Flossbach von Storch zu Anleihen Anleiheinvestoren droht zinsloses Risiko

Verschiffung von Neufahrzeugen in Mexiko: Oftmals bergen Zinsmärkte in anderen Regionen der Welt hohes Potenzial, auch nach Absicherung von Währungsrisiken. | © Getty Images

Verschiffung von Neufahrzeugen in Mexiko: Oftmals bergen Zinsmärkte in anderen Regionen der Welt hohes Potenzial, auch nach Absicherung von Währungsrisiken. Foto: Getty Images

Allen guten Vorsätzen zum Trotz, halten Anleger manchen Gewohnheiten auch im neuen Jahr die Treue. Pünktlich zum Jahresanfang zieht man Bilanz, schaut zurück auf das vergangene Anlagejahr, um sogleich die Erwartungen, Markteinschätzungen und Prognosen für das neue Jahr aus dem Hut zu zaubern. Täglich grüßt das Murmeltier, auch oder gerade am Anleihemarkt.

Kaum Chancen für „Buy and Hold“

Die Themen sind gesetzt. In weiten Teilen der Welt gibt es schon lange keinen Zins und damit keine Ertragschancen für „Buy and Hold“-Investoren mehr, die Anleihen immer noch kaufen, um sie bis zur Fälligkeit zu halten. Und das, obwohl wir 2019 im Zuge einer fulminanten Kursrally am Anleihemarkt noch einmal neue Tiefststände bei den Renditen von Staats- und Unternehmensanleihen jeglicher Bonitäten gesehen haben.

Der jüngste Stabilitätsbericht der Europäischen Zentralbank (EZB) bringt die aktuelle Situation auf den Punkt. Bei Anleihen im Wert von 13,5 Billionen US-Dollar (das sind ein Viertel aller ausstehenden globalen Titel) bezahlen Anleger aufgrund der negativen Renditen dafür, die Bonds zu halten; sprich jemandem Geld zu leihen.

Vorsicht, Risiko!

In den vergangenen Jahren haben die Anleiheinvestoren in der Eurozone sukzessive auf immer mehr Rendite verzichtet und dafür gleichzeitig die Durations- und Kreditrisiken erhöht. Während sich der durchschnittliche Kuponzins in den europäischen Anleiheportfolios seit 2011 um zwei Drittel reduziert hat, ist die dazugehörige durchschnittliche Restlaufzeit der Portfolios um 50 Prozent gestiegen. Dies macht Rentenanlagen in mehrerlei Hinsicht anfällig für Marktkorrekturen. Eine höhere Duration wirkt sich tendenziell stärker negativ aus, wenn die Zinsen im entsprechenden Laufzeitbereich ansteigen. Gleiches gilt für einen Anstieg der Risikoaufschläge (Credit Spreads) – insbesondere im niedrigen Qualitätsbereich. Und Kupons und Renditen nahe Null oder darunter bieten eben nahezu keinen Ertragspuffer mehr.

Keine Zinswende in Sicht…

Die gute Nachricht aus unserer Sicht: Mit einem nachhaltigen Zinsanstieg oder gar einer Zinswende, wie sie bis vor gar nicht so langer Zeit noch von vielen Marktteilnehmern erwartet wurde, ist unseres Erachtens noch für sehr lange Zeit nicht zu rechnen. Aber von den aktuell sehr niedrigen Zins- und Risikoaufschlagsniveaus sind durchaus Korrekturen nach oben möglich.

… aber temporäre Korrekturen nach oben

Und das kann dann erheblich schmerzen. Steigt die Rendite von 10-jährigen Bundesanleihen beispielsweise von aktuell minus 0,30 Prozent jährlich um einen Prozentpunkt auf plus 0,70 Prozent jährlich, dann verliert ein Anleger im Marktwert dieser Anleihe gut zehn Prozent. Es dürfte wohl jeder mit der Aussage übereinstimmen, dass plus 0,70 Prozent sowohl nominal als vor allem auch real (also abzüglich der Inflation) immer noch ein sehr niedriger Zinssatz ist. Auch ohne eine wirkliche Zinswende können einem Bond-Portfolio im aktuellen Marktumfeld folglich empfindliche Einschläge drohen.

Kaufen und Halten? Lieber nicht…

Gerade Anleger alter Schule, die ihr Wertpapier-Depot mit Anleihen stabilisieren möchten, müssen plötzlich selbst kleinste Kursschwankung am Markt fürchten. Schlicht, weil es für klassische Bondanleger, die früher einmal als „Kuponschneider“ bezeichnet wurden, keinen ausreichenden Ertragspuffer aus der vom Emittenten offerierten Verzinsung mehr gibt.

Das bedeutet nach unserer Analyse aber längst nicht, dass Anleiheinvestments im Jahr 2020 (und darüber hinaus) keinen Sinn mehr machen. Unter anderem auch deshalb, weil die Zentralbanken eben diesen fragilen Marktzustand erkannt haben und mit ihrer Geldpolitik wohl weiterhin versuchen werden, das Finanz- und Währungssystem möglichst stabil zu halten. Was auch immer es kosten möge („whatever it takes“). Die jüngsten Entscheidungen und Aussagen der EZB stützen zumindest diese Einschätzung – und sorgen gleichfalls für niedrigere Kursschwankungen, wie wir sie gerade am Markt beobachten können.