Flossbach von Storch Research Institute Was ist die richtige Investitionshöhe für Deutschland?

Norbert F. Tofall ist Senior Research Analyst bei der Denkfabrik der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch

Norbert F. Tofall ist Senior Research Analyst bei der Denkfabrik der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch

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„Im März brachte die Bundesregierung ihr Investitionspaket von zusätzlich 15 Milliarden Euro für die Zeit bis 2018 auf den Weg. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble betont, „dass das eine ganz entscheidende Maßnahme für die wirtschaftliche Entwicklung“ sei.

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln stellte im Januar 2015 fest, dass die deutsche Wirtschaft unter ihren Möglichkeiten bleibe, was vor allem für Investitionen gelte. Das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans Böckler Stiftung sieht das genauso. Im November 2014 warnte das DIW Berlin, dass die Investitionsschwäche den Wirtschaftsstandort Deutschland gefährde. Und schon im Sommer 2014 stellte der DIHK eine Investitionsschwäche in Deutschland fest.

Das Bundesfinanzministerium trat vorsorglich bereits im März 2014 dem Bundeswirtschaftsministerium entgegen und bestritt, dass es in Deutschland eine Investitionsschwäche gibt. Das hielt den Bundeswirtschaftsminister jedoch nicht davon ab, Ende August 2014 eine Expertenkommission aus Wissenschaftlern, Unternehmens- und Gewerkschaftsvertretern und Vertretern von Verbänden einzuberufen, welche seitdem die Behebung der deutschen Investitionsschwäche erörtern.

Doch was ist die richtige Investitionshöhe?

Unstrittig dürfte sein, dass die öffentliche Infrastruktur in Deutschland marode ist, weil es in den vergangenen Jahren versäumt wurde, sie zu erhalten. Da eine intakte Infrastruktur wie zum Beispiel intakte Kölner und Leverkusener Rheinbrücken allgemein wünschenswert sind, kann in diesem Sinne von einer öffentlichen Investitionslücke gesprochen werden.

Der Maßstab, an dem diese Investitionslücke zu messen ist, sind die subjektiven Präferenzen der Menschen, die sich eine intakte Infrastruktur wünschen.

Eine ganz andere Frage ist, ob die Schließung dieser Lücke durch neue Schulden, Steuererhöhungen oder durch Einsparungen in anderen öffentlichen Bereichen finanziert werden soll, ob man sogar Straßenprivatisierungen mit entsprechender privater Finanzierung in Erwägung zieht oder ob man die notwendigen Infrastrukturinvestitionen aufgrund wichtigerer anderer Projekte weiterhin zurückstellt.

Wesentlich komplexer wird unsere Ausgangsfrage bei Betrachtung der Brutto- und Nettoanlageinvestitionen in Deutschland. Diese sind für die zukünftige ökonomische Entwicklung unseres Landes entscheidend, weil sie die Höhe, Zusammensetzung und intertemporale Struktur des Kapitalstocks bestimmen. Dabei darf man sich Kapital und den Kapitalstock nicht als ein homogenes Aggregat vorstellen, sondern als einen Fluss von Kapitalgütern und Leistungen.

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Zur Erinnerung:

Kapital sind die von Individuen subjektiv mit Marktpreisen bewerteten Kapitalgüter. Kapitalgüter sind jene Produktionsfaktoren, die in jeder Zwischenetappe eines konkreten Produktionsprozesses benötigt werden. Die Zwischenetappen der Produktionsprozesse ergeben sich aus dem vom Akteur verfolgten Produktionsziel und seiner subjektiven Perspektive, seinen individuellen Präferenzen und Einschätzungen sowie seinem individuellen Wissen.

Nicht alle Vermögensgegenstände sind Kapitalgüter, sondern nur jene, die nach subjektiver Einschätzung und individueller Präferenz eines Akteurs in einem Produktionsprozess zur Erreichung des Produktionszieles benötigt werden. Entsprechend ist die Bewertung dieser Kapitalgüter höchst subjektiv und kann nur durch Marktpreise bewertet werden, welche die subjektiven und individuellen Ziele und Präferenzen der Menschen und ihre subjektiven und individuellen Einschätzungen über die zukünftigen Zahlungen, die durch die Endprodukte auf dem Markt vielleicht erzielt werden, widerspiegeln.

Die Höhe des Kapitals, der Kapitalwert, ergibt sich deshalb aus den zukünftigen, diskontierten Erwartungen der handelnden Menschen. Darüber hinaus unterscheiden sich reiche und arme Gesellschaften nicht dadurch, dass reiche Volkswirtschaften mehr Güter und Arbeit einsetzen und einen höheren technologischen Wissensstand haben. Reiche und arme Volkswirtschaften unterscheiden sich hauptsächlich durch den Grad und die Art und Weise der Verknüpfung und Verflechtung von Kapitalgütern.
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