Europas Nachholbedarf Vier Gründe, warum immer mehr Investoren Senior Loans kaufen

Dan Norman, Managing Director Senior Loan Group, ING Investment Management

Dan Norman, Managing Director Senior Loan Group, ING Investment Management

Die besicherten Darlehen treffen aus mindestens vier Gründen den Nerv von institutionellen Investoren: geringere Kursschwankungen dank eines variablen Zinses, einer sehr kurzen Duration, der Kapitalschutz im Konkursfall des Schuldners und ein hohes Diversifikationspotenzial. Aber noch hat nicht jeder Anleger Zugriff darauf.

Der aus unserer Sicht wichtigste Grund für das steigende Interesse an der Assetklasse „Senior Loans“ sind ihre variable Verzinsung (angepasst an den aktuellen Geldmarktzins) und die sehr kurze Duration, da durationsbedingte Risiken – also Kursverluste infolge steigender mittel- und langfristigen Zinsen – bei Loans kaum zu erwarten sind. Diese Eigenschaft ist ein Schlüsselthema für Investoren. Denn die vorherrschende Erwartung ist, dass die Zinsen in den USA ebenso wie in der restlichen Welt in Zukunft wieder steigen werden.

Senior Loans sollten in diesem Jahr sowohl bei der Kursentwicklung als auch im Hinblick auf den Kuponzins attraktive Anlagechancen bieten, zum Beispiel im Vergleich zu Hochzinsanleihen. Diese bieten zwar ebenfalls einen Zinsaufschlag gegenüber sichereren Rentenanlagen, weisen aber eine längere Duration auf. Wegen ihrer geringeren Zinssensitivität dürfte das Segment der Loans zudem weniger volatil reagieren als andere Rentensegmente, vor allem bei Zinsschritten oder negativen Makro-Ereignissen.

Vorrangig besichert, ausgezeichnet diversifiziert

Ein weiterer Vorteil von Senior Loans gegenüber Hochzinsanleihen ist ihre erstrangige Besicherung. Kommt es beispielsweise durch Konkurs zum Ausfall des Schuldners, werden die Senior Loans als hochrangigste Schuldtitel in der Kapitalstruktur von Unternehmen als erste bedient. Die Erlösquoten waren in der Vergangenheit deshalb stets höher als bei unbesicherten Schuldtiteln. Für diese Anlageklasse spricht sicherlich auch, dass die Ausfallraten an sich derzeit sehr niedrig sind. Wir gehen sogar davon aus, dass sie noch mindestens zwei weitere Jahre auf diesem niedrigen Niveau bleiben werden.

Ein weiterer Pluspunkt ist das Diversifikationspotenzial. Vorrangig besicherte Unternehmenskredite korrelieren negativ mit einer Vielzahl festverzinslicher Anleihen aus dem Investment-Grade-Sektor mit längerer Duration. Daher eignen sich Senior Loans gut als Beimischung, um das Risiko im Gesamtportfolio zu senken. Senior Loans zeigten in der Vergangenheit eine deutlich geringere Volatilität als Aktien oder Anleihen – meist nur die Hälfte der Anleihevolatilität und etwa ein Drittel der Volatilität der wichtigsten Aktienmärkte. Ein Wehrmutstropfen: Die Nettoerträge sind tendenziell niedriger als bei Hochzinsanleihen, während die Gebühren bei Loans höher ausfallen als beispielsweise bei standardisierten Anleiheportfolios.

Europäischer Markt mit Nachholpotenzial

Fündig werden Investoren in diesem Segment inzwischen auf beiden Seiten des Atlantiks, doch der europäische Markt besitzt derzeit nur ein Fünftel des Volumens seines US-Pendants. In den USA sind Senior Loans seit Jahren als Anlageklasse etabliert. Der größte Teil der Kreditnehmer wird von mindestens einer unabhängigen Ratingagentur bewertet. Zudem sorgt eine breite Anlegerbasis für einen großen, gut etablierten Sekundärmarkt mit hoher Liquidität. In Europa dagegen kommt der Trend zum Rating bei kleineren und mittelgroßen Firmen erst jetzt an. Asien wiederum ist im internationalen Loans-Geschäft nicht prominent vertreten, da dort Unternehmen Kredite meist vor Ort aufnehmen und diese seltener syndiziert und verkauft werden.

Finanzierungslücken schließen

Insgesamt entwickelt sich das Senior-Loans-Angebot sehr positiv. Die Neuemissionstätigkeit ist sowohl in den USA als auch in Europa rege. Ein Grund hierfür ist, dass Unternehmen sich bei der Wahl zwischen Krediten und Anleihen zur Kapitalaufnahme im Umfeld steigender Zinsen eher für die Option „Kredit“ entscheiden. Institutionelle Investoren, wie etwa Private-Equity-Gesellschaften, gehen teils direkte Kreditbeziehungen mit Schuldnerunternehmen mittlerer oder kleinerer Größe ein. Auf diese Weise wird zugleich eine Finanzierungslücke geschlossen: Obwohl der Darlehensbedarf hoch ist, zeigen Banken derzeit wenig Bereitschaft, Kredite an Non-Investment-Grade-Firmen zu vergeben.

Es hilft deshalb, dass derzeit Kapital aus den USA in Richtung nach Europa fließt. Denn europäische Unternehmen begeben zunehmend mehr auf US-Dollar lautende Kredittranchen am Primärmarkt, während US-Anleger häufiger die europäischen Sekundärmärkte nutzen.

Auch für deutsche Investoren gibt es gute Gründe, sich der – hierzulande noch recht jungen – Anlageklasse Senior Loans zuzuwenden. Regulatorische Änderungen könnten es künftig zudem leichter machen, diese Papiere auch in Master-Fonds aufzunehmen. Investoren, die selber keine direkten Loans-Engagements aufbauen möchten, können auf spezialisierte Asset Manager setzen. Allerdings ist die Anbieterzahl in Deutschland derzeit noch überschaubar. Senior Loans sind noch immer kein Standardprodukt und in Deutschland ausschließlich institutionellen Anlegern vorbehalten.