Fed-Strategie 3 Gründe, warum Warsh die Zinsen nicht senken kann

Michael Wittek von Albrecht, Kitta & Co.

Michael Wittek von Albrecht, Kitta & Co. Bildquelle: Jan Northoff Photography

Zuletzt hat sich die Inflation in den USA in die richtige Richtung bewegt und ist im Juni von 4,2 auf 3,5 Prozent gesunken. Trotzdem hat die Fed auf ihrer zweiten Sitzung unter Warsh die Leitzinsen nicht gesenkt. Drei der zwölf Mitglieder des Offenmarktausschusses stimmten sogar für eine Erhöhung der Leitzinsen.

US-Präsident Donald Trump hat Warsh als Notenbank-Präsident ernannt, damit dieser eine lockere Geldpolitik verfolgt. Doch wahrscheinlich wird daraus auf absehbare Zeit nichts. Warsh macht einiges anders als sein Vorgänger Jerome Powell. Vor allem der Kommunikationsstil hat sich geändert.

Warsh verzichtet auf die bislang übliche Forward Guidance. Er vermeidet es bewusst, den Kapitalmärkten einen klaren Zinspfad vorzugeben. Unter Powell erhielten Anleger regelmäßig Hinweise auf den wahrscheinlichen weiteren Kurs der Geldpolitik. Warsh möchte jedoch verhindern, dass sich die Märkte zu sehr auf die Kommunikation der Fed verlassen. Vielmehr sollen sich die Anleger selbst an den Konjunktur- und Inflationsdaten orientieren.

Klar ist allerdings, dass für Warsh die Bekämpfung der hohen Inflation im Vordergrund steht. Bereits nach seiner ersten Sitzung betonte er mehrfach, dass Preisstabilität für ihn oberste Priorität habe. Im offiziellen Statement findet sich die ungewöhnlich eindeutige Formulierung: Die Fed werde Preisstabilität gewährleisten.

Zwar ist die Inflation in den USA im Juni unerwartet stark gefallen. Dies war jedoch vor allem auf den damals gesunkenen Ölpreis zurückzuführen, der anschließend wieder deutlich höher notierte. Es ist also durchaus möglich, dass die Teuerungsrate im Juli erneut gestiegen ist. Derzeit setzen die Börsianer zwar auf einen Waffenstillstand im Nahen Osten und damit auf niedrigere Ölpreise und eine geringere Inflation. Doch ausgemacht ist das längst nicht, die Lage im Nahen Osten bleibt fragil.

KI wirkt erst einmal inflationär

Neben den Energiepreisen gibt es weitere Inflationstreiber. Dazu gehört vor allem Künstliche Intelligenz (KI). Der umfangreiche Bau von KI-Rechenzentren treibt die Nachfrage nach Speicherchips in die Höhe. Apple und Microsoft haben bereits die Preise für Notebooks oder Spielekonsolen erhöht. Gleichzeitig verbrauchen KI-Rechenzentren enorme Mengen an Strom, was auch hier für höhere Preise sorgt. Zwar ist Warsh der Meinung, dass KI mittel- bis langfristig durch Produktivitätsgewinne deflationär wirkt. Davon ist in den Statistiken bislang jedoch nichts zu sehen.

 

Gleichzeitig unterstützt Trump mit seiner Zollpolitik die Inflation. Er hat zuletzt auslaufende durch neue Importabgaben in Höhe von 10 bis 12,5 Prozent ersetzt und dies damit begründet, dass die betroffenen Länder zu wenig gegen Zwangsarbeit unternehmen würden. Das Yale Budget Lab schätzt, dass dies einen amerikanischen Haushalt im Durchschnitt rund 1.100 Dollar pro Jahr kostet.

Außerdem zeigt sich der US-Arbeitsmarkt bislang robust. Mit einer Arbeitslosenquote von zuletzt 4,2 Prozent herrscht nahezu Vollbeschäftigung. Die Neuanträge auf Arbeitslosenhilfe sind auf den niedrigsten Stand seit Jahrzehnten gefallen. Das wirkt einer sinkenden Inflation entgegen. Dasselbe gilt für das im internationalen Vergleich starke Wirtschaftswachstum.

Ein weiteres Argument gegen eine Senkung der Leitzinsen kommt vom Rentenmarkt. Zehnjährige US-Staatsanleihen rentieren derzeit mit rund 4,7 Prozent. Die Bonds könnten weiter unter Druck geraten, sollten sich die Inflations- und Fiskalsorgen verstetigen. Die USA sind mittlerweile mit 130 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts verschuldet. Im kommenden Jahr muss Finanzminister Scott Bessent rund ein Drittel der ausstehenden Staatsanleihen refinanzieren. Beides spricht vorerst gegen fallende Renditen. Das Zinsniveau signalisiert zudem, dass die Marktteilnehmer eher mit einer restriktiveren Geldpolitik rechnen.

Während Powell den Märkten möglichst viel Orientierung gab, setzt Warsh auf strategische Ungewissheit. Für Investoren bedeutet dies vermutlich mehr Volatilität an den Anleihemärkten sowie eine größere Abhängigkeit der Kurse von einzelnen Konjunktur- und Inflationsdaten als von der Kommunikation der Fed, die Warsh spürbar zurückgefahren hat.

Der neue Notenbankchef scheint eine höhere kurzfristige Marktvolatilität in Kauf zu nehmen, um die Glaubwürdigkeit der Fed langfristig zu stärken. Das kann jedoch nur gelingen, wenn er die Zinsen nicht senkt, solange die Inflation noch weit vom Zwei-Prozent-Ziel der Fed entfernt ist.

Zur Erinnerung: In seiner ersten Amtszeit hatte Trump auch Powell zum Fed-Chef ernannt, der sich dann der Forderung des Präsidenten nach weiteren Zinssenkungen hartnäckig widersetzte. Mark Twain wird der Ausspruch zugeschrieben, dass sich Geschichte nicht wiederhole, sich aber reime. Vielleicht hat sich Trump in Warsh auch getäuscht.


Über den Autor:

Michael Wittek leitet das Portfoliomanagement bei Albrecht, Kitta & Co. und ist für die Anlagestrategie der Vermögensverwaltung verantwortlich. 

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