Zinswende in der Eurozone EZB erhöht Zinsen wegen wachsender Inflation

Zinswende in der Eurozone
EZB erhöht Zinsen wegen wachsender Inflation
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Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB)

Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) Bildquelle: Imago Images / Hannelore Förster

Der EZB-Rat hat mit seiner heutigen Entscheidung den Zinssatz der Eurozone für die Einlagefazilität sowie die Zinssätze für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte und für die Spitzenrefinanzierungsfazilität um jeweils 25 Basispunkte erhöht.

Sonja Marten, Chefvolkswirtin der DZ Bank

„Zinserhöhung im Kriegsschatten: Die EZB hat wie erwartet gehandelt. Der Leitzins steigt um 25 Basispunkte. Damit reagiert die Notenbank auf den jüngsten Inflationsanstieg, der sich in den kommenden Monaten fortsetzen dürfte.

Angesichts der weiterhin äußerst unsicheren Lage im Nahen Osten – US-Präsident Trump hat für die heutige Nacht neue Angriffe auf den Iran angekündigt – hält sich die EZB alle Optionen offen: Christine Lagarde betonte in ihrem Eingangsstatement ausdrücklich, dass es keine Festlegung auf weitere Zinserhöhungen gebe. Das ist verständlich. Heute hatte die Notenbank zwar keine andere Wahl mehr, als die Zinsen anzuheben, um so die Inflationserwartungen im Zaum zu halten.

Allerdings ist den Notenbankern auch die maue konjunkturelle Lage im Euroraum bewusst. Nachhaltig hohe Zinsen dürften die Wirtschaft noch stärker abwürgen. Trotzdem gehen wir davon aus, dass die EZB nach der Sommerpause erneut nachlegen muss: Der vom Krieg im Iran ausgelöste Inflationsschub gewinnt mit großer Wahrscheinlichkeit weiter an Kraft.“

 

 

Martin Frandsen, Portfolio Manager bei Principal Asset Management

„Die Zinserhöhung der EZB spiegelt den anhaltenden Inflationsdruck wider, der teilweise durch fortdauernde geopolitische Disruptionen – insbesondere im Nahen Osten – verstärkt wird. Die Gesamtinflationsrate im Mai hat erneut unterstrichen, wie hartnäckig die Inflation ist, während die Kerninflationsmaße bemerkenswert robust geblieben sind.

Mit Blick nach vorn besteht das Risiko, dass sich die Inflation in den kommenden Monaten weiter verfestigt und möglicherweise in ein höheres Lohnwachstum übersetzt, was zusätzlichen Druck auf einkommensschwächere Verbraucher ausüben würde. Dies geschieht vor dem Hintergrund eines gedämpften Wirtschaftswachstums und schafft ein herausforderndes makroökonomisches Umfeld.

In diesem Kontext erscheinen europäische Banken, insbesondere jene mit Engagement in den schneller wachsenden Volkswirtschaften Osteuropas, vergleichsweise gut positioniert, um von einer weiteren Ausweitung der Nettozinsmargen zu profitieren. Umgekehrt könnten einige der höher bewerteten Unternehmen, die in jüngerer Zeit überdurchschnittlich performt haben, zunehmend unter Bewertungsdruck geraten, da die Kapitalkosten weiter steigen.“

 

Michael Heise, Chefökonom von HQ Trust

„Mit dem Zinsschritt sichert sich die EZB gegen einen weiteren Anstieg der Inflation ab. Die Notenbank musste ihre Projektionen für 2026 bereits deutlich nach oben korrigieren. Höhere Zinsen dämpfen den Preisdruck in der Eurozone. Steigende Energie- und Vorleistungskosten werden weniger stark auf die Binnenpreise in der Eurozone durchwirken. Die Zinserhöhung erschwert es, höhere Kosten auf die Endpreise umzulegen und stabilisiert die Inflationserwartungen von Konsumenten und Unternehmen.

Die Zinsanhebung ist keine unproblematische Entscheidung. Auch wegen der hohen Energiepreise ist die Gefahr einer Rezession durchaus vorhanden. Nach über drei Monaten der Krise im Nahen Osten jetzt auf eine schnelle Beruhigung der Konflikte zu setzen, wäre aber fast schon fahrlässig und mit Blick auf die Preisstabilität riskant gewesen. Der mögliche Fehler dieser Entscheidung bleibt begrenzt. Fällt die Inflation schneller als erwartet, kann die EZB ihre restriktive Geldpolitik später wieder lockern. Im Falle eines baldigen stärkeren Rückgangs der Preise für Energie und andere Lieferungen aus der Golfregion dürften weitere Zinssteigerungen ausbleiben.

Für Sparer und Kreditnehmer ändert sich durch einen einzelnen Zinsschritt von 25 Basispunkten unmittelbar wenig. Die Zinsen auf Tages- und Festgeldkonten dürften allenfalls marginal steigen. Wer einen Kredit zu variablen Konditionen hat, muss mit einer geringfügig höheren Belastung rechnen – der Effekt bleibt überschaubar. Entscheidend ist vor allem die Signalwirkung: Die EZB macht deutlich, dass sie die Inflation weiterhin konsequent bekämpfen will.“ 

 

Laura Cooper, Global Investment Strategist und Leiterin Macro Credit bei Nuveen

„Für die EZB ist dies keine einmalige Maßnahme. Die Währungshüter lieferten die weithin erwartete Zinserhöhung um 25 Basispunkte und signalisierten zugleich, dass weitere Anhebungen wahrscheinlich folgen werden. Damit hob die EZB ihre Leitzinsen erstmals seit 2023 an und übernahm im Vergleich zu anderen großen Zentralbanken eine Vorreiterrolle bei der Reaktion auf den Energieschock.  

Die bereits im April kommunizierte, datenabhängige Orientierung von Sitzung zu Sitzung wurde beibehalten, die zugrunde liegende Botschaft war jedoch eindeutig. Der September zeichnet sich als nächster realistischer Termin ab, da die Prognosen einen stärkeren Inflationsüberschuss als zuvor erwartet zeigen und darauf hindeuten, dass die sich ausweitenden Auswirkungen des Energieschocks auf die Preise nicht länger ignoriert werden können.  

Die veränderte Darstellung der Inflationsaussichten ist bezeichnend. Die Kerninflation entwickelt sich im Einklang mit dem schweren Szenario der EZB, und die Übertragung auf die Gesamtwirtschaft erfolgt schneller als nach dem Energieschock von 2022. Die aktualisierten Prognosen sind daher wahrscheinlich immer noch zu niedrig und dürften mit fortschreitendem Konflikt nach oben korrigiert werden.“

Madison Faller, Gobal Invetsment Strategist bei J.P. Morgan Private Bank

„Nennen wir es eine Kursänderung, nicht einen vorgegebenen Weg. Nach einem einjährigen Stillstand ist die Zinserhöhung der EZB ein klares Signal dafür, dass die von den Energiepreisen getriebenen Inflationsrisiken wieder im Fokus stehen und die Geldpolitik einen strengeren Kurs einschlägt. Gleichzeitig ist eine einzige Zinserhöhung kein Fahrplan. Ein mechanischer Straffungszyklus würde voraussetzen, dass die Inflationserwartungen deutlich steigen. Doch auch das Wachstumsumfeld wird schwieriger, da der Energieschock Kaufkraft und Vertrauen schmälert und eine straffere Geldpolitik diesen Druck noch verstärken kann. Es ist ein Balanceakt.

Sich zu sehr auf die Debatte über die Anzahl der Zinserhöhungen zu versteifen, kann davon ablenken, was bereits investierbar ist. Hochwertige Euro-Anleihen können die Gelegenheit bieten, aus Bargeld auszusteigen und Renditen von etwa 3,5 bis 4,5 Prozent zu sichern – Niveaus, die unserer Ansicht nach bereits ein erhebliches Maß an Risiko einpreisen.

Ebenso würden wir die weitere Entwicklung des Euro nicht als einseitige, von der EZB getriebene Devisengeschichte betrachten. Kurzfristig sprechen Wachstum, Zinsdifferenzen und Kapitalströme weiterhin für den Dollar, sodass die Risiken für den EUR/USD-Kurs bis zum Jahresende 2026 nach unten tendieren. Auf längere Sicht besteht jedoch Spielraum für eine stabilere Erholung, wenn sich diese Kräfte auflösen.“

 

 

Steffen Sebastian, Lehrstuhl für Immobilienfinanzierung am IREBS Institut für Immobilienwirtschaft der Universität Regensburg

„Die Immobilienwirtschaft hat sich bereits an höhere Finanzierungskosten angepasst und die Leitzinserhöhung der EZB ist auf den Kapitalmärkten längst eingepreist. Vieles deutet darauf hin, dass die langfristigen Zinsen künftig eher steigen als fallen werden. Höhere Verteidigungsausgaben, zunehmende Investitionsbedarfe und geringe Reformbereitschaft werden zu höherer Staatsverschuldung führen, was zumindest nicht für eine Rückkehr zu den Kapitalmarktzinsen der vergangenen Jahre spricht. 

Historisch betrachtet bewegen sich die Zinsen eher im mittleren Bereich. Für die Immobilienwirtschaft bedeutet dies nicht zwangsläufig eine erneute Krise, wohl aber die Notwendigkeit, Geschäftsmodelle und Kalkulationen erneut und diesmal dauerhaft an höheren Finanzierungskosten auszurichten.“

 

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin)

„Die EZB handelt richtig, wenn sie die Zinsen erhöht. Der starke Anstieg der Inflation infolge des Iran-Kriegs und der höheren Energiepreise zwingt sie zum Handeln. Auch wenn die EZB die Ursache dieses Preisschubs nicht bekämpfen kann, muss sie verhindern, dass die Inflationserwartungen von Unternehmen, Gewerkschaften und Finanzmärkten steigen. Es geht um das höchste Gut der EZB: ihre Glaubwürdigkeit.

Gleichzeitig ist diese Entscheidung mit erheblichen Risiken verbunden. Die Wirtschaft im Euroraum ist schwach, die deutsche Wirtschaft besonders verwundbar. Höhere Zinsen können Investitionen bremsen, Unternehmen zusätzlich belasten und das Rezessionsrisiko erhöhen. Die EZB befindet sich damit in einem echten Dilemma: Ihr Mandat verlangt Preisstabilität, die Konjunktur würde aber eher Entlastung brauchen.

Deshalb sollte die EZB vorsichtig vorgehen, sich nicht auf einen Zinspfad festlegen und sich alle Optionen offenhalten. Niemand weiß, wie lange der Iran-Krieg andauert, wie stark Energiepreise und Lieferketten belastet werden und wie die US-Notenbank reagiert. Flexibilität ist jetzt entscheidend.“

Patrick Brinker, Head of Real Estate Investment Management bei der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank

„Die Anhebung des Leitzinses verschärft die ohnehin große Investitionszurückhaltung in der Immobilienwirtschaft. Gestiegene Finanzierungskosten erhöhen den Druck auf viele Marktteilnehmer, erschweren die wirtschaftliche Umsetzung neuer sowie die Anschlussfinanzierungen laufender Projekte. 

Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass nach wie vor attraktive Anlagemöglichkeiten am Markt vorhanden sind. Insbesondere digitale Infrastruktur wie Rechenzentren bleibt gefragt, weil die zugrunde liegenden Wachstumstreiber intakt sind und die Renditeperspektiven auch in einem höheren Zinsumfeld überzeugen.

Zudem gibt es Investitionsvehikel, die von steigenden Zinsen deutlich weniger betroffen sind. Eigenkapitalfonds ohne Fremdfinanzierungen können Opportunitäten auch in einem anspruchsvolleren Marktumfeld nutzen. Investoren werden noch stärker differenzieren und Kapital in die Segmente und Strukturen lenken, die langfristig stabile Erträge versprechen.“

 

 

Francesco Fedele, CEO der BF.direkt 

„Das höhere Zinsniveau, das durch die EZB-Entscheidung nun untermauert wurde, bedeutet für die Immobilienwirtschaft nicht zwangsläufig schlechtere Geschäfte, aber andere Geschäftsmodelle. Die Anpassung wird insbesondere über Grundstückspreise, Finanzierungsstrukturen und Investitionsentscheidungen erfolgen. Möglicherweise erleben wir sogar die Rückkehr von Modellen, die früher selbstverständlich waren.

In vielen Projektentwicklungen wurde das Grundstück erst bezahlt, wenn Baurecht oder Baugenehmigung vorlagen. Optionsmodelle verteilten die Risiken zwischen Verkäufer und Entwickler. Während der Niedrigzinsphase verschwanden solche Konstruktionen weitgehend vom Markt. Es spricht einiges dafür, dass sie künftig wieder häufiger anzutreffen sein werden.“

 

Klaus Bauknecht, Chefvolkswirt der IKB Deutsche Industriebank 

„Die Zinserhöhung der EZB ist primär als Signal zur Stabilisierung der Inflationserwartungen und Stärkung der geldpolitischen Glaubwürdigkeit zu interpretieren. Denn Inflationserwartungen haben sich seit Ausbruch des Iran-Krieges zunehmend vom Inflationsziel entfernt und orientieren sich mehr an aktuellen Preisschocks.

Aus dieser Sicht war der heutige Zinsschritt absolut notwendig. Nach vorne schauend bleibt entscheidend, ob die konjunkturelle Eintrübung ausreichend sein wird, um Zweitrundeneffekte aus dem Preisschock zu begrenzen.

Auch ist wichtig, dass schwache Konjunkturdaten die Inflationserwartungen und damit auch das lange Ende der Zinskurve zunehmend beeinflussen werden. Sonst ist mit einer weiteren Zinsanhebung – voraussichtlich im September – zu rechnen. Überzeugt hingegen die konjunkturelle Abkühlung, ergibt sich wenig weiterer Handlungsdruck für die EZB.“

Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts

„Da die Inflation im Euroraum über drei Prozent liegt und es wenig Hoffnung auf Entspannung im Iran-Konflikt gibt, ist eine Zinserhöhung jetzt der richtige Schritt. Die EZB folgt damit dem, was die Märkte schon eingepreist haben.“

 

Mark Wall, Chefvolkswirt Europa bei der Deutschen Bank

„Dies ist ein bedeutender Moment. Es handelt sich nicht nur um die erste Zinserhöhung der EZB seit 2023, sondern auch um die erste Zinserhöhung einer der großen globalen Zentralbanken als Reaktion auf den Energieschock. Die EZB signalisiert damit, dass eine Look-through-Strategie keine tragfähige Antwort ist. Die Frage ist, wie weit dieser Straffungszyklus gehen kann. Nicht weit, lautet unsere Antwort. Es besteht ein Aufwärtsrisiko für die Inflation, aber auch ein Abwärtsrisiko für das Wachstum. Noch eine Zinserhöhung im September, und das war’s dann.“

 

 

Ulrich Creydt, Steuerberater und Geschäftsführer der Ypsilon Group

„Die Erhöhung des Zinssatzes durch die EZB ist nachvollziehbar. Die steigenden Energiepreise infolge der geopolitischen Krisen ließen die Preise nicht nur für Benzin und Heizöl, sondern auch für Konsumprodukte und Baumaterialien wie Zement, Stahl etc. steigen. Dieser Entwicklung konnte sich die EZB nicht verschließen. Der höhere Zins und die geopolitischen Unsicherheiten könnten dazu beitragen, dass sich die Stimmung in der Immobilienwirtschaft weiter eintrübt. Für Entwickler und Investoren verschlechtert sich die Finanzierung, die Zahl der Deals wird sinken.  

Die unsichere Lage und die Furcht vor einer wachsenden Inflation wirken sich auch auf das Verbraucherverhalten aus: Viele werden den Kauf von Wohneigentum hinauszögern. Das wiederum zementiert den „Lock-in“-Effekt, dass also mehr Menschen in ihren Mietwohnungen bleiben, anstatt Eigentum zu erwerben. Zu einer Entspannung des Mietwohnungsmarkts wird dies in nächster Zeit sicherlich nicht führen.“

Michael Herzum, Leiter Volkswirtschaft bei Union Investment

„Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Donnerstag die Leitzinsen wie erwartet um 25 Basispunkte angehoben. Der Verlauf des Irankonfliktes hat diese Zinsanhebung nötig gemacht, um das Risiko einer dauerhaft erhöhten Inflation im Euroraum einzudämmen. Es ist die erste Zinserhöhung seit September 2023, der Einlagenzins liegt damit bei 2,25 Prozent. Allerdings markiert dies nicht den Beginn eines neuen Zinserhöhungszyklus.

Vielmehr dient die Anhebung der Zinsen als Sicherheitsvorkehrung, um mögliche Zweitrundeneffekte im Keim zu ersticken. Viel ist hierfür nicht nötig, denn der zuletzt schwächere Arbeitsmarkt in der Währungsunion macht deutliche Lohnsteigerungen wenig wahrscheinlich. Gleichzeitig will die EZB, das fragile Wachstum im Euroraum nicht durch eine restriktive Geldpolitik gefährden.

Wir gehen davon aus, dass die Straße von Hormus in den Sommermonaten wieder schrittweise geöffnet wird. Das sollte zu einer Normalisierung der Energiepreise führen und die Teuerung ohne weiteres Zutun der EZB mittelfristig in Richtung ihres Ziels von zwei Prozent senken. Die Erwartungen des Kapitalmarkts, dass die EZB im Jahresverlauf noch stärker an der Zinsschraube dreht, halten wir für übertrieben.“

 

 

Felix Schindler, Head of Research & Strategy bei HIH Invest

„Die Zinsanhebung der EZB kommt nicht überraschend. Nachdem in den ersten beiden Monaten nach der militärischen Eskalation im Nahen Osten und der Blockade der Straße von Hormus zwar die breite Inflationsrate, aber nicht die Kerninflationsrate angestiegen ist, ändert sich dieses Bild nun: Der Anstieg der Preise resultiert nicht mehr nur aus der Erhöhung der Energie- und Rohstoffpreise, sondern erstreckt sich aufgrund indirekter Effekte auf immer mehr Güter und Dienstleistungen.

Diese Entwicklung dürfte sich in den kommenden Monaten fortsetzen. Der Preisauftrieb gewinnt an Breite und dürfte nicht nur temporär wirken. Dies veranlasst die EZB nun zum Handeln, um ihrem Mandat gerecht zu werden. Eine weitere Zinserhöhung ist im Jahresverlauf zu erwarten. 

Für die Immobilienmärkte dürften sich durch den Zinsschritt keine wesentlichen Auswirkungen ergeben. Erstens sind für sie die langfristigen Kapitalmarktzinsen sowohl aus Finanzierungssicht, als auch aus dem Opportunitätsgedanken heraus von größerer Bedeutung. Zweitens war der Zinsschritt an den Märkten bereits erwartet worden. Die Kapitalmarktzinsen sind bereits in den letzten Monaten deutlich gestiegen."

 

Michael Eisenmann, Geschäftsführer Real Blue KVG

„Die Zinserhöhung der EZB kommt nicht überraschend. Angesichts des anhaltenden Inflationsdrucks und der geopolitischen Unsicherheiten war ein solcher Schritt aus Sicht der Notenbank folgerichtig. Für institutionelle Immobilieninvestoren bedeutet dies, dass die Finanzierungskosten auf einem erhöhten Niveau bleiben und Investitionsentscheidungen weiterhin sehr selektiv getroffen werden müssen, wenngleich die Zinserhöhung in den aktuellen Finanzierungskonditionen bereits eingepreist ist.

Ob im weiteren Jahresverlauf zusätzliche Zinsschritte folgen werden, hängt maßgeblich von der geopolitischen Entwicklung im Nahen Osten ab. Entscheidend wird sein, ob es zu einer nachhaltigen Befriedung des Konflikts mit dem Iran kommt, die eine dauerhafte Offenhaltung der Straße von Hormus sowie eine Normalisierung der globalen Handels- und Lieferketten ermöglicht. Erst dann dürfte sich der inflationäre Druck auf Energiepreise und internationale Warenströme spürbar abschwächen."

Eckhard Schulte, Vorstandsvorsitzender Mainsky Asset Management

„EZB erhöht Leitzins und erweist damit der Wirtschaft einen Bärendienst. Die Europäische Zentralbank hat wie erwartet erstmals seit September 2023 die Leitzinsen um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent angehoben. Auch wenn es Christine Lagarde explizit nicht als Versicherungsschritt gewertet haben will, war die Entscheidung genau dies.

Die EZB will den Vorwurf eines neuerlichen zu späten Reagierens um jeden Preis vermeiden, und es besteht kein Zweifel, dass der Konjunktur in der Eurozone, die ohnehin schon sehr unter dem Energiepreisschock leidet, damit ein weiterer Bärendienst erwiesen wurde. Schlimmer noch: Ohne eine Entspannung im Ölpreis, die aufgrund der jüngsten Eskalation im Iran nicht wahrscheinlich ist, ist eine weitere Zinserhöhung nach der EZB-Analyse-Logik im September recht wahrscheinlich. Damit ist dies weiterhin kein Umfeld, in dem man eine Outperformance europäischer Aktien erwarten kann.“

 

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank

„Feine Falkentöne: Nach der weithin erwarteten Zinserhöhung um 25 Basispunkte hat es EZB-Präsidentin Christine Lagarde vermieden, eine weitere Zinserhöhung in Aussicht zu stellen. Aber Lagardes Beschreibung der Inflationsrisiken wirkte zwischen den Zeilen besorgter als bisher. Wir erwarten mehr denn je, dass die EZB ihre Zinsen auf der übernächsten Sitzung im September erneut erhöhen wird. “

 

Yannik Mosbach, Analyst bei Metzler Capital Markets

„Die Europäische Zentralbank hat heute den Leitzins wie erwartet um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent angehoben. In der anschließenden Pressekonferenz kündigte EZB-Präsidentin Lagarde an, weiterhin datenabhängig zu entscheiden zu wollen. Dies unterstreicht unsere Sicht, dass die Notenbank sich nicht auf einen Hiking Cycle festgelegen möchte – geschweige denn, bereits einen Back-to-Back Hike im Juli avisiert. Zu sehr sind die weiteren Entwicklungen im Iran und deren Folgen für Inflation und Wachstum mit Unsicherheit behaftet.

Passend dazu haben die EZB-Ökonomen in ihren Prognosen neben den bestehenden Szenarien für die Energiekrise ein zusätzliches milderes Szenario aufgenommen. Obwohl Lagarde betonte, dass dieses derzeit nicht das Basisszenario ist, möchte sich die Notenbank damit unserer Meinung nach die Möglichkeit offenhalten, bei einer zeitnahen Lösung des Iran-Konflikts auf weitere Zinsschritte zu verzichten. Das Update der makroökonomischen Prognosen brachte ansonsten wenig Neues: Die Inflationsprognose für 2026 wurde auf 3,0 Prozent angehoben, die Wachstumsprognose leicht auf 0,8 Prozent gesenkt. Unter Einbeziehung der Inflationsdaten der ersten fünf Monate deutet ein Durchschnitt von 3,0 Prozent nicht auf die Erwartung eines weiteren, deutlichen Inflationsanstiegs hin (zuletzt lag der CPI im Mai bereits bei 3,2 Prozent).
 
Keine weitere Zinsanhebung in Sicht: Wir halten entsprechend an unserer bisherigen Prognose für 2026 fest und erwarten, anders als der Markt, keine weitere Zinsanhebung. Einerseits halten wir eine zeitnahe Lösung im Iran-Konflikt weiterhin für möglich, andererseits deuten die Aussagen Lagardes zur Konsumentenzurückhaltung sowie einer zu erwartenden Abschwächung des Lohnwachstums nicht auf ein persistentes Inflationsszenario hin. Ebenso hob die EZB-Präsidentin die Relevanz der Inflationserwartungen der Konsumenten hervor. Hier haben wir in den jüngsten Daten jedoch keine weitere Entkoppelung vom EZB-Ziel gesehen, sodass nach unserem Dafürhalten der jetzige EZB-Hike seine erhoffte Signalwirkung nicht verfehlt hat.“

Ann-Katrin Petersen, Leiterin Kapitalmarktstrategie Deutschland, Schweiz, Österreich und Osteuropa bei Blackrock

„Weniger Worte, mehr Taten bei der EZB. Die heute weithin erwartete Zinserhöhung setzt ein Zeichen der Glaubwürdigkeit: Die Währungshüter demonstrieren Entschlossenheit in ihrem Einsatz für Preisstabilität – angesichts weiterhin bestehender Inflationsrisiken. Es handelt sich um eine maßvolle Kalibrierung – ein Schritt, der über alle aktualisierten EZB‑Szenarien hinweg angemessen gewesen wäre. Dabei bewegen sich die Leitzinsen weiterhin im neutralen Bereich, der weder bremsend noch stimulierend auf die Konjunktur wirkt.

Die Sorge vor weiter steigender Inflation – bedingt durch den Angebotsschock infolge des Nahostkonflikts – lässt nicht nach. Da Anzeichen für eine nachhaltige geopolitische Entspannung bislang ausbleiben, sind die kurzfristigen Inflationserwartungen gestiegen, und Unternehmen zeigen eine höhere Bereitschaft, Preise anzuheben. Zusätzlicher Inflationsdruck geht von einem schrumpfenden Arbeitskräfteangebot sowie einer etwas lockereren Fiskalpolitik aus.

Auch wenn eine weitere Zinserhöhung möglich bleibt, bewegt sich die EZB auf einem schmalen Grat. Sie ist weniger bereit, durch energiegetriebene Inflationsanstiege hindurchzuschauen, legt sich zugleich aber nicht auf einen Zinspfad fest – wie die Aussagen von EZB-Präsidentin Christine Lagarde verdeutlichen.

Wir bleiben neutral gegenüber Staatsanleihen des Euroraums positioniert. Ohne eine belastbare Deeskalation des Konflikts dürften die Risiken weiterhin in Richtung höherer und volatilerer langfristiger Renditen tendieren.“

 

Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz

„Die Zinsentscheidung fiel laut Lagarde einstimmig und ohne Vorbehalte. Der Einlagensatz steigt damit auf 2,25 Prozent. Das ist ein starkes Signal, gerade weil die makroökonomische Lage uneindeutig ist. Die EZB erwartet für 2026 nun eine noch etwas höhere Inflationsrate von 3,0 Prozent und für 2027 von 2,3 Prozent. Erst 2028 soll die Teuerung wieder bei 2,0 Prozent liegen. Zugleich wurden die Wachstumserwartungen auf 0,8 Prozent in diesem Jahr und 1,2 Prozent im kommenden Jahr gesenkt.

Das geldpolitische Dilemma ist damit klar: Die Inflation steigt, während die Wirtschaft an Schwung verliert. Für die heutige Entscheidung spricht, dass sich der Energiepreisanstieg zuletzt etwas breiter niedergeschlagen hat. Im Mai stieg die Inflationsrate auf 3,2 Prozent und die Kernrate auf 2,5 Prozent. Höhere Vorleistungskosten und kurzfristig erhöhte Inflationserwartungen reichen der EZB, um präventiv zu handeln. Sie will verhindern, dass aus einem Angebotsschock ein Inflationsprozess wird – dabei steckt ihr die Erfahrung aus dem Jahr 2022 merklich in den Kleidern. Genau hier liegt aber auch das Risiko.

Denn ein Blick zurück auf 2011 mahnt zur Vorsicht auf der anderen Seite. Auch damals erhöhte die EZB die Zinsen in einem Umfeld höherer Energiepreise, musste die Schritte wegen der Staatsschuldenkrise und Konjunkturschwäche aber rasch wieder zurücknehmen. In der Hinsicht ebenso ein klassischer Policy-Error. Heute sind Banken, Arbeitsmärkte und geldpolitische Instrumente ohne Frage robuster. Dennoch bleibt die Lehre: Wer zu stark auf die sichtbare Inflation von heute schaut, kann die schwächere Nachfrage von morgen unterschätzen.

Die Zinserhöhung war am Finanzmarkt weitgehend eingepreist. Entscheidend ist der weitere Pfad. Die EZB hat diesbezüglich ihren datenabhängigen Ansatz betont und sich nicht festgelegt. Das ist richtig. Je länger der Energiepreisschock anhält und in Löhne, Preise und Erwartungen einsickert, desto plausibler werden weitere Schritte. Je stärker er dagegen die Nachfrage bremst, desto größer wird das Risiko, dass zusätzliche Zinserhöhungen den Abschwung unnötig vertiefen. Das ganz normale Geschäft der Notenbanken.

Geldpolitik kann relative Knappheiten nicht beseitigen; sie kann nur verhindern, dass daraus dauerhaft instabile Erwartungen werden. Für Risikoanlagen wird das Umfeld in Europa in jedem Fall anspruchsvoller. Der Energiepreisanstieg trifft Margen, Realeinkommen und Vertrauen zugleich. Qualität, Preissetzungsmacht und solide Bilanzen gewinnen weiter an Bedeutung. An den Anleihemärkten spricht der Kurs der Geldpolitik in Europa dafür, Laufzeiten nicht zu kurz zu halten. Das größte Risiko kommt hier nicht von der Geldpolitik der EZB, sondern von Ansteckungseffekten durch einen möglicherweise zu lockeren Kurs der US-Notenbank.“

 

Simona Mocuta, Chefökonomin bei State Street Investment Management

„Die heutige Zinserhöhung der EZB wurde weithin erwartet – dürfte aber letztlich wenig bewirken. Entgegen ihrer eigentlich Ziele läuft die Eurozone Gefahr, die Geldpolitik in eine Phase wirtschaftlicher Schwäche hinein weiter zu straffen – ein Vorgehen, das das Wachstum eher belasten als die Inflation eindämmen dürfte. Tatsächlich dürfte eine Zinserhöhung kaum geeignet sein, dem durch einen Angebotsschock getriebenen Inflationsdruck entgegenzuwirken.

Da die Lohninflation unter Kontrolle ist und sowohl die Verbraucherstimmung als auch die Konsumausgaben gedämpft bleiben, ist der Spielraum für Zweitrundeneffekte bei der Inflation ohnehin gering. Zwar hatten einige Stimmen zumindest für eine Verschiebung des Zinserhöhungszyklus plädiert, doch diese Position hat sich nicht durchgesetzt. Wie geht es also für die Eurozone weiter? Aus unserer Sicht spricht derzeit vieles dafür, dass die EZB im Herbst einen weiteren Zinsschritt vornehmen wird.“

 

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