Feri-Chef im Gespräch „Ich warne vor naiver Diversifikation”

Frank W. Straatmann ist Vorstand beim Investmenthaus Feri. | © Lutz Sternstein

Frank W. Straatmann ist Vorstand beim Investmenthaus Feri. Foto: Lutz Sternstein

private banking magazin: Wir sind im zehnten Jahr nach der Finanzkrise und spüren immer noch die Nachwehen. Wie hat sich die Risikowahrnehmung der vermögenden Klientel seitdem geändert?

Frank W. Straatmann: Auch wenn unsere Klientel die Gemeinsamkeit eines größeren Vermögens verbindet – den einen typischen Kunden gibt es nicht. Für manche Kunden ist das Thema Vermögensanlage eher weit weg, sie delegieren das komplett an uns. Andere Kunden beobachten selbst intensiv die Kapitalmärkte, haben klare Vorstellungen und sehen uns eher als Diskussions- und Sparrings-Partner für die Umsetzung ihrer Anlagestrategie. Allgemein hat sich der Fokus weg von der Rendite hin zum Kapitalerhalt verlagert. Das gilt auch noch im zehnten Jahr nach der Finanzkrise.

Wird das allgemein sinkende Renditeniveau, das sich aus der Nullzinspolitik ergibt, auch für die eigene Vermögensanlage akzeptiert?

Straatmann: Unsere Mandanten verstehen schon, dass sie ihre Renditeansprüche an die Gegebenheiten der Finanzmärkte anpassen müssen. Das ist aber ein Konflikt, denn selbst eine Zielrendite von beispielsweise 5 Prozent ist ohne zusätzliches Risiko nicht möglich.

Gehen vermögende Kunden das gesunkene Renditeniveau eins zu eins mit und passen ihre Erwartungen an?

Straatmann: Natürlich haben die Kunden nach wie vor gewisse Erwartungen – aber viel wichtiger ist es, dass man diese im Rahmen der Beratung ins aktuelle Marktumfeld einordnet. Gerade den Zielkonflikt zwischen weiterhin hoher Renditeerwartung bei wenig Risikobereitschaft muss man ansprechen.

Nun passen die Renditen von Staats- oder Unternehmensanleihen mit guter Bonität nicht zu den gewünschten 5 Prozent. Ist die Gefahr groß, dass sich anderweitige Risiken in die Portfolios einschleichen?

Straatmann: Das sehen wir tatsächlich. Der Spruch „Dividenden sind die neuen Zinsen“ ist aber Blödsinn. Das werden viele merken, wenn es zu größeren Rückschlägen an den Märkten kommt. Denn in diesen Zeiten einfach immer nur die Aktienquoten zu erhöhen, ist keine Strategie. Kommt dann eine Krise wie 2008/2009, kann es ein böses Erwachen auf Kundenseite geben – mit Folgen für das Verhältnis zum Berater.

Wer aber zu defensiv an den Märkten positioniert ist, sitzt auch bei der Performance auf der Rückbank – zumindest in den vergangenen Jahren. Das verzeiht einem der Kunde auch nicht lange.

Straatmann: Ich gebe Ihnen recht, das ist ein Spagat. Aber was ist die Alternative? Unsere Klientel möchte langfristig ihr Familienvermögen erhalten. In der Beratung analysieren wir dann mit ihnen verschiedene Szenarien – nicht mit Prozentzahlen, sondern mit absoluten Zahlen, dann wird es realistischer. Ein Verlust von 15 Prozent im Familienvermögen ist für viele Mandanten weniger greifbar als die Aussage, dass aus 30 Millionen Euro 25,5 Millionen Euro werden könnten. Mandanten, die bereits die Finanzkrise oder zuvor die Dotcom-Blase erlebt haben, wissen ihre eigene Risikotragfähigkeit am besten einzuschätzen.

Verstehen Kunden die „Neue Normalität“ und ihre Folgen für das Vermögen?

Straatmann: Das ist sicher nicht immer einfach. Selbst in unserer Branche ist der Begriff unterschiedlich besetzt. Entsprechend wichtig ist die Kommunikation mit dem Mandanten. Dann muss man fragen: Verstehen wir darunter das Gleiche oder reden wir über ein- und denselben Begriff, aber in unterschiedlichen Definitionen?

Immer wieder werden die Finanzmärkte auch sehr politisch. Hat sich da in der Kundenberatung etwas geändert?

Straatmann: Insofern ja, dass es für uns zur Routine geworden ist, das Undenkbare für denkbar zu halten. So war unser Chefanlagestratege Heinz-Werner Rapp bereits früh davon überzeugt, dass Donald Trump die Wahl in den USA gewinnen würde – und so kam es auch. In einem solchen Fall muss man als Organisation schnell sprechfähig sein und den Kunden entsprechende Informationen zur Verfügung stellen. Die Auswirkungen solcher Faktoren auf die Kapitalmärkte analysieren wir umfassend. Zusätzlich haben wir vor zwei Jahren auch ein eigenes Institut gegründet – das Feri Cognitive Finance Institute.