Family-Office-Gründer im Interview „Die Branche muss darauf achten, das Tempo von Start-Ups halten zu können“

Janosch Kühn, Daniel Stammler und Oliver Löffler (von links)

Janosch Kühn, Daniel Stammler und Oliver Löffler (von links): Sie gründeten gemeinsam Kolibri Games und später ihr eigenes Family Office BLN Capital. Foto: BLN Capital

private banking magazin: Sie haben gemeinsam mit Daniel Stammler und Oliver Löffler 2016 Kolibri Games gegründet. Anfang 2020 wurde die Firma an den Gaming-Riesen Ubisoft für einen neunstelligen Betrag verkauft. Wie sind sie mit dem plötzlichen Cash Event umgegangen?

Kühn: Bis zu diesem Moment hatten wir nur wenig „privates” Vermögen und haben daher kaum Zeit darauf investiert, uns hier um eine professionelle Betreuung zu bemühen. Der Fokus lag voll auf unserem Unternehmen. Mit dem Verkauf hat sich dies natürlich schlagartig geändert. Wir haben schnell verstanden, dass wir uns mit dem Thema sorgfältig auseinandersetzen müssen, um keine falschen Entscheidungen zu treffen.

An wen haben Sie sich in dieser Situation gewandt?

Kühn: Im ersten Schritt sprachen wir mit einer Vielzahl von Personen mit für uns relevantem Wissen, wie etwa Vermögensverwaltern, Anwälten, Steuerberatern, und natürlich auch anderen Unternehmern aus unserem Netzwerk, die zum Teil auch eigene Family-Office-Strukturen aufgesetzt hatten. Zeitgleich hatten wir auch angefangen, selbst einen Teil der Erlöse zu investieren und mussten feststellen, dass die Komplexität in Verwaltung und Steuerung eines solchen Vermögens signifikant Wissen und Zeit beansprucht.

Woran haben Sie das gemerkt?

Kühn: Wir hatten zwar alle aus dem Studium betriebswirtschaftliche Erfahrung aufgebaut und selbst schon einen Teil unseres privaten Vermögens in Aktien und Direktbeteiligungen investiert, waren uns aber auch bewusst, dass es eine Vielzahl von anderen Anlageklassen gibt, in denen wir noch keine eigene Erfahrung aufweisen konnten. Eine weitere Frage im Zuge unseres Entscheidungsprozesses war außerdem, ob wir drei die Verkaufserlöse getrennt oder gemeinsam angehen möchten. Da wir aber bei Kolibri Games immer sehr gut zusammengearbeitet hatten, präferierten wir es, auch beim Thema Vermögen gemeinsame Sache zu machen.

Am Ende des Prozesses haben Sie gemeinsam das Family Office BLN Capital gegründet. Welche Strategie verfolgen Sie?

Kühn: Wir wollen kompetitive, langfristige Renditen erzielen, erreicht über Investitionen in eine Vielzahl von Anlageklassen. Als Unternehmer aus dem Technologieumfeld liegt unser Fokus im Family Office dementsprechend auf wachstumsorientierten Investitionen in Feldern wie Private Equity, Venture Capital und Direktbeteiligungen. Wir balancieren dies mit klassischen Anlagen wie Aktien und Anleihen aus und versuchen somit, ein breit diversifiziertes, aber renditeorientiertes Portfolio zu schaffen.

In der Finanzbranche wird oft von Family Governance gesprochen. Welche Grundsätze gibt es in Ihrem Family Office?

Kühn: Wir haben zwei Kernwerte. Der erste ist Wertsteigerung: Wir möchten unser Vermögen nachhaltig und langfristig aufbauen und sind hierzu bereit, auch Risiken in Kauf zu nehmen, insofern das Renditepotential es rechtfertigt. Der zweite Kernwert ist die ganzheitliche Betreuung. Unser Family-Office-Team unterstützt uns in allen professionellen als auch privaten Themen und hilft uns, unser Leben einfacher zu machen, so dass wir uns auf Kernthemen im Family Office konzentrieren können. Wir sind froh, ein Team aufgebaut zu haben, auf das wir uns in allen Themen verlassen können und das notwendige Maß an Diskretion mitbringt, welches ein Family Office wie unseres erfordert.

„Generell lässt sich sagen: Kein Family Office gleicht dem anderen“

Diskretion ist bei Family Offices weit verbreitet. Trotzdem sprechen wir nun im Interview miteinander. Was unterscheidet Ihr Family Office wohl von „klassischen“ Strukturen?

Kühn: Wir haben Kontakte zu einer Vielzahl von Family Offices geknüpft. Generell lässt sich sagen: Kein Family Office gleicht dem anderen – es ist daher schwer zu sagen, was genau ein „klassisches“ Family Office ist. Unterschiede sieht man selbstverständlich in der Generation, in der ein Family Office eine Familie betreut. Familien, die in zweiter, dritter oder mehr Generationen ihr Vermögen betreuen, sind stark fokussiert auf eine langfristige Kapitalerhaltung und klare Governance – oft auch notwendig aufgrund der Vielzahl an Eigentümern im Hintergrund. Dies spiegelt sich dementsprechend auch im Investitionsverhalten wider.

Sie sind aber quasi die „erste Generation“ des Family Offices…

Kühn: Die erste Generation hat oft eine höhere Risikotoleranz, auch getrieben durch die Vermögensquellen. Jemand, der ein Start-Up erfolgreich veräußert hat und nun sein Vermögen investieren muss, ist selbstverständlich deutlich mehr dazu geneigt, selbst auch in Start-Ups zu investieren. Dies trifft auch auf uns zu – wir investieren aktiv in Opportunitäten mit hoher Risiko-Rendite-Chance wie VC-Direktbeteiligungen oder Krypto, haben aber den substantiellen Teil unseres Vermögens in diversifizierten Anlagen wie Aktien, Anleihen oder Private-Equity-Fonds angelegt. Dabei gehen wir davon aus, dass sie langfristig attraktive, aber eher moderate Renditen erzielen werden. Aber auch hier kann man schwer generalisieren – wir kennen Family Offices mit Eigentümern mit Jahrzehnten an Berufs- und Lebenserfahrung, die substantielle Teile ihres Vermögens in Venture-Capital-Direktbeteiligungen erfolgreich investieren, oder kennen Personen aus der aktuellen Generation von „alten“ Family Offices, die im Familienvermögen Themen wie Venture Capital oder Krypto vorantreiben.

 

 

Apropos Venture Capital und Krypto: Wie sieht Ihre Asset Allocation ungefähr aus?

Kühn: Ziel unser langfristigen Anlageallokation ist eine Aufteilung in 50 Prozent liquide Vermögenswerte wie Aktien und Anleihen, 30 Prozent in ein Fondsportfolio aus Private-Equity- und Venture-Capital-Fonds sowie 20 Prozent in risikoorientierte Investments wie Direktbeteiligungen, Kryptowerte und sonstige opportunistische Anlagen. Auch beschäftigen wir uns gerade detailliert mit dem Themenfeld der Immobilieninvestments, sind jedoch angesichts der Marktsituation mit steigenden Zinsen bei noch recht stabilen Preisen zögerlich, hier kurzfristig aktiv zu werden. Generell ist unser Ziel, ein diversifiziertes, aber renditestarkes Portfolio aufzubauen, das langfristig kompetitive Renditen erzielen kann. Der Fokus liegt aber immer auf die langfristige Wertentwicklung und keine kurzfristige Spekulation.

„Zielsetzung war immer, interne Kapazitäten in relevanten Anlageklassen aufzubauen“

Sie haben bereits eingangs erwähnt, dass Sie teilweise auch selbst investieren. Wo und wann machen Sie das und wann arbeiten Sie vielleicht mit Partnern zusammen?

Kühn: Wir haben nach dem Verkauf unseres Unternehmens das Ziel gefasst, das Vermögen in den Anlageklassen, bei denen es sich anbietet, auch zügig zu investieren. Wir haben also kurz nach Verkauf im April 2020 – im Rückblick mit glücklichem Timing – einen substantiellen Teil der Erlöse im Rahmen von Vermögensverwaltungsmandaten an zwei Banken abgegeben. Zielsetzung beim Aufbau unseres Family Office war aber immer, nicht nur externe Partner zu steuern, sondern explizit interne Kapazitäten in relevanten Anlageklassen aufzubauen. Wir haben hierzu ein heute dreiköpfiges Investmentteam mit Erfahrung aus Private Wealth Management, Venture Capital und kommerzieller Due Diligence. Im Bereich der liquiden Investitionen überwacht das Team die Vermögensverwaltungsmandate und verwaltet ebenfalls einen Topf an liquiden Mitteln. Darüber hinaus ist es die treibende Kraft in unseren Fonds- und Direktbeteiligungen als auch unseren Initiativen in Themenfeldern wie zum Beispiel Krypto-Investitionen oder eigenen Gründungen.

Wie sieht es beim Reporting aus?

Kühn: Das decken wir über eine interne Lösung ab. Darüber haben wir für unsere Buchhaltungs- und Steuerberatungsthemen mit Mario Kuppe bei Müller Mahlmann einen Partner an unserer Seite, mit dem wir sehr glücklich sind. Bei rechtlichen Themen arbeiten wir mit zwei Berliner Kanzleien zusammen.

Da Sie auch Partner mandatieren: Fühlen Sie sich als „jüngere Vermögende“ von der klassischen Vermögensverwaltungsbranche gut oder eher schlecht abgeholt?

Kühn: Generell sehen wir weiterhin den Mehrwert in dem persönlichen Ansatz der Wealth Management-Branche. In Zeiten wie heute einen Ansprechpartner zu haben, der uns die Sichtweisen seiner oder ihrer Bank zu vielen Themen zur Verfügung stellen kann, ist für uns sehr wertvoll. Ein Setup ohne Bankbeziehungen sehen wir für uns als eher unwahrscheinlich an. Gleichzeitig kann man aber sehen, dass sich die Finanzbranche, getrieben auch durch spannende Start-ups wie Moonfare, signifikant verändert. Hier muss sich die klassische Vermögensverwaltungsbranche anstrengen, das Thema Digitalisierung zügig anzugehen und endlich von 80-seitigen Stapeln Papier für simple Kontoeröffnungen wegkommen.

 

 

Was schlagen Sie vor?

Kühn: Selbst eine digitale Unterschrift auf den Bankunterlagen wäre schon ein großer Schritt nach vorne. Auch muss die Branche darauf achten, das Tempo von Start-Ups und „moderneren“ Wettbewerbern halten zu können: Wenn uns eine Bank nur einmal im Jahr Zugang zu einem Venture-Capital-Fonds bieten kann, den wir schon Monate davor vom Fonds direkt präsentiert bekommen haben, sind wir weniger gewillt, diesen Fonds auch über eine unserer Banken zu zeichnen. Seit dem Brexit nimmt das Angebot an alternativen Investments auf den Bankplattformen glücklicherweise etwas zu. Es muss aber noch signifikant wachsen, um für uns als Family Office ein langfristig spannender Kanal zu werden.

Haben Erben der jüngsten Generation oder jüngere Vermögende andere Ansprüche an die Geldanlage haben?

Kühn: Aus unserer Erfahrung heraus möchte die jüngere Generation sehr involviert in ihrem Vermögen sein. Durch das Niedrigzinsumfeld der letzten Jahre, in denen klassische Anlagen wie Anleihen nur bedingt Rendite erzielt haben, sind Investoren oft skeptisch, inwieweit das klassische Vermögensverwaltungsmandat heute noch ihren Vorstellungen entspricht. Sie sind daher deutlich engagierter in der Definition ihrer Ziele, dem Aufbau ihres Vermögens und auch dessen täglicher Steuerung. Hierzu gehören auch Anlagen jenseits der üblichen Vermögensverwaltungsmandate, insbesondere alternative Anlageklassen wie PE- und VC-Fonds, Hedgefonds oder Krypto.

Woran liegt das?

Kühn: Berliner Gründer haben am Beispiel ihres eigenen Unternehmens erlebt, welche Renditen ihre Venture-Capital-Investoren erzielen konnten, und möchten daher ihr Geld dementsprechend auch in VC-Fonds und VC-Direktinvestments tätigen. Bei den Direktbeteiligungen spielt natürlich oft auch der Gedanke mit, das eigene Wissen und die eigene Erfahrung gewinnbringend weitergeben zu können. Auch das Themenfeld der Kryptowährungen beziehungsweise Web3 findet bei uns wie auch anderen Family Offices großen Anklang. Letztlich sehen wir auch, dass Themen wie ESG und Governance eine immer größere Rolle spielen. Wichtig ist hier insbesondere das Schlagwort Impact: Investitionen junger Family Offices sollen Rendite erzielen, aber auch einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen.

Janosch Kühn, Daniel Stammler und Oliver Löfflerhaben über ihren Weg vom Gaming-Start-up zum Family Office kürzlich ein Buch geschrieben. „Mach keinen Quatsch: Wie drei unerschrockene Freunde eines der erfolgreichsten Start-ups der Welt aufgebaut haben“ ist im Murmann-Verlag erschienen.