private banking magazin: Ist der ETF-Markt heute bereits erwachsen – oder stehen wir erst am Beginn seiner eigentlichen Industrialisierung?
Lisa Backes: Der ETF-Markt ist in vielen Kernsegmenten klar erwachsen geworden, insbesondere bei liquiden Aktien- und Rentenindizes. Standardisierte Abläufe, eingespielte Marktrollen und ein belastbarer regulatorischer Rahmen sind dafür deutliche Indikatoren. Gleichzeitig stehen wir am Beginn einer zweiten Industrialisierungsphase. Diese ist geprägt von einer stärkeren Einbindung institutioneller Investoren, einer klareren funktionalen Differenzierung der Produkte sowie dem Ausbau belastbarer, professioneller Marktinfrastrukturen.
Dazu zählen unter anderem der Ausbau aktiv gemanagter ETFs sowie die stärkere Integration von ETFs in Vermögensverwaltungsmodelle, Advisory-Plattformen und institutionelle Mandate. Mit dieser Entwicklung gehen höhere Anforderungen an Governance, Reporting sowie Risiko- und Liquiditätsmanagement einher – Anforderungen, die sich nur über klar strukturierte und dauerhaft belastbare Plattform- und Betriebsmodelle erfüllen lassen. Der Markt entwickelt sich damit von einem primär produktgetriebenen hin zu einem system- und infrastrukturbasierten Ökosystem.
Wie weit gilt dieser Fortschritt auch für institutionelle Investoren und die Beratung Hochvermögender?
Backes: Beide Bereiche sind grundsätzlich sehr weit entwickelt, setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte. Institutionelle Investoren nutzen ETFs heute strategisch – etwa für taktische Allokationen, Liquiditätsmanagement oder Overlay-Strategien. Entsprechend rückt weniger das einzelne Produkt als vielmehr die Qualität der zugrunde liegenden Struktur und operativen Umsetzung in den Fokus. Hier stehen Liquidität, Transparenz und regulatorische Einbindung im Vordergrund.
Im Private Banking und bei Hochvermögenden liegt der Fokus stärker auf Portfolioarchitektur, Kosteneffizienz und struktureller Optimierung. ETFs werden zunehmend als Kernbausteine eingesetzt, um skalierbare und zugleich individuelle Anlagestrategien umzusetzen. Der Unterschied liegt also weniger im Produkt selbst als vielmehr im Einsatzkontext.
Was unterscheidet die aktuelle Wachstumsphase von früheren Boomphasen?
Backes: Die aktuelle Wachstumsphase ist vor allem durch den strukturellen Ausbau der gesamten Wertschöpfungskette geprägt. Während frühere Boomphasen stärker nachfragegetrieben waren und sich auf den Marktzugang konzentrierten, steht heute der strukturelle Ausbau der Infrastruktur im Mittelpunkt. Dazu zählen institutionalisierte Distributionsnetze, klar definierte Preis- und Vertriebsmodelle sowie die nahtlose Integration von ETFs in bestehende Investmentmodelle. Der Fokus verlagert sich vom Produkt ETF hin zur ETF-Infrastruktur. Diese Professionalisierung wird zwar durch die steigende Nachfrage angestoßen, ist aber der zentrale Treiber für die nachhaltige Entwicklung des Marktes.
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private banking magazin: Ist der ETF-Markt heute bereits erwachsen – oder stehen wir erst am Beginn seiner eigentlichen Industrialisierung?
Lisa Backes: Der ETF-Markt ist in vielen Kernsegmenten klar erwachsen geworden, insbesondere bei liquiden Aktien- und Rentenindizes. Standardisierte Abläufe, eingespielte Marktrollen und ein belastbarer regulatorischer Rahmen sind dafür deutliche Indikatoren. Gleichzeitig stehen wir am Beginn einer zweiten Industrialisierungsphase. Diese ist geprägt von einer stärkeren Einbindung institutioneller Investoren, einer klareren funktionalen Differenzierung der Produkte sowie dem Ausbau belastbarer, professioneller Marktinfrastrukturen.
Dazu zählen unter anderem der Ausbau aktiv gemanagter ETFs sowie die stärkere Integration von ETFs in Vermögensverwaltungsmodelle, Advisory-Plattformen und institutionelle Mandate. Mit dieser Entwicklung gehen höhere Anforderungen an Governance, Reporting sowie Risiko- und Liquiditätsmanagement einher – Anforderungen, die sich nur über klar strukturierte und dauerhaft belastbare Plattform- und Betriebsmodelle erfüllen lassen. Der Markt entwickelt sich damit von einem primär produktgetriebenen hin zu einem system- und infrastrukturbasierten Ökosystem.
Wie weit gilt dieser Fortschritt auch für institutionelle Investoren und die Beratung Hochvermögender?
Backes: Beide Bereiche sind grundsätzlich sehr weit entwickelt, setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte. Institutionelle Investoren nutzen ETFs heute strategisch – etwa für taktische Allokationen, Liquiditätsmanagement oder Overlay-Strategien. Entsprechend rückt weniger das einzelne Produkt als vielmehr die Qualität der zugrunde liegenden Struktur und operativen Umsetzung in den Fokus. Hier stehen Liquidität, Transparenz und regulatorische Einbindung im Vordergrund.
Im Private Banking und bei Hochvermögenden liegt der Fokus stärker auf Portfolioarchitektur, Kosteneffizienz und struktureller Optimierung. ETFs werden zunehmend als Kernbausteine eingesetzt, um skalierbare und zugleich individuelle Anlagestrategien umzusetzen. Der Unterschied liegt also weniger im Produkt selbst als vielmehr im Einsatzkontext.
Was unterscheidet die aktuelle Wachstumsphase von früheren Boomphasen?
Backes: Die aktuelle Wachstumsphase ist vor allem durch den strukturellen Ausbau der gesamten Wertschöpfungskette geprägt. Während frühere Boomphasen stärker nachfragegetrieben waren und sich auf den Marktzugang konzentrierten, steht heute der strukturelle Ausbau der Infrastruktur im Mittelpunkt. Dazu zählen institutionalisierte Distributionsnetze, klar definierte Preis- und Vertriebsmodelle sowie die nahtlose Integration von ETFs in bestehende Investmentmodelle. Der Fokus verlagert sich vom Produkt ETF hin zur ETF-Infrastruktur. Diese Professionalisierung wird zwar durch die steigende Nachfrage angestoßen, ist aber der zentrale Treiber für die nachhaltige Entwicklung des Marktes.
Verlieren klassische aktive Fonds strukturell Marktanteile – oder gibt es eine Koexistenz?
Backes: Es handelt sich weniger um einen Wettbewerb zwischen aktiv und passiv, als vielmehr um einen Strukturwandel der Fondshülle. ETFs sind liquider, transparenter und operativ effizienter, weshalb sie auch im aktiven Management zunehmend an Bedeutung gewinnen. Aktive ETFs lassen sich wie normale ETFs handeln, nutzen aber aktive Anlagestrategien, um durch gezielte Entscheidungen eine zusätzliche Rendite gegenüber dem Markt zu erwirtschaften.
ETFs werden ein zentrales Anlagevehikel für eine neue Investorengeneration. Klassische aktive Fonds werden dort weiterhin ihre Berechtigung haben, wo tägliche Liquidität, Börsenhandel oder umfassende Transparenz weniger relevant sind. Insgesamt gehen wir jedoch davon aus, dass ETFs insbesondere im institutionellen und vermögensverwaltenden Segment deutlich Marktanteile gewinnen.
Verändert die ETF-Hülle die Produktkonzeption von Asset Managern?
Backes: Ja, sehr deutlich. Die ETF-Struktur erfordert eine wesentlich stärkere Operationalisierung der Prozesse. Strategien müssen transparent, regelbasiert und liquiditätsfähig sein. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Risikomanagement, Datenqualität und Governance. Hierfür ist die umfängliche Infrastruktur der Kapitalanlagegesellschaften wesentlich, die es dem Asset Manager ermöglichen, sich auf seine Kernexpertise zu konzentrieren. Alle anderen wesentlichen Themen wie zum Beispiel Anbindung an Distributionsplattformen werden dann im Rahmen des Setups von der KVG koordiniert.
Warum sind Plattform- und Service-Modelle derzeit ein zentraler Wachstumstreiber?
Backes: Der Markt hat mittlerweile eine Größenordnung erreicht, in der Effizienz und Struktur wichtiger sind als die Auswahl einzelner Produkte. Plattformen bündeln Handel, Verwahrstelle, Reporting, Regulatorik und Risikomanagement und reduzieren so Komplexität, operative Risiken und Kosten – insbesondere für institutionelle Investoren. Solche Strukturen schaffen die Voraussetzung, um ETF-Strategien effizient, skalierbar und konsistent in bestehende Investmentprozesse einzubinden.
Entsprechend gewinnen Plattform- und White-Label-Modelle an Bedeutung, über die Initiatoren ETF-Strategien umsetzen können, ohne selbst eine vollständige operative Infrastruktur aufbauen zu müssen. Ein Ansatz, den auch wir bei der Hauck & Aufhäuser Fund Services (HAFS) über standortübergreifende ETF-Strukturen in Luxemburg und Irland verfolgen. Effizient handelbare Plattformstrukturen werden daher zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil.
Welche operativen und regulatorischen Hürden werden häufig unterschätzt?
Backes: ETFs sind im laufenden Betrieb sehr effizient, erfordern jedoch bei der Auflage einen initialen Strukturierungsaufwand. Es handelt sich nicht um ein statisches Produkt, sondern um eine Struktur, die täglich gesteuert werden muss – inklusive Liquiditätsmanagement, Market-Maker- und Authorized-Participant-Strukturen, Datenmanagement und regulatorischem Reporting. Hinzu kommen grenzüberschreitende Distributionsanforderungen. Gleichzeitig sind ETFs eines der am besten europaweit vertriebsfähigen Produkte und öffnet für deutsche Asset Manager den europäischen Markt.
Wie wichtig sind standortübergreifende Setups für Skalierung und Marktzugang?
Backes: Standortübergreifende Setups sind ein zentraler Erfolgsfaktor, weil sie regulatorische Stabilität mit operativer Nähe zu den relevanten Märkten verbinden. Entscheidend ist dabei nicht nur das Domizil selbst, sondern auch die organisatorische Verzahnung der Standorte. Luxemburg und Irland haben sich als etablierte ETF-Domizile positioniert und bieten hohe regulatorische Akzeptanz sowie internationale Vertriebsfähigkeit. Ein solches Setup ermöglicht es, operative Effizienz, Stabilität und Marktnähe zu kombinieren und ist damit ein wesentlicher Hebel für Skalierung. In der Praxis sehen wir zudem, dass Modelle, bei denen etwa irische ETF-Strukturen von Teams in Luxemburg betreut werden, den Zugang für deutschsprachige Initiatoren erleichtern und Entscheidungsprozesse effizienter gestalten.
Welche Rolle spielt eine robuste Infrastruktur für neue ETF-Angebote?
Backes: Für institutionelle Investoren ist weniger der ETF als Produkt entscheidend, sondern das dahinterliegende Betriebs- und Servicemodell. Anbieter, die diese Infrastruktur über etablierte ETF-Domizile hinweg konsistent abbilden können, senken Eintrittshürden und erhöhen die Investierbarkeit neuer Strategien. Verwahrstelle, Fondsbuchhaltung, NAV-Berechnung, Corporate Actions und regulatorisches Reporting müssen reibungslos ineinandergreifen. Eine etablierte und dokumentierte Infrastruktur ist damit keine Kür, sondern die grundlegende Eintrittsvoraussetzung für Glaubwürdigkeit und Investierbarkeit im ETF-Markt.
Rechnen Sie mit einer stärkeren Konsolidierung im ETF-Markt?
Backes: Kurzfristig dürfte der ETF-Markt weiter wachsen und zusätzliche Anbieter anziehen. Mittelfristig ist jedoch eine Konsolidierung wahrscheinlich, da das Geschäft kapital- und skalierungsintensiv ist. Entscheidend wird sein, wer in der Lage ist, tragfähige und skalierbare Strukturen aufzubauen – daran wird sich auf lange Sicht die Wettbewerbsfähigkeit der Anbieter messen.
Was muss ein ETF-Anbieter tun, um in fünf Jahren noch relevant zu sein?
Backes: Entscheidend sind regulatorische und operative Verlässlichkeit sowie die nahtlose Integration der Produkte in professionelle Investmentprozesse. Anbieter, die ETF-Strukturen nicht isoliert denken, sondern als integrierten Bestandteil einer stabilen, standortübergreifenden Infrastruktur betrachten, werden langfristig Erfolg haben. ETFs müssen auf den relevanten Distributionsplattformen verfügbar sein und sich skalierbar in bestehende Systeme einfügen lassen. Innovationsfähigkeit, Infrastrukturkompetenz und die Unterstützung professioneller Investmentprozesse werden wichtiger sein als reine Kosten- oder Volumenargumente.
Über die Interviewte:
Lisa Backes ist stellvertretende Vorstandsvorsitzende (Deputy CEO) und Vorstandsmitglied bei Hauck & Aufhäuser Fund Services (HAFS) in Luxemburg. Sie verantwortet die Bereiche Governance und ESG sowie gruppenweit die ManCo-, AIFM- und KVG-Funktionen.