private banking magazin: Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) sind aus der Opec und Opec+ ausgetreten – ein historischer Schritt. Wie bewerten Sie das mit Blick auf den Finanzplatz Dubai, als Stärkung der wirtschaftlichen Eigenständigkeit oder als Risiko einer wachsenden Rivalität insbesondere mit Saudi-Arabien?
José Campos-Nave: Die aktuelle Lage der VAE ist nach ihrem Austritt aus der Opec und Opec+ seit dem 1. Mai 2026 neu zu beurteilen. Die VAE haben diese Organisationen nach fast 60-jähriger Mitgliedschaft verlassen, um ihre Ölproduktion künftig unabhängig von Förderquoten und stärker an nationalen Interessen sowie Marktbedingungen auszurichten. Hauptgründe waren langjährige Konflikte über Produktionslimits, insbesondere mit Saudi-Arabien, die nicht mehr zur stark ausgebauten Förderkapazität der VAE passten, sowie der Wunsch nach größerer strategischer und wirtschaftlicher Souveränität.
Was das Verhältnis zu Saudi-Arabien betrifft: Die Beziehungen sind derzeit kooperativ, aber spürbar angespannt. Zwar bleiben beide Länder strategische Partner im Golf, doch haben sich ihre Interessen in den vergangenen Jahren zunehmend auseinanderentwickelt – besonders in der Energiepolitik und bei der Frage der regionalen Führungsrolle.
Die sehr starke Stellung der VAE als einer der wichtigsten Finanzplätze der Welt ist ein Faktum, das zu dieser Rivalität beiträgt. Die wirtschaftliche und finanzstrategische Rolle Dubais ist sogar noch gewachsen, da die Welt sehr genau sieht, wie wichtig ein verlässlicher Partner in dieser Weltregion ist. Das Selbstverständnis des Kronprinzen Mohammed bin Salman als – nach seiner Eigenwahrnehmung – wichtigster Herrscher und Entscheider in der Region führt im Übrigen auch zu Spannungen mit der Herrscherfamilie Al-Thani in Katar.
Die Straße von Hormus ist noch immer durch den Iran-Konflikt faktisch blockiert – nicht zuletzt rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Gashandels läuft durch diese Meerenge. Welche konkreten Auswirkungen spürt die Wirtschaft in Dubai am meisten?
Campos-Nave: Die größte Ölproduktion erfolgt durch Abu Dhabi, aber Dubai als Finanz-, Logistik- und wirtschaftspolitischer Hub bekommt die Folgen zu spüren. In der Meerenge von Hormus stauen sich die Öltanker. Der Warentransport nach und aus den VAE ist blockiert. Lediglich auf dem Landweg und per Flugzeug erfolgt die wesentliche Versorgung der VAE mit Gütern und auch der Abtransport von Waren. Seit dem Konflikt werden neue Transportwege durch Saudi-Arabien und den Oman aufgebaut.
Der Flugverkehr in Dubai war nach den Angriffen massiv eingeschränkt. Ist die Situation mit der Ankündigung eines vollständigen Flugplans wieder wie vor den Angriffen?
Campos-Nave: Bei Emirates im Wesentlichen ja. Emirates spricht von 96 Prozent der betriebenen Flüge im Vergleich zur Zeit vor dem Krieg. Ausländische Airlines haben ihre Flugpläne noch nicht in vollem Umfang wieder hochgefahren.
Welche Maßnahmen ergreifen die Behörden, um die Anziehungskraft des Standorts Dubai zu verstärken?
Campos-Nave: Es wird weiter an den verbesserten Rahmenbedingungen für Unternehmen in der Region gearbeitet. Es gab seitdem diverse neue Gesetze und weitere Implementierungen, die den Finanzplatz noch attraktiver machen sollen – unter anderem ein neues Anti-Money-Laundering-Gesetz, eine Kapitalmarktreform, ein R&D-Tax-Credit-Regime sowie diverse Haushaltsverwaltungs- und Finanzverwaltungsgesetze. Gleichzeitig werden neue und ikonische Immobilienprojekte lanciert beziehungsweise fortgesetzt – unter anderem Emaar South, Palm Jebel Ali und der Burj Azizi, der zum zweithöchsten Gebäude der Welt werden soll.
Wie groß ist der Vertrauensschaden und wie schnell kehrt verlorenes Vertrauen institutioneller Investoren und vermögender Privatkunden auch angesichts der jüngsten Angriffe auf die Ölproduktion des Emirats zurück?
Campos-Nave: Ist das Vertrauen zerstört? Nein. Ist das Vertrauen beschädigt? Ja. Die fast unbedingte faktische Sicherheitszusage der VAE für die Sicherheit von Leib und Leben sowie für Unternehmenswerte und Investments kann im vollen Umfang nicht aufrechterhalten werden. Die Welt nimmt zur Kenntnis, dass der Iran sich in einem Dauerkonflikt – mit diversen Eskalationsstufen mit den USA und Israel – befindet und wohl auch dauerhaft befinden wird.
Ein Heraushalten der VAE aus diesen Konflikten wird so lange nicht möglich sein, wie die USA weiterhin Militärbasen in der Region unterhalten. Derzeit ist nicht davon auszugehen, dass diese US-Militärpräsenz abnehmen wird. Im Gegenteil: Auch in den VAE reift die Erkenntnis, dass ein militärischer Schutz durch die USA vor externen Aggressoren zwingend zu erhalten ist – nicht nur zur Abwehr von Raketenangriffen, sondern zur Durchsetzung der Freiheit der Schiffsrouten. Ein Umstand, der für die Öl- und Warenwirtschaft der VAE überlebenswichtig ist.
Welche drei Lehren ziehen Sie persönlich aus den Ereignissen der vergangenen Wochen für Mandanten, die Dubai als Vermögens- und Unternehmensstandort in Betracht ziehen?
Campos-Nave: Erstens ist und bleibt Dubai einer der wichtigsten Finanzplätze der Welt und eine Drehscheibe für die Verbindung von Asien nach USA und Europa sowie vice versa. Zweitens wird Dubai wird diese Position noch weiter ausbauen, da eine solche enorme Stärke eine Art Überlebensgarantie gegenüber konkurrierenden Staaten wie Saudi-Arabien und rivalisierenden Ländern wie dem Iran darstellt.
Drittens bleibt die gesamte Middle-East-Region fragil. Gleichwohl sind die Chancen für Unternehmen enorm, da unternehmerisches Know-how auf Investitionsmöglichkeiten und Projekte vor Ort trifft und die Finanzierung durch externe Investoren – Staaten sowie vermögende Familien in der Golfregion – gesichert werden kann.
Über den Interviewten:
José Campos-Nave ist Rechtsanwalt, der deutsche und internationale Mandanten zu Fusionen und Steuern, Geschäftserweiterungen und grenzüberschreitenden Projekten mit Schwerpunkt auf Europa, dem Nahen Osten und Afrika berät. Der promovierte Experte ist zudem zertifizierter Berater für Krypto-Assets und Steuern sowie Compliance-Beauftragter.