Fatale Goldgräberstimmung Warum Investoren beim Tiefseebergbau umdenken müssen

Daniel Sailer und Julia Trageser von Metzler.

Daniel Sailer und Julia Trageser (r.) von Metzler: „Seit Experimenten 1989 ist bekannt, dass Störungen im Meeresboden auch nach 36 Jahren kaum regenerieren.“ Bildquelle: Metzler

Der Tiefseebergbau ist keine neue Idee, es blieb aber über viele Jahre nur bei Pilotversuchen. Mit steigender Nachfrage nach Metallen und gleichzeitigen technologischen Fortschritten hat der Tiefseebergbau in den letzten Jahren deutlich an Fahrt aufgenommen. 

Allerdings birgt der industrielle Abbau von Rohstoffen wie Mangan, Nickel, Kobalt, Kupfer, seltene Erden, Silber und Gold in der Tiefsee gravierende ökologische Risiken, die nach aktuellem Forschungsstand nicht reversibel sind. Während zahlreiche Staaten und Wissenschaftler ein Moratorium fordern, treiben die USA die Entwicklung voran. Kritiker warnen vor einer Abwälzung der Umweltrisiken auf künftige Generationen. 

Was ist Tiefseebergbau?

Nach initialer Erkundung des Meeresbodens erfolgt der eigentliche Abbau. Dazu versenken Basisschiffe auf hoher See ferngesteuerte Maschinen in bis zu 6.000 Meter Tiefe, um die begehrten Rohstoffe zu bergen.  Diese sind für Batterien, Stahl, Stromnetze und Windkraftanlagen unverzichtbar und sichern technologische wie geopolitische Handlungsfähigkeit rohstoffimportierender Staaten.

Das größte bekannte Mangan-Vorkommen liegt im Pazifik in der Clarion-Clipperton-Zone (CCZ), halb so groß wie Europa. Dort werden über 6 Milliarden Tonnen Mangan vermutet – deutlich mehr als die weltweiten Landreserven.

Die Clarion-Clipperton-Zone ist nicht viel kleiner als die USA. Quelle: Metzler

Um die Rohstoffe abzubauen, saugen die ferngesteuerten Sammelfahrzeuge auf dem Meeresboden  mithilfe von Wasserstrahlen sogenannte polymetallische Knollen, die die oben genannten Metalle enthalten, auf. Zudem kommen seltene Erden, Gold und weitere Metalle in polymetallischen Sulfiden vor. Anders als die „Knollen“ werden diese festen Lagerstätten durch die Maschinen abgefräst. Dabei wird meist die oberste Sedimentschicht gelöst und umgepflügt. Das geförderte Material wird als Schlamm-Wasser-Gemisch zur Oberfläche gepumpt, dort getrennt und anschließend an Land weiterverarbeitet.

Die Risiken 

Seit den DISCOL (Disturbance and recolonisation)-Experimenten 1989 ist bekannt, dass Störungen im Meeresboden auch nach 36 Jahren kaum regenerieren. Sedimentwolken ziehen sich über Kilometer hinweg und können empfindliche Arten belasten. Ein Beispiel hierfür ist die einzigartige Schuppenfuß-Schnecke. Zwei von drei Habitaten der von Eisenschuppen besetzten Schnecke liegen in Abbauzonen des Tiefseebergbaus und wurden daher von der IUCN (Weltnaturschutzunion) als erste durch den Tiefseebergbau gefährdete Art eingestuft.  

Zusätzlich zeigte eine im Juli 2024 in Nature Geoscience veröffentlichte Studie ein überraschendes Phänomen: Die metallhaltigen Knollen können– in völliger Dunkelheit – Sauerstoff aus Meerwasser freisetzen. In der Clarion-Clipperton-Zone wurden erhöhte Sauerstoffwerte nachgewiesen, ausgelöst durch elektrochemische Prozesse, bei denen die Knollen wie „Geo-Batterien“ agieren. Dieser „dunkle Sauerstoff“ ist ein bislang unbekannter Mechanismus – das macht deutlich, wie riskant Eingriffe in diese Systeme wären. Hinzu kommen Lärm- und Lichtemissionen der Maschinen, chemische Veränderungen durch austretende Metalle sowie die Gefahr der Übertragung in die Nahrungsketten.

Zusammengefasst ist die Tiefsee schlechter erforscht als die Oberfläche des Mondes. Bislang sind lediglich 0,001 Prozent dokumentiert – das entspricht einem Bruchteil der Fläche Belgiens. Es gibt keine Technik, um zerstörte Lebensräume wiederherzustellen, weshalb selbst kleinräumige Eingriffe irreversible Folgen haben können. 

Gefahr durch nationale Alleingänge

Besonders besorgniserregend sind in einem solch fragilen Umfeld nationale Vorstöße: Am 24. April 2025 unterzeichnete US-Präsident Trump die Order Unleashing America’s Offshore Critical Minerals and Resources. Diese beschleunigt Tiefseebergbau in US-Gewässern und wurde maßgeblich durch Lobbying der The Metals Company (TMC) vorangetrieben. TMC präsentierte ihre Vorkommen im Pazifik als strategische Alternative zu chinesischen Lieferketten.

 

Auch andere US-Firmen wie Impossible Metals oder Lockheed Martin kündigten Pläne zum Tiefseebergbau an. Diese Alleingänge führten zu scharfer Kritik bei der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA).

Die ISA ist die einzige Institution, die über Explorations- und Abbaulizenzen in internationalen Gewässern entscheidet. Auf der Jahrestagung 2025 in Kingston verurteilten 169 Mitgliedsstaaten die einseitigen Schritte der USA. Zwar hat die ISA bereits rund 30 Explorationslizenzen, vor allem in der CCZ, vergeben, doch fehlen klare Regeln für Umweltstandards, technische Vorgaben und Gewinnverteilung für den tatsächlichen Abbau.

Internationaler Widerstand 

Trotz des US-Aktionismus wächst der internationale Widerstand: Mehr als 35 Staaten, darunter Deutschland, Frankreich, Spanien, Neuseeland und zahlreiche Pazifikinseln, unterstützen inzwischen ein Moratorium.

Auch der Finanzsektor hat reagiert – Kapitalmärkte können durch Ausschluss von Finanzierungen erheblichen Einfluss nehmen. Banken wie BNP Paribas oder Crédit Agricole haben die Finanzierung von Tiefseebergbauprojekten mittlerweile ausgeschlossen.

Zivilgesellschaftlicher Druck, wissenschaftliche Warnungen und mediale Aufmerksamkeit verstärken diesen Trend.  Aus dieser Dynamik entstand das Business Statement Supporting a Moratorium on Deep Sea Mining. Es bündelt die Stimmen von Unternehmen unterschiedlicher Branchen, die Regierungen zu einer vorsorglichen Aussetzen des Tiefseebergbaus bewegen wollen. Metzler Asset Management war als erster deutscher Asset Manager Unterzeichner des Business Statements.

In einem Interview erklärte Andy Whitmore, Mitbegründer der Deep Sea Mining Campaign, dass Finanzakteure mit Desinvestitionen und Transparenz erheblichen Druck ausüben könnten. Zugleich betonte er, dass der Tiefseebergbau so lange ein nicht vertretbares Risiko bleibe, wie weder belastbare wissenschaftliche Daten noch ein klarer regulatorischer Rahmen existieren.

Über die Autoren 

Daniel Sailer leitet das Sustainable Investment Office bei Metzler Asset Management. In dieser Position ist er mit seinem Team für die Weiterentwicklung der umfassenden ESG-Strategie verantwortlich und koordiniert deren Implementierung. Darüber hinaus berät Sailer Investoren bei der Erstellung und Umsetzung maßgeschneiderter Nachhaltigkeitskonzepte. Vor seiner Tätigkeit bei Metzler war er neun Jahre bei MSCI in Frankfurt am Main beschäftigt. Er verantwortete den Ausbau der ESG-Research-Präsenz in der DACH Region – zuletzt in leitender Position.

Julian Trageser arbeitet im Team Business Development & Analyse und unterstützt das Sustainable Investment Office. Dort ist er zuständig für das Themenfeld ESG-Analytics. Dies beinhaltet u. a. die Weiterentwicklung des ESG-Datenmanagements und des ESG-Reportings. Vor seiner Tätigkeit bei Metzler war er vier Jahre bei EGS Screen17 in Frankfurt am Main beschäftigt.

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