Fondsanalyse Deluxe, Teil 33 Gesucht und gefunden – Die möglichen Vorteile nachrangiger Anleihen

Der Gastautor Stephan Kemper ist Chef-Investmentstratege bei BNP Paribas Wealth Management Private Banking.

Der Gastautor Stephan Kemper ist Chef-Investmentstratege bei BNP Paribas Wealth Management Private Banking: „Unternehmensanleihen mit schlechter Bonität und damit High Yields liefern zwar auf den ersten Blick eine attraktivere Rendite, doch ist hier Vorsicht geboten. “ Bildquelle: BNP Paribas

Experten sprechen den Löwenanteil der Performance mit 80 bis 90 Prozent meist der Asset-Allokation zu. Doch der Wert erscheint übertrieben hoch. Tatsächlich gebührt der Auswahl der Investments in der Realität ein Anteil, der deutlich über den verbleibenden 10 bis 20 Prozent liegt. Denn wie so oft besteht zwischen Theorie und Praxis eine gewisse Kluft: Wer sich beispielsweise im Jahr 2024 für US-Aktien entschied, hat zwar theoretisch (fast) alles richtig gemacht.

Doch wer im Portfolio auf die „Glorreichen Sieben“ verzichtete, hat den positiven Allokationseffekt – „Wo investiere ich?“ – durch einen negativen Selektionseffekt – „In was investiere ich?“ – schnell aufgezehrt. Auch die Frage, wieso die Wahrscheinlichkeit für eine höhere Trefferquote bei der Asset-Allokation strukturell größer ist als bei der Fondsauswahl, ist relevant. In Summe führen diese Überlegungen zu dem Schluss, dass das beste Rezept für den langfristigen Anlageerfolg ist, Allokation und Selektion ausgewogen zu mischen.

The Big Picture

Der erste Schritt im Auswahlprozess ist, das makroökonomische Umfeld zu analysieren. Hierbei gilt es, globale und regionale Wirtschaftsdaten, wie zum Beispiel das Bruttoinlandsprodukt-Wachstum, die Inflation, Zinsentwicklungen und politische Risiken zu betrachten. So lassen sich Trends und Chancen erkennen und eine entsprechende Asset-Allokation ableiten.

Der Ansatz hierbei ist also klassisch top-down: Ausgehend von der Betrachtung des Gesamtbildes leitet sich daraus die strategische Ausrichtung für das Portfolio ab. Zunächst muss die Gewichtung der verschiedenen Anlageklassen – also zum Beispiel Aktien, Anleihen, Rohstoffe – im Vergleich zur Benchmark festgelegt werden, bevor es darum geht, einzelne Fonds auszuwählen.

Verzinsliche Anlagen sind als Portfoliobestandteil in den vergangenen zwei Jahren deutlich attraktiver geworden. Allerdings ist zu erwarten, dass die Europäische Zentralbank weiter die Zinsen senkt.

Renaissance von Anleihen

Angesichts dessen drohen Investoren, insbesondere bei kurzfristigen Anlagen wie Tages- und Festgeldern, verstärkt Wiederanlagerisiken. Daher empfiehlt es sich, zunehmend in Anlagen mit längerer Duration zu investieren. So können Investoren sich das historisch weiterhin attraktive Zinsniveau längerfristig sichern.

Immerhin bieten Euro-Unternehmensanleihen noch eine Rendite von etwa 3 Prozent, was einem Aufschlag von 40 Basispunkten zum Durchschnitt der vergangenen 20 Jahre entspricht. Gleichzeitig ist der Risikoaufschlag gegenüber Staatsanleihen deutlich gesunken. Er liegt bei nur noch 92 Basispunkten, der 20-Jahre-Durchschnitt bei 121 Basispunkten. Das macht weitere Spread-Einengungen als zusätzliche Renditequelle unwahrscheinlich.

Unternehmensanleihen mit schlechter Bonität und damit High Yields liefern zwar auf den ersten Blick eine attraktivere Rendite, doch ist hier Vorsicht geboten. Aktuell lässt sich nur eine Rendite von 5,86 Prozent erzielen, fast 150 Basispunkte unterhalb des langfristigen Durchschnitts. Auch der Risikoaufschlag bietet mit 300 rund 95 Basispunkte weniger Puffer als im Schnitt der letzten 20 Jahre. Das erhöhte Risiko von High Yield wird daher nicht ausreichend vergütet. Wo also stattdessen suchen?

Suche nach Zusatzrendite

Vielleicht findet sich die Nadel im Heuhaufen bei den Banken. Ihr Umfeld hat sich in den vergangenen Monaten wieder deutlich aufgehellt. Die positiven Tendenzen haben sich in der vergangenen Berichtssaison bestätigt, und insgesamt überraschte positiv, wie sich die Erträge entwickelt haben. Der Zinsüberschuss ging weniger zurück, als erwartet. Flankiert wurde er von einem soliden Anstieg bei den Gebühreneinnahmen.

Die Qualität der Aktiva erwies sich als robust, die Risikovorsorge stieg nicht nennenswert an. Sofern es nicht zu einem erheblichen und unerwarteten Konjunkturabschwung kommt, dürfte sich dieser Trend fortsetzen. Eine wichtige Säule des Sektors ist weiterhin, Kapital über Dividenden auszuschütten oder Aktien zurückzukaufen. Das ist ein deutliches Indiz dafür, dass auch die Aufsichtsbehörden die wirtschaftliche Verfassung des Finanzsektors inzwischen wieder positiver wahrnehmen.

Aufgrund dieser Analyse bewertet BNP Paribas Wealth Management Private Banking den Finanzsektor positiv. Diese Einschätzung beschränkt sich jedoch nicht nur auf den Aktienmarkt, sondern bietet auch im Anleihenbereich Chancen. Neben klassischen Anleihen sind dies hier vor allem sogenannte AT1-Anleihen, auch bekannt als Additional-Tier-1-Anleihen.

Sie dienen dazu, das Kernkapital von Banken zu stärken, und sind ein wichtiger Bestandteil der regulatorischen Anforderungen. AT1 sind nachrangige Anleihen. Banken bedienen sie im Falle einer Insolvenz erst nach anderen Verbindlichkeiten und können sie in Eigenkapital umwandeln oder abschreiben, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind, zum Beispiel wenn Banken bestimmte Kapitalquoten unterschreiten.

 

Daher werden sie auch Coco-Anleihen genannt. Coco steht für Contingent Convertible Bonds. Sie rentieren in der Regel höher als herkömmliche Anleihen, um das höhere Risiko auszugleichen. Aufgrund der oben erwähnten positiven Einschätzung zum Sektor stellen AT1s eine interessante Möglichkeit dar, einen Renditeaufschlag gegenüber klassischen Anleihen zu vereinnahmen.

Manchmal ist einfach zu einfach

Wir wählen Fonds bei BNP Paribas Wealth Management Private Banking produktagnostisch aus. Im Vordergrund steht die ideale Umsetzungsmöglichkeit für eine Idee. Wir entscheiden uns nicht bereits im Vorfeld für eine aktive oder passive Lösung. Wichtige Auswahlkriterien dabei sind einerseits die Markteffizienz, vor allem aber auch die Komplexität der Asset-Klasse.