Flossbach von Storch zu Dax-Prognosen Crash-Propheten heischen zu Unrecht um Aufmerksamkeit

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Lieber Crash-Prophet als Gesundbeter

Der Prognoselieferant hat letztlich zwei Möglichkeiten der Prognose-Herleitung, hier exemplarisch an der allseits beliebten Indexprognose „Wo steht der Dax am Ende des Jahres 2020?“ ausgeführt. Möglichkeit eins ist die defensive Variante. Der Analyst nimmt dazu die historische Wertentwicklung, also die durchschnittliche jährliche Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte, und schlägt sie auf den aktuellen Kurs drauf – oder zieht sie ab, je nach gefühlter Marktlage. Damit taugt er nicht zum Helden der Geschichte, weil es ihm viele gleichtun und er deshalb nicht auffällt. Genau das ist das Kalkül: Nicht auffallen, nicht Gefahr laufen, später einen vors Schienbein zu bekommen – aber dabei sein.

Den Tritt wiederum nimmt der Befürworter von Möglichkeit zwei, der offensiven Variante, billigend in Kauf. Ihm geht es darum, möglichst große Aufmerksamkeit mit seiner Prognose zu erzielen, also im besten Falle der Held der Geschichte zu werden. Dass tut er, indem er möglichst weit vom Prognosemittelwert abweicht; wenngleich auch er ein „Sicherheitsnetz“ einzieht. Denn er wird mit großer Wahrscheinlichkeit nach unten abweichen, also den Rückschlag vorhersagen, womöglich sogar den Crash. Denn der Untergangsprophet ist weit besser beleumundet, als derjenige, der neue Höchststände ausruft. Ein kritischer Geist, als der er höchstwahrscheinlich auch dann gilt, wenn seine Prognose nicht eintrifft: Dann eben ein Jahr später. Weit schlechter steht der Optimist da, sollte er falschliegen. Als Gesundbeter und Traumtänzer. Unverbesserlich. Seit der Dotcom-Krise sollte man sich allzu optimistische Prognosen besser verkneifen.

Teil der Börsenfolklore

Im Grunde genommen bilden Prognosegeber und Medien eine Interessengemeinschaft. Eine Verbindung, für die es durchaus nachvollziehbare Gründe gibt, und die über Jahre gewachsen, also immer inniger geworden ist – und deshalb kaum mehr hinterfragt wird. Ein fester Bestandteil der Börsenfolklore, so wie die Börsenglocke an der New Yorker Wall Street. Der kleine, aber entscheidende Unterschied: Die Börsenglocke schadet niemandem, der Prognosezirkus hingegen schon. Nämlich all denen, die sich daran orientieren, weil sie es schlicht nicht besser wissen, den wahren Wert der Jahresprognosen nicht einschätzen können. Wer liest, der Crash stünde in den kommenden zwölf Monaten bevor, und daraufhin sein Depot umkrempelt, könnte schon bald als großer Verlierer dastehen.

Wer dagegen weiß, wie diese Punktprognosen entstehen, kann sie als das ansehen, was sie im besten Falle sind: Unterhaltung. Nicht mehr. Er wird erkennen, dass am Ende eines Börsentages, der vollgepackt ist mit marktschreierisch vorgetragenen News, gar nicht so viel Relevantes übrig bleibt. Der Lärm, der tagein, tagaus gemacht wird, ist schnell verklungen.

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