Christian Jasperneite von Warburg „Die Firmen müssen Verantwortung für ihre CO2-intensiven Sparten übernehmen“

Christian Jasperneite von M.M. Warburg & Co.

Christian Jasperneite von M.M. Warburg & Co.: „Die EU bekleckert sich derzeit wahrlich nicht mit Ruhm. Gas und Kernenergie sind jetzt nachhaltig, vor diesem Hintergrund habe ich kein Verlangen danach, mir von den Politikern sagen zu lassen, was nachhaltig ist.“ Foto: M.M. Warburg & Co.

private banking magazin: Herr Jasperneite, was raten Sie Kunden, die ihr Portfolio dekarbonisieren wollen?

Christian Jasperneite: Die Standardantwort ist, dass das Portfolio so umstrukturiert werden muss, dass der CO2-Fußabdruck minimiert wird. Es ist immer möglich, Portfolios gegenüber Benchmarks zu dekarbonisieren, ohne dass der sog. Tracking Error groß leidet. Die ersten 50 Prozent gehen relativ leicht. Doch irgendwann kommt der Punkt, an dem man extrem riskante Wetten eingehen muss. Dann wird es kritisch, weil komplette Bereiche oder Sektoren weggelassen und gewisse Länder stark untergewichtet werden müssen.

Und wenn ein Kunde dennoch sagt, dass er einen CO2-Footprint von 0 Prozent haben möchte?

Jasperneite: Dann gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Zum einen können klassische Kompensationsgeschäfte betrieben werden. Platt gesagt: Es werden Bäume gepflanzt, um die Bilanz aufzubessern. Oder es werden „echte“ europäische Emissionsrechte stillgelegt. Das ist allerdings sehr kompliziert. Je tiefer ich mich allerdings mit klassischen Kompensationsgeschäften beschäftigt habe, desto mehr zweifele ich an der Sinnhaftigkeit.

 

 

 


Unterm Strich kauft man sich ein Recht, um behaupten zu können, dass man in einem Projekt investiert ist, welches vielleicht schon vor zehn Jahren gestartet oder auch abgeschlossen wurde und dessen CO2-Zielversprechen dann in 100 bis 200 Jahren eintritt – wenn der Wald dann immer noch steht. Sinnhaftigkeit kann dabei nur erkannt werden, wenn heroische Annahmen als Fakt anerkannt werden.

Das klingt nach einem Blick in die Glaskugel…

Jasperneite: Eben, und deswegen ist es für Finanzmärkte auch eher ungeeignet, zumal gerade bei Finanzmärkten Skalierbarkeit eine große Rolle spielt, die über komplexe Vertragsbeziehungen bei Kompensationsgeschäften nicht abgebildet werden kann. Es wird letztlich eine Art CO2- Overlay benötigt, also muss ich mit Wertpapieren arbeiten und komme eigentlich automatisch zu EU-Emissionsrechten. Bei diesen reicht es aber nicht aus, sie einfach in das Portfolio zu übernehmen. Sie müssen auch wirklich stillgelegt werden. Ansonsten werden sie zum Marktwert bewertet und irgendwann auch wieder verkauft und können neue Emissionen legitimieren. Der Trick dabei ist also, die Emissionsrechte für immer aus dem Markt zu ziehen.

Wie kann das ihrer Meinung nach am besten funktionieren?

Jasperneite: Sie brauchen eine Einheit, die quasi für immer die Emissionsrechte in die Bücher aufnimmt und garantiert, diese nie wieder abzugeben. Dazu ist eine Konstruktion nötig, beispielsweise mit einer Klimastiftung, die genau diesen Stiftungszweck hat, Emissionsrechte zu halten und für alle Zeiten wegzuschließen. Das muss dann rechtlich auch so aufgesetzt sein, dass es einfach nicht möglich sein kann, diese Rechte wieder zu veräußern. Eine Klimastiftung mit diesem expliziten Stiftungszweck hat gar nicht die Handlungsbefugnis, das passt sehr gut. Unterm Strich reicht es nämlich nicht, beispielsweise eine GmbH zu gründen und zu sagen, ich fange jetzt an, EU-Emissionsrechte zu halten. Geht die GmbH pleite, gehen die Rechte, die ja Wertpapiere sind, in die Insolvenzmasse und dann wieder in den Markt.

Gibt es Alternativen?

Jasperneite: Eine fiele mir ein. Rechte kaufen und sofort löschen. Problematisch ist das wegen der Marktstabilitätsreserve. Die Marktstabilitätsreserve ist eigentlich ein ganz pfiffiger Mechanismus, mit dem ein historisch bedingtes Überangebot an EU-Emissionsrechten Stück für Stück abgearbeitet wird. Die Marktstabilitätsreserve reduziert die Auktionsmenge der Emissionsrechte, so lange die Zahl der im Umlauf befindlichen Emissionsrechte über 833 Millionen liegt. Der eingebaute Löschungs- und Verknappungsmechanismus wird aber konterkariert, wenn Emissionsrechte gelöscht werden. In dem Umfang, wie die Zahl der ausstehenden Emissionsrechte reduziert wird, kann der Löschungsmechanismus nicht mehr für einen arbeiten.