private banking magazin: Der Abschied von Ihnen, Frau Biber, und die Integration des SDG Office in ein Next-Gen-Setup markieren einen Einschnitt. Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt für diesen Schritt?
Antje Biber: Aus meiner persönlichen Sicht entwickelt sich das Thema Nachhaltigkeit im Moment sehr stark weiter. Der Markt hat sich einfach verändert. Wir bewegen uns weg von einer rein Compliance-orientierten Herangehensweise hin zu einer viel stärker wirkungsorientierten Anlage. Und genau darin sehe ich auch großes Potenzial, weil sich dadurch neue, viel umfassendere Perspektiven eröffnen.
Der Fokus der Investoren hat sich nach diesem Backlash, der den Markt ja wirklich sehr stark konsolidiert hat, deutlich verändert. Meines Erachtens sind heute nur noch die Player übrig, die das Thema wirklich ernsthaft nach vorne treiben wollen. Und auch die Investoren definieren und erweitern Nachhaltigkeit jetzt viel umfangreicher – viel mehr in Richtung Wirkung, viel mehr in Richtung ganzheitlicher Anlage.
Für mich bedeutet das, dass ich mich durch mein internationales Netzwerk viel stärker einbringen und teilhaben möchte. Dieses Netzwerk ist mittlerweile sehr ausgeprägt im Ausland – europäisch, aber eben auch global, mit einem klaren Footprint in den USA und in Asien. Und genau dieser globale Footprint ermöglicht mir, an dieser Neuorientierung der Investoren aktiv mitzuwirken. Das ist eine spannende Zeit. Ich sehe da sehr viel Potenzial, gerade für internationale Kooperationen und darauf möchte ich mich konzentrieren.
Marcel Lähn: Zunächst möchte ich betonen, dass Antje bei Feri über 20 Jahre hinweg sehr erfolgreiche und prägende Arbeit geleistet hat. Sie hat das SDG Office 2019 auch aus persönlicher Überzeugung heraus gegründet, um dem Nachhaltigkeitsgedanken in unserem Unternehmen und in unseren Investmententscheidungen Ausdruck zu verleihen. Für diese langjährige, engagierte Arbeit und ihren diesbezüglichen wesentlichen Beitrag zur strategischen Entwicklung des Hauses möchte ich ihr ausdrücklich danken. Ihre Expertise und ihr Einsatz haben das Thema Nachhaltigkeit bei Feri maßgeblich geprägt, und dafür gebührt ihr große Wertschätzung.
Nach dem erfolgreichen Aufbau und Ausbau des Bereichs – auch unter Berücksichtigung sämtlicher regulatorischer Anforderungen – kann ich den persönlichen Schritt, den Wunsch von Antje, sich zu verändern und sich nochmals anderen beruflichen Herausforderungen zu stellen, sehr gut nachvollziehen, wenngleich ich ihr Ausscheiden persönlich bedaure.
Ist diese Veränderung eher als personeller Übergang zu verstehen – oder als strategische Weiterentwicklung der Nachhaltigkeitsarchitektur bei Feri?
Lähn: Grundsätzlich ist es sowohl ein personeller Übergang als auch eine strategische Weiterentwicklung. Auf der einen Seite möchte Antje künftig einen größeren Part auf der internationalen Bühne der Nachhaltigkeit einnehmen. Auf der anderen Seite werden wir unsere Nachhaltigkeitsstrategie natürlich weiterhin unter dem bekannten und bewährten SDG Office‑Setup fortführen.
Dass das Thema Nachhaltigkeit sowohl in unserem eigenen Investmentprozess als auch für unsere Kunden und für die gesamte Unternehmung heute so fest verankert ist, ist vielfach auf Antje Bibers Arbeit zurückzuführen. Sie hat diesen Bereich über viele Jahre hinweg auf‑ und ausgebaut, sodass unser SDG Office marktweit große Beachtung fand. Durch ihren besonderen Einsatz hat sie zudem dazu beigetragen, international anerkannte Formate wie das Global Asset Owner Meeting ins Leben zu rufen.
Bei diesem Treffen sind international aktive Investoren zusammengekommen, um deutlich zu machen, wie tatsächlicher Impact durch Investments mit einem üblichen Rendite‑Risiko‑Blickwinkel vereinbar ist.
Was sagt diese Entscheidung über den Reifegrad von ESG- und SDG-Themen im Haus aus?
Lähn: Antje hat damals ganz bewusst in enger Rücksprache mit dem Management – kein ESG Office, sondern ein SDG Office gegründet. Hintergrund war, deutlich zu machen, dass die für uns ausgewählten SDGs auf gesamter Unternehmensebene als Leitlinien für den Umgang mit dem Thema Nachhaltigkeit verankert sind und damit den Reifegrad unseres Ansatzes widerspiegeln.
Bereits bei der Gründung und dem anschließenden Aufbau des SDG Office wurde sehr klar, dass wir Nachhaltigkeit nicht nur regulatorisch erfüllen wollten, sondern strategisch im Unternehmen verankern. Antje hat diesen Bereich von Beginn an so strukturiert, dass das SDG Office weit über klassische ESG‑Standards hinausging und eine inhaltlich tiefere, wirkungsorientierte Perspektive verfolgt hat. Genau diese Ausrichtung – verbunden mit der bewussten Auswahl und Verankerung der relevanten SDGs als Leitlinien – hat maßgeblich dazu beigetragen, dass ESG- und SDG‑Themen heute fest in unseren Prozessen, in unseren Kundenlösungen und in der gesamten Unternehmung integriert sind.
Frau Biber, Sie haben das SDG Office seit seiner Gründung 2019 geprägt. Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigste Errungenschaften dieser Arbeit – intern wie extern?
Biber: Das Wichtigste war für mich immer, das Thema im gesamten Konzern zu vertreten – also weg von einer Sonderlösung oder einer speziellen Abteilung hin zu etwas, das wirklich in allen Bereichen verankert ist. Und genau das haben wir erreicht: Nachhaltigkeit ist heute in allen Bereichen integriert, vom Privatkundengeschäft über das Risikomanagement bis hin zum Portfoliomanagement. Es ist im Haus mittlerweile wirklich verankert. Für mich war das interne Verweben in die gesamte Dienstleistungspalette von Feri ein ganz wesentlicher Erfolg.
Extern war es natürlich die Reputation, die wir aufgebaut haben – die Auszeichnungen, die Vergleiche mit Wettbewerbern, die klar zeigen, wie wir uns positionieren. Und es waren die Formate und Meetings, die wir ins Leben gerufen haben, allen voran das Global Asset Owner Meeting, das wir zweimal erfolgreich durchgeführt haben. Dieses Format spiegelt genau das wider, was ich vorhin gesagt habe: dass es international einen stetigen und wachsenden Bedarf an wirkungsorientierten Investmentansätzen gibt.
Dass wir dafür internationale Anerkennung bekommen haben – von der Europäischen Kommission über die UN bis hin zu großen globalen Asset Ownern –, das sehe ich persönlich als einen sehr wichtigen Meilenstein. Es zeigt, dass unsere Arbeit und unser Ansatz für die Weiterentwicklung dieser Thematik wirklich Relevanz haben.
Wo ist es Ihnen besonders gelungen, Investoren Nachhaltigkeit nicht nur als Wertefrage, sondern als Kapital- und Risikothema zu vermitteln?
Biber: Für mich war der wichtigste Punkt immer, deutlich zu machen, dass Nachhaltigkeit eben nicht etwas ist, das man „on top“ betrachtet, sondern dass es ein zentrales Kapital‑ und Risikothema ist. Besonders gelungen ist uns das überall dort, wo wir Nachhaltigkeit wirklich in die bestehenden Strukturen und Entscheidungswege integriert haben – also nicht als Zusatz, sondern als Teil der DNA des Unternehmens. Diese Verwebung durch das gesamte Unternehmen, vom Privatkundengeschäft über das Risikomanagement bis hin zum Portfoliomanagement, war entscheidend.
Und genau in diesem Kontext hat sich gezeigt, wie ernsthaft die Investoren das Thema angehen und wie groß der Wille ist, gemeinsam daran zu arbeiten. Das wurde besonders deutlich beim Global Asset Owner Meeting. Eines der großen Themen in diesem Jahr war die Teilnahme der Europäischen Zentralbank – und das ist ein starkes Zeichen. Die EZB treibt diese Entwicklung selbst aktiv voran und schaut in die gleiche Richtung wie wir. Das zeigt sehr klar, dass Nachhaltigkeit längst ein strategisches Kapital‑ und Risikothema geworden ist, das von führenden Institutionen weltweit ernsthaft vorangetrieben wird.
Gab es Momente, in denen Sie gespürt haben: ESG ist endgültig im Mainstream angekommen – oder vielleicht auch an Grenzen gestoßen?
Biber: Natürlich, diese Momente gab es. Gerade in den ersten zwei, drei Jahren – also bis etwa 2022 – hatte ich oft den Eindruck, dass ESG von vielen eher als kurzfristiger Trend betrachtet wurde, etwas, das man schnell aufgreift, um Kundenerwartungen zu bedienen. Es wirkte manchmal so, als würde man das Thema „einfach mitmachen“, ohne es wirklich inhaltlich zu durchdringen.
Heute sieht man sehr klar die Trennlinie. Wir haben in der Umsetzung gemerkt, wo die Grenzen lagen – nämlich immer dort, wo ESG nur oberflächlich, rein formal oder ausschließlich als Erfüllung von Ausschlusskriterien verstanden wurde.
Die große Trendwende besteht für mich darin, dass es bei den Investoren heute eigentlich gar nicht mehr um klassisches ESG geht. Es geht nicht mehr darum, einzelne Dinge „nicht zu machen“, sondern fast ausschließlich um Wirkung – um die Frage: Was tut mein Geld? Welche Veränderung bewirkt ein Investment tatsächlich?
Und genau das ist für mich der Punkt, an dem ESG einerseits im Mainstream angekommen ist, andererseits aber auch seine Grenzen erreicht hat. Denn Wirkung, Transparenz und wirkliche Integration lassen sich nicht nach Checkliste abarbeiten. Sie erfordern Tiefe, Substanz und Professionalität – und genau dort findet heute die Weiterentwicklung statt.
Lähn: Ich kann Antje da nur zustimmen. Wir sehen die Einsicht an vielen Stellen: Nachhaltigkeit ist kein Modethema und bleibt auch kein separates Zusatzthema. Vielmehr entwickelt es sich im Zuge professioneller Investmentprozesse immer stärker zur Selbstverständlichkeit.
Das Thema Nachhaltigkeit ist heute für institutionelle Investoren, Aufsichtsbehörden und Asset Manager gleichermaßen ein integraler Bestandteil der Kapitalanlage. Und genau darin zeigt sich für mich der eigentliche Reifegrad: Es geht nicht mehr um Labels oder Schlagworte, sondern um eine fachliche, datenbasierte und wirkungsorientierte Betrachtung von Risiken und Chancen.
Gleichzeitig wird aber auch deutlicher, wo Grenzen im Markt liegen – insbesondere dort, wo ESG oberflächlich genutzt oder nicht sauber in Prozesse integriert wurde. Umso wichtiger ist es, dass wir bei Feri frühzeitig den Weg gegangen sind, Nachhaltigkeit über ausgewählte SDGs klar zu definieren und unternehmensweit zu verankern.
Nach rund 20 Jahren bei Feri: Was hat sich im Verständnis institutioneller und vermögender privater Investoren in Bezug auf Nachhaltigkeit am stärksten verändert?
Biber: Bei den institutionellen Investoren hat sich vor allem eines verändert: Nachhaltigkeit wird heute als feste Risikomanagement‑Notwendigkeit gesehen, nicht mehr als Zusatzthema. Und man spürt zunehmend – besonders bei langfristigen Investoren wie Versicherungen oder Altersvorsorgeeinrichtungen –, dass sie sich viel stärker mit der Wirkung ihres Kapitals beschäftigen: Was kann langfristiges Geld für Menschen, Natur und Klima tatsächlich bewirken, ohne die Rendite aus den Augen zu verlieren?
Im Bereich der vermögenden privaten Investoren spielt der Generationswechsel eine große Rolle. Sobald die nächste Generation am Tisch sitzt, ist Nachhaltigkeit automatisch Thema – ihr Zugang dazu ist viel bewusster und selbstverständlicher. Noch entscheiden häufig die Eltern, aber man merkt klar: Sobald die Next Gen selbst entscheidet, wird Nachhaltigkeit im Private Wealth‑Bereich noch deutlich an Bedeutung gewinnen.
Ihr Abschied wirkt nicht wie ein Bruch, sondern wie eine Staffelübergabe. Ist das SDG Office heute reif genug, um ohne seine Initiatorin zu bestehen?
Biber: Mit Veränderungen ist es ja oft so: Man muss manchmal Dinge verändern, um besser zu werden oder um sich an neue Bedingungen anzupassen. Und natürlich ist das keine leichte Entscheidung. Wenn man über 20 Jahre in einem Unternehmen ist, dann ringt man mit sich – das gehört dazu.
Aber manchmal ist es einfach der richtige Zeitpunkt für eine Veränderung, für einen neuen Schritt, für neue Energie. Ich sage ja gern: Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen. Und für mich bedeutet Veränderung genau das – neue Kraft, neue Impulse, neue Möglichkeiten.
Das Fundament, das wir mit dem SDG Office aufgebaut haben, ist stabil, tragfähig und absolut weiterentwicklungsfähig. Es ist kein Bruch, sondern tatsächlich eine Staffelübergabe. Die Struktur steht, die Integration im Unternehmen steht, die Ausrichtung ist klar. Darauf kann man hervorragend weiterarbeiten.
Herr Lähn, aus Ihrer Perspektive: Was bedeutet das Ausscheiden von Frau Biber für die Fortführung und Weiterentwicklung des SDG Office?
Lähn: Zunächst einmal bedeutet das Ausscheiden von Antje selbstverständlich einen Einschnitt. Gleichzeitig möchte ich aber betonen, dass wir das SDG‑Office, das nach außen ja eine erhebliche Strahlkraft entwickelt hat, in seiner bisherigen Form beibehalten werden. Nachhaltigkeit bleibt ein elementarer Bestandteil unseres Handelns und unserer Investmentphilosophie – ohne dass damit der Eindruck entsteht, wir würden ausschließlich nachhaltig investieren.
Ich freue mich sehr, dass das SDG‑Office künftig in einer Co‑Head‑Funktion fortgeführt wird durch Nicklas Kemmner, der über viele Jahre hinweg sehr vertrauensvoll mit Antje zusammengearbeitet hat und gemeinsam mit ihr das SDG‑Office fachlich und inhaltlich weiterentwickelt hat.
Hinzu kommt Dr. Julia Bahlmann, die seit 2016 in verschiedenen Funktionen im Feri Cognitive Finance Institute tätig ist, zuletzt als Senior Project Manager. 2024/2025 promovierte sie an der Hochschule St. Gallen zum Thema Impact Investing und hat gemeinsam mit Antje mehrere Studien und Publikationen erarbeitet.
Darüber hinaus setzen wir mit dieser Co‑Head‑Struktur auch bewusst ein Zeichen in Richtung Next Gen – sowohl mit Blick auf die sich verändernden Investorenstrukturen als auch im eigenen Haus. Wie Antje es zuvor beschrieben hat, kommen auf Investorenseite zunehmend die nächsten Generationen in die Entscheidungsverantwortung. Und genau dazu passt es, dass wir auch im SDG Office einen Generationentransfer vollziehen. Wir freuen uns sehr, dass wir mit Nicklas Kemmner und Dr. Julia Bahlmann ein Team haben, das die Sprache dieser neuen Investorengeneration spricht und gleichzeitig auf das starke Fundament aufsetzt, das Antje aufgebaut hat.
Bedeutet diese Integration eine Abkehr vom klaren ESG-Fokus – oder ist sie Ausdruck eines umfassenderen Verständnisses von Verantwortung und Kapital?
Lähn: Nachhaltigkeit ist aus meiner Sicht immer langfristig ausgerichtet. Und da das Erzielen eines echten Impacts durch Investments zunehmend in den Fokus der Investoren rückt, entsteht automatisch ein langfristiger Anlagehorizont.
Das passt vollständig zu unserer Philosophie und zu unseren Kunden. Wir haben – wie Antje Biber es zuvor beschrieben hat – ein Alignment of Interest, weil auch unsere institutionellen und privaten Investoren langfristig orientiert sind und entlang internationaler Wirkungsziele agieren. Insofern bedeutet die Integration keine Abkehr, sondern eine Weiterentwicklung unseres Verständnisses von Verantwortung, Wirkung und Kapital.
Biber: Für mich bedeutet diese Integration ganz klar keine Abkehr, sondern genau das Gegenteil: Feri hatte durch meine Arbeit immer schon ein ganzheitliches Verständnis von Nachhaltigkeit – und eben nicht nur ein klassisches ESG‑Verständnis. Es ging uns nie darum, einfach ein paar Kriterien zu implementieren und dann abzuhaken.
Genau deshalb sprechen wir vom SDG Office: weil wir Nachhaltigkeit immer in ihrer Ganzheitlichkeit betrachtet haben, entlang der relevanten Sustainable Development Goals, und nicht als reine ESG‑Checkliste. Die Integration ist für mich Ausdruck eines noch breiteren, umfassenderen Verständnisses von Verantwortung, Wirkung und Kapital.
