Europas Schwäche Vom Globalisierungsgewinner zum Finanzkrisenverlierer

Karl-Heinz Thielmann, Vorstand von Long-Term Investing Research - Institut für die langfristige Kapitalanlage

Karl-Heinz Thielmann, Vorstand von Long-Term Investing Research - Institut für die langfristige Kapitalanlage

// //

Zu Beginn des Monats Oktober kam es zu zwei Ereignissen, die Symbolkraft für die Entwicklung der großen Wirtschaftsregionen der Welt zu haben scheinen: In Atlanta wurde das Freihandelsabkommen TTP (Trans-Pazifische-Partnerschaft) vereinbart. Hierdurch entsteht eine neue Freihandelszone, deren Teilnehmer derzeit schon mehr als ein Drittel des globalen Bruttosozialproduktes erwirtschaften. In Paris hingegen wurden Manager der Air France, die für den Einsparkurs verantwortlich sind, von Mitarbeitern tätlich angegriffen, sodass sie mit zerrissenen Kleidern vor dem Mob flüchten mussten.

Während sich die Pazifikregion fortschrittsorientiert präsentiert, wird Europa seit Monaten von Themen bestimmt, die ein Grundmotiv haben: Es ist in der Vergangenheit zu Fehlentwicklungen gekommen, aber anstatt diese konsequent anzugehen, hatten einige (oder alle) der Beteiligten entweder nichts gemacht, alles nach hinten geschoben oder an Pseudolösungen herumgedoktert, die kurzfristig gut aussahen, langfristig jedoch alles verschlimmerten. Wenn die Probleme dann aufbrachen, wurden zumeist hohe Kosten sichtbar, manchmal kam es zu Skandalen beziehungsweise hässlichen Szenen.

Ob es um Konflikte mit mächtigen Gewerkschaften wie bei den Piloten und Lokführern, Migration, die Griechenlandkrise, den Ukrainekonflikt und Russlandsanktionen, den Volkswagen-Skandal, die EEG-Umlage oder das quantitative Easing der EZB geht: Bei jedem dieser Themen ist erkennbar, dass aktuellen Problemen gravierende Fehlsteuerungen in der Vergangenheit zugrunde liegen. Diesen haben sich die jeweils Verantwortlichen nicht gestellt, sondern lieber auf Kosmetik und Flickschusterei verlegt. Und sofern nicht wie bei Volkswagen US-Strafverfolger drohen, scheint die Motivation weiterhin gering zu sein, an echten Lösungen zu arbeiten.

Europa: vom Globalisierungsgewinner zum Finanzkrisenverlierer

Nimmt man die Aktienkursentwicklung als Erfolgsindikator für eine Region, wird das Zurückfallen Europas deutlich sichtbar. So zeigt die Entwicklung repräsentativer europäischer Indizes in internationalen Vergleich zu globalen Aktienindizes (siehe Grafik), dass europäische Aktien bis zur Finanzkrise 2008 eine überdurchschnittliche Performance aufwiesen.






















Danach etablierte sich ein relativer Abwärtstrend, der ungebrochen anhält.

Europäische Unternehmen konnten vor der Finanzkrise noch überproportional von der weltwirtschaftlichen Entwicklung profitieren, die seit den 80er Jahren von einer immer weitergehenden globalen Integration getrieben wurde. Die Erholung nach der Krise ging in der Breite aber an ihnen vorbei. Lediglich stark global ausgerichtete Firmen mit einem vorwiegend außereuropäischen Geschäft können nach wie vor mit ihren internationalen Wettbewerbern mithalten.

Ihren Ausdruck finden die ökonomischen Probleme auch in dem anämischen Wirtschaftswachstum, dass eine anhaltend hohe Arbeitslosigkeit in vielen europäischen Ländern zur Folge hat. Insbesondere im Vergleich mit den aufstrebenden Wirtschaftsnationen Asiens gerät Europa immer mehr ins Hintertreffen.















Europäische Erfolgsfaktoren geraten mehr und mehr in Vergessenheit

Bevor man sich mit der Frage beschäftigt, was Europa aktuell im Vergleich mit anderen Regionen besser oder schlechter macht, scheint es angebracht, sich noch einmal die Gründe für den herausragenden wirtschaftlichen Erfolg in den vergangenen Jahrhunderten genauer zu betrachten.
Der britische Historiker Niall Ferguson hat im Jahr 2011 das Buch „Civilization: The Six Killer Apps of Western Power“ veröffentlicht (der Titel der deutschen Ausgabe „Der Westen und der Rest der Welt: Die Geschichte vom Wettstreit der Kulturen“ ist wahrscheinlich im Interesse der „Political Correctness“ etwas „weicher“ formuliert worden). Hierin versuchte er die Schlüsselfaktoren zum Aufstieg der westlichen Nationen (und dies waren neben den USA vor allem die europäischen Staaten) zu den führenden Mächten auf der Welt zu identifizieren.