FDP-Chef Lindner „Die Marktlücke für uns ist natürlich riesig“

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Herr Lindner, wir trafen unlängst in Berlin Ihren Parteifreund und FDP-Schatzmeister Solms auf der Straße. Er erzählte stolz, Ihrer Partei gehe es gut, sie wachse sogar. Von seinen drei Töchtern seien jetzt zwei in die FDP eingetreten. Aus Liebe zum Vater, oder weil Sie an der Spitze der FDP stehen und die Mädels Sie gut finden?

Lindner: Vielen Dank für das Kompliment. Ich denke, es gibt einen dritten Grund. Die Töchter von Herrn Solms sind unternehmerisch denkende junge Frauen. Eine von ihnen hat sogar ein Start-up gegründet. Und die FDP ist die Partei, die den Fortschrittsgeist und die Technologiefreude am stärksten verkörpert. Unsere Leidenschaft gehört auch den Newcomern, den Unternehmern, den Gründern, bei aller Anerkennung gegenüber denen, die es schon geschafft haben. Die, die es noch schaffen wollen, brauchen auch eine Partei. Im Übrigen werde ich Solms anrufen und ihn streng fragen, warum seine dritte Tochter noch nicht FDP-Mitglied ist. (lacht)

Die Prognosen für die Bundestagswahl im nächsten Jahr sprechen der FDP derzeit 6,5 Prozent und damit die Rückkehr in den Bundestag zu. Sind Sie sicher, dass das klappt?

Nein, das ist kein Selbstläufer. Politische Erneuerung benötigt ihre Zeit. Daran arbeiten wir weiterhin hart. Wir sehen unsere Chance, aber verwechseln diese Chance nicht mit einer Garantie. Die inhaltliche Erneuerung und Profilierung mit Blick auf marktwirtschaftliche Gestaltung, Erneuerung des Landes durch Rechtsstaatlichkeit oder in der Frage der europäischen Stabilitätspolitik, Modernisierung des Bildungssystems – das sind unsere Aufgaben. Wir stellen den Einzelnen in den Mittelpunkt. Und für diese Politik suchen wir Unterstützer.

Die Große Koalition ist derzeit weithin zerstritten, in einem traurigen Zustand und kann sich zu einer zukunftsorientierten Politik kaum aufraffen. Das ist doch für Sie eigentlich die ideale Voraussetzung?

Bedauerlich für das Land, aber wahr.

Trotzdem ist von Ihnen und der FDP in den großen Medien des Landes wenig zu sehen und zu hören.

Ich bin der größte Verfechter der Medienfreiheit. Und daher werden Sie mich nicht dazu bringen, irgendein kritisches Wort über unser großartiges, plurales Mediensystem zu sagen. Aber ich stelle fest, dass wir uns jeden Tag äußern und nur bedingt gehört werden. Das ist den Gesetzmäßigkeiten unserer Medien geschuldet. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: 2014 haben wir uns neu aufgestellt und unsere Identität geklärt. Wer wollen wir sein, warum wollen wir in den Bundestag? Zu Dreikönig 2015 wollten wir die neue FDP und ihre inhaltlichen Schwerpunkte darstellen. Zahl der angemeldeten Journalisten: sieben …

… nicht eben viele

… dann habe ich unsere Agentur gebeten, durchsickern zu lassen, wir würden angeblich unsere Markenfarbe in Magenta ändern. Zahl der Journalisten: 78 und zwei Fernsehteams. So funktioniert Ihre Branche. Ich habe dann in meiner Rede nichts gesagt zu Farben, sondern nur inhaltliche Positionen beschrieben. Das ist eben die Lage der FDP.

Habe Sie denn Ihre programmatische Hausarbeit erledigt?

In der Tat haben wir bereits eine Strategie entwickelt: Dass wir, obwohl wir die Bühne Deutscher Bundestag und damit die Berichterstattung sozusagen der ersten Fußball-Bundesliga nicht haben, trotzdem in Deutschland bei 6,5 Prozent, das heißt also in Westdeutschland bei 10 Prozent liegen. Das hängt damit zusammen, dass wir das Profil geschärft haben und die Menschen wieder erreichen, auch wenn es noch nicht bei jedem angekommen ist.

Die Parteienlandschaft Deutschlands befindet sich in einem ziemlich dramatischen Umbruch. Die sogenannten Volksparteien verlieren rasch und nachhaltig Mitglieder und Wähler. Ist in dieser Parteienkonstellation noch Platz für die FDP als Gestaltungspartei?

Da haben Sie zwei Fragen zusammengebaut. Erste Frage: Ist noch Platz für die Partei, und wie gelingt Gestaltung in einem solchen Parteiensystem.

Und die Antwort?

Der Platz für die FDP ist natürlich riesig. Wir sind aufgrund unserer Position außerhalb des Bundestags gar nicht in der Lage, die Riesenmarktlücke zu schließen, zumindest nicht bis zur Wahl 2017. Das wird auch noch die Aufgabe für danach sein. Denn die Marklücke ist riesig.

Was macht Sie so sicher?

Es gibt auf der einen Seite nur noch mehr oder weniger sozial demokratische Parteien – von der Union über die SPD bis zu den Grünen und Linken. Und auf der anderen Seite gibt es die Rechtspopulisten, die alles zerschlagen wollen, was Deutschland und Europa stark macht, also transatlantisches Bündnis, europäische Integration, soziale Marktwirtschaft. Wonach sich die Menschen sehnen, ist doch neue Ernsthaftigkeit, neue Vernunft.