Nachhaltige Investments ESG-Ratings greifen zu kurz

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ESG ist ein Anfang, mehr nicht

Große Popularität genießen ESG-Strategien, die Investments in Bezug auf Umwelt, Soziales und Governance bewerten. Aber reichen die ESG-Kriterien tatsächlich aus, um nachhaltige Investments zu selektieren? Die Antwort lautet eindeutig: Nein.

Wie beim übergeordneten Begriff Nachhaltigkeit gibt es auch bei den E-, S-, G-Kriterien unterschiedliche Auffassungen davon, was genau darunter zu verstehen ist. Nachhaltigkeits-Ratingagenturen gelangen bei denselben Aktiengesellschaften teilweise zu völlig unterschiedlichen Bewertungen. Schon vor Jahren kam eine Untersuchung des Massachusetts Institute of Technology (MIT) zusammen mit der Sloan School of Management zu dem Ergebnis, dass zwischen den ESG-Bewertungen der verschiedenen Nachhaltigkeits-Ratingagenturen kaum Korrelationen bestehen. Außerdem stammen die zugrundeliegenden Informationen und Daten in der Regel von den Unternehmen selbst. Sie haben es also zu einem guten Teil selbst in der Hand, wie sozial und ökologisch sie sich präsentieren.

Beispiel Raytheon: Eine renommierte Nachhaltigkeits-Ratingagentur stuft den amerikanischen Rüstungsproduzenten auf einer ESG-Skala von AAA bis CCC mit A ein, da das Unternehmen, unter anderem den Strom- und Wasserverbrauch sowie die CO2-Emissionen laut Nachhaltigkeitsbericht reduziert hat. Raython produziert unter anderem Raketen, Torpedos und Marschflugkörper und müsste eigentlich bei der Anwendung halbwegs ernsthafter Ausschlusskriterien aus jedem nachhaltigen Anlageuniversum rausfliegen.

Ein weiteres Beispiel ist Rio Tinto. Auch diesen Minenkonzern bewertet die genannte Nachhaltigkeits-Ratingagentur in Bezug auf ESG mit A, obwohl dem Unternehmen Verstöße gegen die Umwelt und die Arbeitsrechte vorgeworfen werden. So hat der australisch-britische Konzern in Westaustralien Kulturstätten der Ureinwohner gesprengt, woraufhin der CEO zurücktreten musste. Außerdem versuchte Rio Tinto in der Vergangenheit immer wieder Beschäftigte davon abzuhalten, Gewerkschaften beizutreten. Eine gute Unternehmensführung sieht wohl anders aus.

Natürlich können ESG-Ratings bei der Selektion nachhaltiger Aktien und Anleihen durchaus hilfreich sein. Sie sind aber nur ein erster Schritt, allein reichen sie kaum aus. Sinnvoll ist eine Kombination mit Ausschlusskriterien. Dazu zählen üblicherweise zum Beispiel die Missachtung von Menschenrechten, die Produktion von und der Handel mit Waffen oder gesellschaftlich kontroverse Technologien wie bestimmte gentechnische Anwendungen. Die Ausschlusskriterien lassen sich auch noch weiter fassen - zum Beispiel durch die Herstellung von Produkten, die sich auch militärisch nutzen lassen, oder der nicht verantwortliche Umgang mit Tieren.

Ein noch höheres Nachhaltigkeitsniveau erreichen Investoren, wenn Sie Ausschluss- und ESG-Kriterien zusätzlich mit Positivkriterien kombinieren. Hier kann sich die Definition an den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (UN) orientieren. Sie sind gewissermaßen der weltweit geltende Konsens, was als sozial und ökologisch gilt. Positiv ist es zu werten, wenn ein Unternehmen aktiv auf eins oder mehrere UN-Nachhaltigkeitsziele einzahlt. Wenn Anleger ihre Aktien und Anleihen nach ESG-, Ausschluss- und Positivkriterien auswählen, können sie weitgehend sicher sein, ein wirklich nachhaltiges Depot zu führen.

Sie erhalten dann neben einer sozialen und einer ökologischen Dividende auch eine finanzielle. Ethisch geführte Unternehmen haben bessere Chancen, längerfristig stabil zu wachsen. Gerade derzeit profitieren sie beispielsweise durch Energieeffizienzsteigerung von Kostenvorteilen. Eine Ressourcen-Sensibilität reduziert die Beschaffungskosten, ein fortschrittliches Personalwesen zieht qualifizierte Mitarbeiter an. Ein gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein fördert Imagegewinn und Markenstärke. Soziales und ökologisches Wirtschaften sowie die Erzielung guter Renditen sind zwei Seiten einer Medaille – vor allem bei einem verantwortlichen Auswahlprozess.

 

Über den Autor:
Oliver Fischer ist Partner und Präsident des Verwaltungsrates bei Arete Ethik Invest. Bei der auf nachhaltige Investmentstrategien spezialisierten Schweizer Investmentboutique ist er im Relationship-Management tätig. Der Diplom-Betriebswirt (FH) verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Finanz- und Investmentbranche. Bevor Fisher zur Arete Ethik Invest gewechselt ist, hat er für Hauck & Aufhäuser Privatbankiers gearbeitet.