Flossbach von Storch zur EZB-Politik Höhere Inflation nicht nur erwünscht, sondern notwendig

EZB-Chef Mario Draghi: Anleger sollten sich darauf einstellen, dass die Notenbanken an ihrer expansiven Geldpolitik festhalten. | © Getty Images

EZB-Chef Mario Draghi: Anleger sollten sich darauf einstellen, dass die Notenbanken an ihrer expansiven Geldpolitik festhalten. Foto: Getty Images

Jeder Pilot kennt dieses Phänomen, denn dieses Wissen ist überlebenswichtig: Wenn der Jet beim Start eine bestimmte Geschwindigkeit erreicht hat, gibt es keine Alternativen mehr. Dann ist der Point of no Return erreicht, der Kapitän muss durchstarten, denn die Länge der Startbahn reicht nicht mehr aus, um das Flugzeug am Boden sicher abzubremsen.

Geldpolitischer Point of no Return

Auch in der Geldpolitik gibt es einen Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt. Ob die wichtigsten Notenbanker weltweit das existentielle Risiko beim Überschreiten dieser Wegmarke so wie die Piloten kennen, darf angezweifelt werden. Tatsache ist aber: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Point of no Return bereits überschritten.

Wäre Mario Draghi ein Pilot, dann hätte er in den vergangenen Jahren vollen Schub gegeben. Seit November 2011, als der Italiener an die Spitze der EZB rückte, senkte die Notenbank achtmal den Leitzins, um ihn dann ganz abzuschaffen. Auf große Einlagen zahlen Anleger aktuell Strafzinsen. Hinzu kommt ein Anleihebestand im Wert von knapp 2,6 Billionen Euro. In den vergangenen Jahren kaufte die Notenbank Unternehmens- und Staatsanleihen. Das Volumen steigt zwar nicht mehr, wird aber auf dem aktuellen Stand gehalten. Ob es jemals wieder reduziert wird, wird sich zeigen.

Notenbanken behalten expansiven Kurs bei

Anleger sollten sich unseres Erachtens darauf einstellen, dass die Notenbanken an ihrer expansiven Geldpolitik festhalten. Auch weil sie keine Alternative mehr haben. Denn je länger das Zinsniveau niedrig bleibt, desto mehr gewöhnen sich Gläubiger und Schuldner daran. Die Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Bürgern in der Eurozone beträgt beinahe 250 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Das sind knapp 50 Prozentpunkte mehr als noch im Jahr 2000. Ein plötzlicher und massiver Anstieg der Zinsen würde an den Finanzmärkten zu einer Bruchlandung führen.

Sorge um italienische Banken

Ob der Flug der Zentralbank-Kapitäne letztlich gelingt, bleibt abzuwarten. Der Tower meldete bereits einige Turbulenzen. Den Banken bricht ihre wichtigste Einnahmequelle wegen der fallenden Zinsmargen weg. Vor allem in Südeuropa sitzen die Geldhäuser zudem auf notleidenden Krediten. Allein die italienischen Institute dürften Darlehen von bonitätsschwachen Kunden in einem dreistelligen Milliarden-Euro-Bereich in ihren Büchern haben. Nicht umsonst stützt die EZB die Banken mit speziellen Krediten: TLTROs (Targeted Longer-Term Refinancing Operations) sind Langfristkredite für Banken. Ein Kreditvolumen von mehr als 700 Milliarden Euro soll Liquidität und Erträge der Institute sichern. Ob das aber reicht, um alle Banken am Leben halten zu können, erscheint angesichts der weitverbreiteten Bilanzschwäche fraglich.

An Krisen mangelt es der EZB nicht

Nur bei vollem Schub, also einer immer aggressiveren Geldpolitik, lassen sich nach Ansicht der Zentralbanker mögliche Strukturbrüche überstehen. Nach ihrem Selbstverständnis ist die EZB auch für die kurzfristige Stabilität an den Märkten zuständig. Und an kleinen und größeren Krisen mangelt es nicht. Mal hält ein schwächeres Wirtschaftswachstum, ein anderes Mal der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union oder eine neue populistische Regierung in Italien die Notenbanker auf Kurs.