Drei Viertel der Deutschen haben schon von ETFs gehört – doch das Wissen darüber ist erschreckend dünn. Im Durchschnitt bewerten sich die Befragten einer neuen, repräsentativen Forsa-Studie beim Thema ETFs selbst mit der Schulnote 4,5. Das Gros der Deutschen bevorzugt nach wie vor konservative Anlageformen wie Tagesgeld und Sparbuch – obwohl 61 Prozent ihr eigenes Anlageverhalten als zu risikoscheu einschätzen. Was hinter diesem Widerspruch steckt und was Anleger und ETF-Anbieter daraus lernen können, erklärt Martin Bechtloff, Vice President ETF Distribution Deutschland und Österreich bei Franklin Templeton, im Gespräch.
Die repräsentative Befragung wurde von Forsa im Auftrag von Franklin Templeton durchgeführt. Befragt wurden 1.009 Personen ab 18 Jahren in Deutschland.
private banking magazin: Herr Bechtloff, drei Viertel der Deutschen haben schon von ETFs gehört – klingt erst einmal gut. Aber wie sieht es letztlich beim Investieren aus?
Martin Bechtloff: Der hohe Bekanntheitsgrad täuscht leider etwas. Ja, 75 Prozent der Befragten kennen den Begriff ETF. Aber wenn man genauer hinschaut, zeigt sich: Das Wissen ist sehr oberflächlich. Die Befragten bewerten ihr eigenes ETF-Wissen im Durchschnitt mit der Schulnote 4,5 – also zwischen „ausreichend“ und „mangelhaft“. Mehr als die Hälfte stuft die eigenen Kenntnisse sogar als mangelhaft oder ungenügend ein, und nur 12 Prozent halten ihre eigenen Kenntnisse für gut oder sehr gut. Das ist eine klare Botschaft: Bekanntheit ist nicht gleich Kompetenz. Diese Lücke erklärt, warum viele trotz grundsätzlichem Interesse nicht investieren.
Und darum setzen die meisten Deutschen weiterhin auf Tagesgeld und Sparbuch statt auf renditestärkere Anlagen?
Bechtloff: Die Studie liefert dazu eine aufschlussreiche Zahl: 68 Prozent der Befragten geben an, keine oder nur geringe Erfahrung mit Geldanlagen zu haben. Wer sich unsicher fühlt, weicht auf das Vertraute aus – und das sind in Deutschland traditionell Tagesgeld mit 69 Prozent und Sparbuch mit 53 Prozent. Gleichzeitig sagen 61 Prozent, dass die Deutschen ihr Geld zu konservativ anlegen. Das ist ein bemerkenswerter Widerspruch: Die meisten erkennen das Problem, handeln aber nicht.
„Komplexität und Unsicherheit sind die größten Bremsen – keine grundsätzliche Ablehnung von Wertpapieren.“ – Martin Bechtloff, Vertriebsspezialist bei Franklin Templeton
Hinzu kommt, dass 42 Prozent die wachsende ETF-Auswahl als überfordernde Fülle empfinden. Komplexität und Unsicherheit sind die größten Bremsen – keine grundsätzliche Ablehnung von Wertpapieren.
Hier scheint sich ein Wandel anzubahnen.
Bechtloff: Auf jeden Fall. Was mich wirklich beeindruckt: 34 Prozent der Befragten machen sich mehr Sorgen darüber, ihr Geld gar nicht anzulegen, als einen Börsencrash zu erleben. Das ist ein echter Mentalitätswandel, den uns Kunden und Geschäftspartner bestätigen. Die Menschen wollen handeln. Sie brauchen nur Klarheit – über Produkte, über Risiken, über Chancen.
44 Prozent der Befragten sagen, ohne Wertpapiersparpläne werde man im Ruhestand erhebliche Einschränkungen hinnehmen müssen. Trotzdem besitzen nur 29 Prozent passive ETFs und lediglich 4 Prozent aktive ETFs. Wie erklären Sie diese Lücke zwischen Einsicht und Handeln?
Bechtloff: Das ist genau das Kernproblem, das wir in dieser Studie sehen: Das Bewusstsein für die Notwendigkeit ist durchaus vorhanden – 43 Prozent sehen ETFs als wichtigen Baustein der Altersvorsorge. Aber zwischen dem Erkennen einer Notwendigkeit und dem tatsächlichen Handeln liegt für viele Menschen eine hohe Hemmschwelle. Fehlendes Wissen, Scheu vor dem ersten Schritt, mangelndes Vertrauen in unbekannte Anbieter – 36 Prozent sagen, sie vertrauen nur ETF-Anbietern, deren Namen sie bereits kennen – all das verhindert die Umsetzung. Das Positive: 10 Prozent planen, künftig in aktive ETFs zu investieren. Das Interesse wächst, es braucht aber niedrigschwellige Zugänge und bessere Aufklärung.
Wer die ETF-Nutzung steigern will, muss wissen, wo Menschen Informationen suchen. Was zeigt die Studie dazu?
Bechtloff: Hier ergibt sich ein sehr interessanter Befund mit einer klaren Generationenspaltung. Insgesamt sind Finanzportale wie extraETF oder justETF mit 23 Prozent die meistgenutzte Informationsquelle für ETFs, gefolgt von Freunden und Familie mit 22 Prozent sowie Bankberatern und Bankinformationen mit jeweils 21 Prozent.
Schaut man auf die Altersgruppen, verschieben sich die Gewichte erheblich: Bei den 18- bis 34-Jährigen sind Freunde und Familie mit 26 Prozent der stärkste Einflussfaktor bei Anlageentscheidungen, Finanzportale folgen mit 14 Prozent. Bei den über 65-Jährigen hingegen dominiert der Bankberater klar mit 30 Prozent. Das bedeutet: Wer jüngere Anleger erreichen will, muss digitale Kanäle und Community-Formate bespielen. Klassische Beratung bleibt hingegen für ältere Zielgruppen unverzichtbar.
Franklin Templeton ist Spezialist für Schwellenmärkte. Emerging-Market-ETFs gelten als Wachstumschance – aber sehen das die deutschen Anleger auch so?
Bechtloff: Die Einschätzungen der Befragten könnten kaum widersprüchlicher sein: 45 Prozent glauben, dass bestimmte Schwellenländer in den nächsten Jahren überdurchschnittlich wachsen werden, und 34 Prozent sehen Einzelländer-ETFs als Instrument für gezielte Investments in Märkte mit hohem Potenzial.
Aber dem steht erhebliche Skepsis gegenüber: 51 Prozent fühlen sich bei Investments in einzelne Schwellenländer nicht ausreichend informiert, 43 Prozent schreckt das geopolitische Risiko ab, und 42 Prozent empfinden Einzelländer-ETFs als riskanter als breite Emerging-Markets-Lösungen. Das spiegelt sich auch im tatsächlichen Verhalten wider: Unter aktiven ETF-Nutzern setzen 33 Prozent auf Schwellenländer-ETFs, während 79 Prozent klassische Regionen-ETFs bevorzugen.
Auch hier lautet die Botschaft für Anbieter: Aufklärung über Chancen und Risiken ist besonders wichtig – das Interesse ist vorhanden, aber die Informationslücke bremst.
Zur Person
Martin Bechtloff ist seit September 2022 als Vice President ETF Distribution für Deutschland und Österreich bei Franklin Templeton tätig. Zuvor verantwortete er als Sales Manager bei HSBC den Wholesale-Vertrieb aktiver und passiver Investmentlösungen über verschiedene Anlageklassen hinweg.