Interview mit Lupus alpha-Partnern „ESG wird sich zum Standard entwickeln“

Seite 2 / 2

Albert: Für unsere Märkte teile ich diese Befürchtung nicht. Bei europäischen Small & Mid Caps sprechen wir von mehr als eineinhalbtausend Titeln, die potenziell für ein Investment infrage kommen. Wenn man auf dieses Universum Nachhaltigkeitsfilter anwendet und Unternehmen mit starken Kontroversen sowie Umsätzen in umstrittenen Geschäftsfeldern herausnimmt, bleibt da noch immer eine ungeheure Vielfalt aus verschiedenen und unterschiedlich konjunktursensiblen Branchen. 2020 konnten wir zum Beispiel unter Einhaltung unserer ESG-Kriterien eine Performance erzielen, die unseren Kunden ein Alpha von 15 Prozent beschert hat.

Wie hat sich der Marktkonsens, dass ESG ins Portfolio gehört, auf die Bewertungen ausgewirkt?

Albert: Derzeit gibt es im Markt ein beträchtliches ESG-Momentum, das man in manchen Fällen schon als Bewertungsblase bezeichnen könnte. Wichtig ist hier, dass wir vor der Masse der Investoren erkennen, wann ein Bewertungsaufschlag gerechtfertigt ist. Damit wir eine Aktie rechtzeitig kaufen, um die Performance mitzunehmen, wenn das Unternehmen durch seine Kursentwicklung diese Bewertungserwartung erfüllt oder sogar übererfüllt.

Können Sie hier ein Beispiel nennen?

Albert: Lassen sie mich den Maschinenbau als Beispielbranche nehmen: Ein Maschinenbauer, der Logistikprozesse unterstützt, ist ein einfacher Maschinenbauer. Baut er jedoch Maschinen für die Pfandrückgabe, ist er nicht mehr „nur“ ein Maschinenbauer, sondern – durch die ESG-Brille betrachtet – ein Unternehmen, das die Welt jeden Tag ein Stück besser macht. Dieses Unternehmen gibt es und es heißt Tomra. Seitdem wir es kennen, hat sich der Börsenwert verachtfacht. Durch das ESG-Momentum kann auch ein Maschinenbauer ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 50 erreichen. Aus ökonomischer Sicht würden wir normalerweise ab einem KGV von 25 verkaufen. Hier müssen wir aber zur Kenntnis nehmen, dass der Markt solchen Werten heute auch höhere Bewertungen zubilligt.


Entsteht eine Art „Distressed-Markt“ für ESG-Sünder?

Albert: Definitiv. Nehmen wir Rheinmetall als Beispiel: Das ist ein gut geführtes Unternehmen und einerseits ein Automobilzulieferer, andererseits ein Rüstungshersteller. Unter Bewertungsgesichtspunkten ist das Unternehmen extrem günstig, aus derzeitiger Investorensicht jedoch ein ungeliebter Wert, da nicht „ESG-konform“. Solche Aktien könnten mittelfristig vom offenen Kapitalmarkt verschwinden, weil sie sich dort nicht mehr refinanzieren können, und vielleicht in den Portfolios von Private Equity-Firmen landen. Es gibt einfach Unternehmen, die keine ESG-Transformation durchlaufen können und die dann in neuen Strukturen aufgehen werden.

Machen Sie bereits Warnsignale aus, dass aus dem Momentum eine Bewertungsblase wird, die bald platzen könnte?

Albert: Für aufmerksame Beobachter sind die ersten Signale bereits sichtbar. Beispielsweise sollte man skeptisch werden, wenn jemand, der gestern noch in einer ESG-kontroversen Branche sein Geld gemacht hat, plötzlich für einen Windpark Investorengelder einsammeln möchte. Derzeit gibt es ein hohes ESG-Momentum im Markt. Das muss aber nicht so bleiben. Kommt es zu einer deutlichen Kurskorrektur, werden die Investoren aufwachen.

Zuber: In diesem Prozess wird sich ESG zum Standard entwickeln. Dann werden die Investoren ihren Blick auch wieder stärker auf die ökonomischen Bewertungskriterien richten.

Dieses Interview wurde uns freundlicherweise von Lupus alpha zur Verfügung gestellt und stammt aus dem aktuellen Leitwolf-Magazin. Link zum Magazin leitwolf 007 (leitwolf-magazin.de)


Zu den Interviewten:

Götz Albert ist seit 2018 Managing Partner und verantwortlich für den Bereich Portfolio Management. Vor seiner Berufung in die Geschäftsführung von Lupus alpha war er seit 2010 Partner sowie Head of Portfolio Management Small & Mid Caps. Bis zum Jahr 2003 war er bei Independent Research als Leiter verantwortlich für den Bereich Small & Mid Cap-Research. Seine Karriere im Finanzsektor startete er bei der DB Cargo, davor arbeitete er in der universitären Forschung und führte ein Forschungsprojekt zu untergehenden Industrien durch.

Markus Zuber ist Partner bei Lupus alpha und seit 2020 als Chief Sales Officer verantwortlich für den Bereich Clients & Markets. Vor seiner Zeit bei Lupus alpha war er bei der Deka-Bank in Frankfurt am Main als Vertriebsdirektor im Bereich Vertriebsunterstützung tätig, wo er für die Durchführung von Projekten zur Intensivierung des Fondsgeschäfts für Sparkassen verantwortlich war.