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US-Geldpolitik Der Fed-Zins könnte in der Spitze zwischen 5,25 und 5,5 Prozent liegen

Fed-Chef Jerome Powell

Fed-Chef Jerome Powell: Die US-Notenbank kämpft um das Vertrauen in ihre geldpolitische Handlungsfähigkeit. Foto: Imago Images / Xinhua

Sonal Desai, Franklin Templeton

Die Finanzmärkte gingen mit der Hoffnung in die Novembersitzung der Federal Reserve, dass die Notenbank nach einer Zinserhöhung um 75 Basispunkte zu einigen kleineren Zinsschritten übergehen, dann eine Pause einlegen und irgendwann im nächsten Jahr wieder mit Zinssenkungen beginnen würde. Die Märkte waren vor der Sitzung überzeugt, dass dieser Gang der Dinge den Rückgang der Anleiherenditen in der vergangenen Woche bestätigen und in den Beginn eines stetigen Rückgangs verwandeln würde. Für Anleger ein ziemlich rosiges und konstruktives Szenario.

Powell machte es zunichte. Auf die Dezembersitzung angesprochen, ließ er immerhin einen Hoffnungsschimmer aufblitzen, indem er sagte, dass es je nach Datenlage zu einem weiteren Anstieg um 75 Basispunkte, allerdings auch zu einem geringeren Anstieg kommen könnte. Zu diesem Zeitpunkt der Pressekonferenz machten die Marktbewegungen deutlich, dass die Anleger davon ausgingen, dass Powell die Tür zu einer kleineren Dezember-Zinserhöhung als 75 Basispunkte öffnen würde.

Dann kam die kalte Dusche – oder eher ein eiskalter Wasserfall. Machen Sie sich keine Gedanken über das Tempo der Zinserhöhungen, tat Powell kund – es komme zukünftig vielmehr darauf an, wie hoch die Zinsen steigen. Sie könnten höher steigen, als die Fed bislang annimmt und sie könnten länger hoch bleiben – es sei viel zu früh, überhaupt an eine Pause bei den Zinserhöhungen zu denken. Die Fed habe noch nicht annähernd genügend gestrafft, fügte er hinzu. Die Inflation sei immer noch viel zu hoch und die Kerninflation zeige keine Anzeichen eines Rückgangs. Zugleich mache sich die Fed keine Sorgen über eine Überstraffung – die geldpolitischen Entscheidungsträger wüssten, wie sie das korrigieren können, wenn es dazu komme. Powell sagte, im Offenmarktausschuss der Fed mache man sich Sorgen darüber, dass die Zinsen nicht genug gestrafft beziehungsweise zu früh gesenkt würden, weil sich die Inflation dann tatsächlich verfestigen würde.

Leitzinsgipfel dürfte höher ausfallen als erwartet

All dies bestätigt meine Ansicht: Der Leitzins wird in der Spitze höher ausfallen, als es die Märkte erwarten. Die Zinsen werden länger als erwartet hoch bleiben und die Anleger sollten nicht mit Zinssenkungen im Jahr 2023 rechnen. Ich habe den Eindruck, dass Powell erst dann eine Pause einlegen will, wenn er sich sicher ist, dass der Leitzins hoch genug ist – er will keine Pause einlegen und dann die Zinserhöhung wieder aufnehmen müssen, weil die Inflation immer noch nicht zurückgeht. Powell und der Offenmarktausschuss der Fed wollen auf der sicheren Seite sein.

Meiner Einschätzung nach wird der Leitzins seinen Höhepunkt bei 5,25 bis 5,50 Prozent erreichen.

Powell räumte ein, dass der Leitzins über die Kerninflationsrate steigen müsse, denn wenn der reale Leitzins negativ ist, sei die Politik eindeutig nicht straff genug. Das Fixed-Income-Team von Franklin Templeton geht davon aus, dass der Kern-Verbraucherpreisindex (CPI) bis Ende dieses Jahres bei 6,5 Prozent bleibt, im ersten Quartal 2023 immer noch über 6 Prozent und im zweiten Quartal knapp unter 6 Prozent liegen wird. Die Kernausgaben für den persönlichen Verbrauch (PCE) werden etwas niedriger liegen, was der Fed einen gewissen Spielraum verschaffen dürfte. Powell hat jedoch bereits eingeräumt, dass die Fed auch auf den Verbraucherpreisindex (VPI) achtet, da dieser für die Menschen wichtig ist.

 

Ich gehe vor diesem Hintergrund davon aus, dass sich der Leitzins auf 5,5 Prozent zubewegt – und die Märkte müssen den damit verbundenen Druck noch über die gesamte Länge der Renditekurve hinweg auffangen. Um es klar zu sagen: Mit Blick auf das Jahr 2023 sind meine Aussichten für festverzinsliche Wertpapiere recht konstruktiv; allerdings werden wir zunächst weiterhin mit Volatilitätsschüben konfrontiert sein, wie wir sie in den vergangenen Monaten bei jeder neuen Zinssitzung erlebt haben, da sich die Renditekurve an das Szenario einer restriktiveren Fed anpasst.

2023 wohl keine Zinssenkung

Ich bin zuversichtlich, dass wir im nächsten Jahr keine Zinssenkungen sehen werden – ganz im Gegensatz zu dem, was die Märkte weiterhin erwarten. Wenn unsere Prognosen zutreffen und die Kerninflation bis 2023 hartnäckig hoch bleibt, wird der von fallenden Energiepreisen bedingte Rückgang der Gesamtinflation den Bestrebungen der Fed nicht viel helfen. Sie wird darauf vertrauen wollen, dass sich die Kerninflation nachhaltig auf ihr 2-Prozent-Ziel zubewegt. Und wenn wir mit unserer Prognose richtig liegen, dass die Kerninflation gegen Ende des nächsten Jahres immer noch unangenehm hoch sein wird, erscheint ein Leitzins von 5,5 Prozent als nicht zu ambitioniert. Zur Erinnerung: Powell betonte, die Fed wolle nicht riskieren, den Zinssatz zu früh zu senken.

Wie sieht es mit den Auswirkungen auf die Wirtschaft aus? Powell räumte ein, dass eine Rezession eher wahrscheinlich als unwahrscheinlich sei. Er deutete aber an, dass es sich gegebenenfalls um eine milde Rezession handeln dürfte. Ich stimme dem zu und zwar aus denselben Gründen, die Powell genannt hat: Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist unverändert außerordentlich angespannt, und die Verbraucherausgaben werden durch hohe Ersparnisse gut gestützt. Eine milde Rezession, die möglicherweise mit einer weiterhin hohen Inflation einhergeht, wird die Fed wohl schwerlich von ihrem Kurs abbringen.

Die hohe Inflation zwingt die Fed zum Handeln

Und die Auswirkungen der Geldpolitik auf die Märkte? Am Ende der Pressekonferenz zur jüngsten Zinssitzung wurde Powell gefragt, was er davon halte, dass sich die Märkte als Reaktion auf die Pressekonferenz erholt hätten. Zu diesem Zeitpunkt war diese Nachricht allerdings schon selber wieder überholt: Die Märkte hatten nur kurz Kursaufschläge gezeigt und wurden dann im weiteren Verlauf der Pressekonferenz zur Fed-Sitzung abverkauft. Powell wiederholte lediglich seine Botschaft: Die Zinssätze würden höher ausfallen als bisher geplant und länger hoch bleiben; die Fed habe keine Angst vor einer zu starken, sondern vor einer zu geringen Straffung oder einer zu frühen Lockerung. Niemand sollte an der Entschlossenheit der Fed zweifeln, die Inflation zu senken.

Ganz klar: Die hohe Inflation lässt der Fed keine andere Wahl. Die Fed, die in früheren Marktzyklen stabilen Vermögenspreisen den Vorrang gab, wird sich jetzt gegen die Märkte stellen, um die Inflation unter Kontrolle zu bringen.

Über die Gastautorin:

Sonal Desai ist Portfoliomanagerin und Leiterin der Research-Abteilung für globale Anleihen der Franklin Templeton Fixed Income Group. Desai verfügt über mehr als 18 Jahre Erfahrung in der Finanzbranche. Sie kam 2009 von Thames River Capital in London zu Franklin Templeton, wo sie für die Analyse von makroökonomischen Trends und deren Rückwirkungen auf die globale Marktentwicklung verantwortlich war.