der Kunde stets der Prinzipal des Vermögens ist. Daraus folgt, dass eine SAA auch immer sehr individuell sein wird. Größte Aufgabe ist somit, die Risikoneigung und -tragfähigkeit eines Anlegers zu ermitteln und in Zahlen zum Ausdruck zu bringen. Da braucht es besonderes Einfühlungsvermögen gegenüber dem Kunden und ein Ausbalancieren seiner Vorstellungen für die Vermögensanlage.

Gleichzeitig müssen wir unseren Kunden, meist Unternehmerfamilien, auch eine gewisse Demutshaltung gegenüber den Märkten nahebringen. Denn selbst wenn Kunden beträchtliche Vermögenswerte  besitzen, sind auch sie wie andere Investoren Schwimmer im Strom der Finanzmärkte. Das sind sie vor ihrem Hintergrund als souverän entscheidende Unternehmer oftmals anders gewohnt.

Panse: Grundsätzliche fixieren sich die Finanzmärkte, und auch die meisten Kunden, sehr auf die Preisentwicklung von Assets. Entscheidend ist doch aber, welchen künftigen Wert oder Zahlungsstrom man erwarten kann. Wir versuchen unsere Kunden dahingehend aufzuklären und zu erziehen.

Wer als Investor erfolgreich sein will, muss antizyklisch investieren können. Das ist aufgrund der oftmals irrational getriebenen Anlageentscheidungen schwierig. Die hohe Kunst ist es deshalb, als Finanzdienstleister entsprechend antizyklisch zu beraten.

Wie sieht die Umsetzung der SAA bei institutionellen Anlegern aus?

Michael Schütze: Grundsätzlich ist es auch für institutionelle Anleger von zentraler Bedeutung, eine Anlagestrategie zu entwickeln. Je regulierter ein Anleger ist, desto schwieriger wird es, im Niedrigzinsumfeld eine SAA zu definieren, die die Anlageziele wie einen Rechnungszins noch erreicht. Institutionelle Anleger haben zudem typischerweise eine Vielzahl von Neben- und Rahmenbedingungen zu beachten.

Kleis: Ein größerer Unterschied liegt auch in der Entscheidungsfindung. Bei institutionellen Kunden findet diese in Gremien statt. Das ist für ein planerisches Vorgehen etwas einfacher, weil sich einmal gefällte Entscheidungen nicht kurzfristig und einfach verwerfen lassen. Dadurch sind die Investmententscheidungen meist weniger emotional oder getrieben durch jüngste Marktveränderungen. Privatanleger sind, auch weil es um ihr eigenes Vermögen geht, häufig etwas emotionaler.

Lähn: Hinzu kommt das Zusammenspiel aus Asset-Klasse und Anlegerpsychologie. Bei liquiden Assets erkennen Investoren viel deutlicher und unmittelbarer, wenn es an den Märkten mal kracht. Da bei illiquiden Investments die tägliche Bewertung fehlt, bekommen Anleger eine negative Wertentwicklung nicht unmittelbar zu spüren. Und dann stellt sich noch die Herausforderung, illiquide Vermögenswerte überhaupt sinnvoll zu bepreisen.

Schütze: Problem ist doch, dass die Risikotragfähigkeit von Anlegern egal welchen Typs selten so ist, wie sie ökonomisch sein sollte. Zentral ist also die Fragestellung, wie man das Anlagerisiko im Griff behalten kann. Nahezu kein Investor, weder reguliert noch unreguliert, ist mental in der Lage, eine Anlagepolitik wie die dafür berühmten US-Universitäten aus Neuengland durchzuhalten.

Deren Rendite-Risiko-Profil ist über 15 Jahre top, aber einzelne Jahre können richtig weh tun und würden selbst das Gros der institutionellen Anleger überfordern.