Der EZB-Rat hat mit seiner heutigen Entscheidung den Zinssatz der Eurozone für die Einlagefazilität sowie die Zinssätze für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte und für die Spitzenrefinanzierungsfazilität um jeweils 25 Basispunkte erhöht.
Sonja Marten, Chefvolkswirtin der DZ Bank
„Zinserhöhung im Kriegsschatten: Die EZB hat wie erwartet gehandelt. Der Leitzins steigt um 25 Basispunkte. Damit reagiert die Notenbank auf den jüngsten Inflationsanstieg, der sich in den kommenden Monaten fortsetzen dürfte.
Angesichts der weiterhin äußerst unsicheren Lage im Nahen Osten – US-Präsident Trump hat für die heutige Nacht neue Angriffe auf den Iran angekündigt – hält sich die EZB alle Optionen offen: Christine Lagarde betonte in ihrem Eingangsstatement ausdrücklich, dass es keine Festlegung auf weitere Zinserhöhungen gebe. Das ist verständlich. Heute hatte die Notenbank zwar keine andere Wahl mehr, als die Zinsen anzuheben, um so die Inflationserwartungen im Zaum zu halten.
Allerdings ist den Notenbankern auch die maue konjunkturelle Lage im Euroraum bewusst. Nachhaltig hohe Zinsen dürften die Wirtschaft noch stärker abwürgen. Trotzdem gehen wir davon aus, dass die EZB nach der Sommerpause erneut nachlegen muss: Der vom Krieg im Iran ausgelöste Inflationsschub gewinnt mit großer Wahrscheinlichkeit weiter an Kraft.“
Martin Frandsen, Portfolio Manager bei Principal Asset Management
„Die Zinserhöhung der EZB spiegelt den anhaltenden Inflationsdruck wider, der teilweise durch fortdauernde geopolitische Disruptionen – insbesondere im Nahen Osten – verstärkt wird. Die Gesamtinflationsrate im Mai hat erneut unterstrichen, wie hartnäckig die Inflation ist, während die Kerninflationsmaße bemerkenswert robust geblieben sind.
Mit Blick nach vorn besteht das Risiko, dass sich die Inflation in den kommenden Monaten weiter verfestigt und möglicherweise in ein höheres Lohnwachstum übersetzt, was zusätzlichen Druck auf einkommensschwächere Verbraucher ausüben würde. Dies geschieht vor dem Hintergrund eines gedämpften Wirtschaftswachstums und schafft ein herausforderndes makroökonomisches Umfeld.
In diesem Kontext erscheinen europäische Banken, insbesondere jene mit Engagement in den schneller wachsenden Volkswirtschaften Osteuropas, vergleichsweise gut positioniert, um von einer weiteren Ausweitung der Nettozinsmargen zu profitieren. Umgekehrt könnten einige der höher bewerteten Unternehmen, die in jüngerer Zeit überdurchschnittlich performt haben, zunehmend unter Bewertungsdruck geraten, da die Kapitalkosten weiter steigen.“
Michael Heise, Chefökonom von HQ Trust
„Mit dem Zinsschritt sichert sich die EZB gegen einen weiteren Anstieg der Inflation ab. Die Notenbank musste ihre Projektionen für 2026 bereits deutlich nach oben korrigieren. Höhere Zinsen dämpfen den Preisdruck in der Eurozone. Steigende Energie- und Vorleistungskosten werden weniger stark auf die Binnenpreise in der Eurozone durchwirken. Die Zinserhöhung erschwert es, höhere Kosten auf die Endpreise umzulegen und stabilisiert die Inflationserwartungen von Konsumenten und Unternehmen.
Die Zinsanhebung ist keine unproblematische Entscheidung. Auch wegen der hohen Energiepreise ist die Gefahr einer Rezession durchaus vorhanden. Nach über drei Monaten der Krise im Nahen Osten jetzt auf eine schnelle Beruhigung der Konflikte zu setzen, wäre aber fast schon fahrlässig und mit Blick auf die Preisstabilität riskant gewesen. Der mögliche Fehler dieser Entscheidung bleibt begrenzt. Fällt die Inflation schneller als erwartet, kann die EZB ihre restriktive Geldpolitik später wieder lockern. Im Falle eines baldigen stärkeren Rückgangs der Preise für Energie und andere Lieferungen aus der Golfregion dürften weitere Zinssteigerungen ausbleiben.
Für Sparer und Kreditnehmer ändert sich durch einen einzelnen Zinsschritt von 25 Basispunkten unmittelbar wenig. Die Zinsen auf Tages- und Festgeldkonten dürften allenfalls marginal steigen. Wer einen Kredit zu variablen Konditionen hat, muss mit einer geringfügig höheren Belastung rechnen – der Effekt bleibt überschaubar. Entscheidend ist vor allem die Signalwirkung: Die EZB macht deutlich, dass sie die Inflation weiterhin konsequent bekämpfen will.“
Laura Cooper, Global Investment Strategist und Leiterin Macro Credit bei Nuveen
„Für die EZB ist dies keine einmalige Maßnahme. Die Währungshüter lieferten die weithin erwartete Zinserhöhung um 25 Basispunkte und signalisierten zugleich, dass weitere Anhebungen wahrscheinlich folgen werden. Damit hob die EZB ihre Leitzinsen erstmals seit 2023 an und übernahm im Vergleich zu anderen großen Zentralbanken eine Vorreiterrolle bei der Reaktion auf den Energieschock.
Die bereits im April kommunizierte, datenabhängige Orientierung von Sitzung zu Sitzung wurde beibehalten, die zugrunde liegende Botschaft war jedoch eindeutig. Der September zeichnet sich als nächster realistischer Termin ab, da die Prognosen einen stärkeren Inflationsüberschuss als zuvor erwartet zeigen und darauf hindeuten, dass die sich ausweitenden Auswirkungen des Energieschocks auf die Preise nicht länger ignoriert werden können.
Die veränderte Darstellung der Inflationsaussichten ist bezeichnend. Die Kerninflation entwickelt sich im Einklang mit dem schweren Szenario der EZB, und die Übertragung auf die Gesamtwirtschaft erfolgt schneller als nach dem Energieschock von 2022. Die aktualisierten Prognosen sind daher wahrscheinlich immer noch zu niedrig und dürften mit fortschreitendem Konflikt nach oben korrigiert werden.“