Gab es Momente, in denen Sie gespürt haben: ESG ist endgültig im Mainstream angekommen – oder vielleicht auch an Grenzen gestoßen?
Biber: Natürlich, diese Momente gab es. Gerade in den ersten zwei, drei Jahren – also bis etwa 2022 – hatte ich oft den Eindruck, dass ESG von vielen eher als kurzfristiger Trend betrachtet wurde, etwas, das man schnell aufgreift, um Kundenerwartungen zu bedienen. Es wirkte manchmal so, als würde man das Thema „einfach mitmachen“, ohne es wirklich inhaltlich zu durchdringen.
Heute sieht man sehr klar die Trennlinie. Wir haben in der Umsetzung gemerkt, wo die Grenzen lagen – nämlich immer dort, wo ESG nur oberflächlich, rein formal oder ausschließlich als Erfüllung von Ausschlusskriterien verstanden wurde.
Die große Trendwende besteht für mich darin, dass es bei den Investoren heute eigentlich gar nicht mehr um klassisches ESG geht. Es geht nicht mehr darum, einzelne Dinge „nicht zu machen“, sondern fast ausschließlich um Wirkung – um die Frage: Was tut mein Geld? Welche Veränderung bewirkt ein Investment tatsächlich?
Und genau das ist für mich der Punkt, an dem ESG einerseits im Mainstream angekommen ist, andererseits aber auch seine Grenzen erreicht hat. Denn Wirkung, Transparenz und wirkliche Integration lassen sich nicht nach Checkliste abarbeiten. Sie erfordern Tiefe, Substanz und Professionalität – und genau dort findet heute die Weiterentwicklung statt.
Lähn: Ich kann Antje da nur zustimmen. Wir sehen die Einsicht an vielen Stellen: Nachhaltigkeit ist kein Modethema und bleibt auch kein separates Zusatzthema. Vielmehr entwickelt es sich im Zuge professioneller Investmentprozesse immer stärker zur Selbstverständlichkeit.
Das Thema Nachhaltigkeit ist heute für institutionelle Investoren, Aufsichtsbehörden und Asset Manager gleichermaßen ein integraler Bestandteil der Kapitalanlage. Und genau darin zeigt sich für mich der eigentliche Reifegrad: Es geht nicht mehr um Labels oder Schlagworte, sondern um eine fachliche, datenbasierte und wirkungsorientierte Betrachtung von Risiken und Chancen.
Gleichzeitig wird aber auch deutlicher, wo Grenzen im Markt liegen – insbesondere dort, wo ESG oberflächlich genutzt oder nicht sauber in Prozesse integriert wurde. Umso wichtiger ist es, dass wir bei Feri frühzeitig den Weg gegangen sind, Nachhaltigkeit über ausgewählte SDGs klar zu definieren und unternehmensweit zu verankern.
Nach rund 20 Jahren bei Feri: Was hat sich im Verständnis institutioneller und vermögender privater Investoren in Bezug auf Nachhaltigkeit am stärksten verändert?
Biber: Bei den institutionellen Investoren hat sich vor allem eines verändert: Nachhaltigkeit wird heute als feste Risikomanagement‑Notwendigkeit gesehen, nicht mehr als Zusatzthema. Und man spürt zunehmend – besonders bei langfristigen Investoren wie Versicherungen oder Altersvorsorgeeinrichtungen –, dass sie sich viel stärker mit der Wirkung ihres Kapitals beschäftigen: Was kann langfristiges Geld für Menschen, Natur und Klima tatsächlich bewirken, ohne die Rendite aus den Augen zu verlieren?
Im Bereich der vermögenden privaten Investoren spielt der Generationswechsel eine große Rolle. Sobald die nächste Generation am Tisch sitzt, ist Nachhaltigkeit automatisch Thema – ihr Zugang dazu ist viel bewusster und selbstverständlicher. Noch entscheiden häufig die Eltern, aber man merkt klar: Sobald die Next Gen selbst entscheidet, wird Nachhaltigkeit im Private Wealth‑Bereich noch deutlich an Bedeutung gewinnen.
Ihr Abschied wirkt nicht wie ein Bruch, sondern wie eine Staffelübergabe. Ist das SDG Office heute reif genug, um ohne seine Initiatorin zu bestehen?
Biber: Mit Veränderungen ist es ja oft so: Man muss manchmal Dinge verändern, um besser zu werden oder um sich an neue Bedingungen anzupassen. Und natürlich ist das keine leichte Entscheidung. Wenn man über 20 Jahre in einem Unternehmen ist, dann ringt man mit sich – das gehört dazu.
Aber manchmal ist es einfach der richtige Zeitpunkt für eine Veränderung, für einen neuen Schritt, für neue Energie. Ich sage ja gern: Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen. Und für mich bedeutet Veränderung genau das – neue Kraft, neue Impulse, neue Möglichkeiten.
Das Fundament, das wir mit dem SDG Office aufgebaut haben, ist stabil, tragfähig und absolut weiterentwicklungsfähig. Es ist kein Bruch, sondern tatsächlich eine Staffelübergabe. Die Struktur steht, die Integration im Unternehmen steht, die Ausrichtung ist klar. Darauf kann man hervorragend weiterarbeiten.
Herr Lähn, aus Ihrer Perspektive: Was bedeutet das Ausscheiden von Frau Biber für die Fortführung und Weiterentwicklung des SDG Office?
Lähn: Zunächst einmal bedeutet das Ausscheiden von Antje selbstverständlich einen Einschnitt. Gleichzeitig möchte ich aber betonen, dass wir das SDG‑Office, das nach außen ja eine erhebliche Strahlkraft entwickelt hat, in seiner bisherigen Form beibehalten werden. Nachhaltigkeit bleibt ein elementarer Bestandteil unseres Handelns und unserer Investmentphilosophie – ohne dass damit der Eindruck entsteht, wir würden ausschließlich nachhaltig investieren.
Ich freue mich sehr, dass das SDG‑Office künftig in einer Co‑Head‑Funktion fortgeführt wird durch Nicklas Kemmner, der über viele Jahre hinweg sehr vertrauensvoll mit Antje zusammengearbeitet hat und gemeinsam mit ihr das SDG‑Office fachlich und inhaltlich weiterentwickelt hat.
Hinzu kommt Dr. Julia Bahlmann, die seit 2016 in verschiedenen Funktionen im Feri Cognitive Finance Institute tätig ist, zuletzt als Senior Project Manager. 2024/2025 promovierte sie an der Hochschule St. Gallen zum Thema Impact Investing und hat gemeinsam mit Antje mehrere Studien und Publikationen erarbeitet.
Darüber hinaus setzen wir mit dieser Co‑Head‑Struktur auch bewusst ein Zeichen in Richtung Next Gen – sowohl mit Blick auf die sich verändernden Investorenstrukturen als auch im eigenen Haus. Wie Antje es zuvor beschrieben hat, kommen auf Investorenseite zunehmend die nächsten Generationen in die Entscheidungsverantwortung. Und genau dazu passt es, dass wir auch im SDG Office einen Generationentransfer vollziehen. Wir freuen uns sehr, dass wir mit Nicklas Kemmner und Dr. Julia Bahlmann ein Team haben, das die Sprache dieser neuen Investorengeneration spricht und gleichzeitig auf das starke Fundament aufsetzt, das Antje aufgebaut hat.
Bedeutet diese Integration eine Abkehr vom klaren ESG-Fokus – oder ist sie Ausdruck eines umfassenderen Verständnisses von Verantwortung und Kapital?
Lähn: Nachhaltigkeit ist aus meiner Sicht immer langfristig ausgerichtet. Und da das Erzielen eines echten Impacts durch Investments zunehmend in den Fokus der Investoren rückt, entsteht automatisch ein langfristiger Anlagehorizont.
Das passt vollständig zu unserer Philosophie und zu unseren Kunden. Wir haben – wie Antje Biber es zuvor beschrieben hat – ein Alignment of Interest, weil auch unsere institutionellen und privaten Investoren langfristig orientiert sind und entlang internationaler Wirkungsziele agieren. Insofern bedeutet die Integration keine Abkehr, sondern eine Weiterentwicklung unseres Verständnisses von Verantwortung, Wirkung und Kapital.
Biber: Für mich bedeutet diese Integration ganz klar keine Abkehr, sondern genau das Gegenteil: Feri hatte durch meine Arbeit immer schon ein ganzheitliches Verständnis von Nachhaltigkeit – und eben nicht nur ein klassisches ESG‑Verständnis. Es ging uns nie darum, einfach ein paar Kriterien zu implementieren und dann abzuhaken.
Genau deshalb sprechen wir vom SDG Office: weil wir Nachhaltigkeit immer in ihrer Ganzheitlichkeit betrachtet haben, entlang der relevanten Sustainable Development Goals, und nicht als reine ESG‑Checkliste. Die Integration ist für mich Ausdruck eines noch breiteren, umfassenderen Verständnisses von Verantwortung, Wirkung und Kapital.
