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ESG bleibt im Trend „Wenn wir so weitermachen, wird es mehr Extremereignisse geben“

Beim Düsseldorfer Karneval warnt ein stilisiertes Känguru vor dem Klimawandel: Nachhaltigkeit wird durch eine starke Performance von ESG-Anlagestrategien gestützt.  | © imago images / Jochen Tack

Beim Düsseldorfer Karneval warnt ein stilisiertes Känguru vor dem Klimawandel: Nachhaltigkeit wird durch eine starke Performance von ESG-Anlagestrategien gestützt. Foto: imago images / Jochen Tack

Herr Abou-Jaoudé, Sie haben Candriam als CEO bereits durch viele Krisen geführt. Fühlen Sie sich für die Corona-Pandemie und ihre Folgen gut vorbereitet?

Naïm Abou-Jaoudé: Candriam ist heute besser gegen wirtschaftliche Schocks gewappnet als 2007, als ich das Ruder übernahm. Wir haben seitdem das Geschäft bei Produkt, Kundentyp und Geografie diversifiziert. Zudem haben wir in Technologie investiert, um einen exzellenten Kundenservice zu gewährleisten. Auch der Verkauf von Candriam an New York Life Investments im Jahr 2014 kommt uns nun zugute. Mit dem Einbruch an den globalen Aktienmärkten und schwachen wirtschaftlichen Aussichten ist es vorteilhaft, Teil eines Gegenseitigkeitsunternehmens zu sein.

Wie wird sich die Corona-Krise entwickeln?

Abou-Jaoudé: Das ist schwer vorherzusagen. Hoffentlich wird sich die Lage in den nächsten Monaten ein wenig stabilisieren. Trotz der Not und der zahlreichen Opfer gibt es vielerorts erste Anzeichen für eine Verbesserung. Der Wachstumsschock wird aber beträchtlich sein. Im Euroraum und in den USA könnte die Wirtschaftsleistung leicht um 5 bis 10 Prozentpunkte sinken. Ich denke, dass die Zentralbanken in die richtige Richtung intervenieren, indem sie viel Liquidität ins System schießen, die Zinssätze senken und neue Fazilitäten bereitstellen. Zugleich leisten die Regierungen massive fiskalische Unterstützung. Die Pandemie zeigt, wie abhängig die Länder voneinander sind. Sie hat sich so tiefgreifend auf Volkswirtschaften und Gesellschaften ausgewirkt, dass wir in Zukunft auf die Zeit vor und nach der Pandemie zurückblicken werden.

Die Krise ist zwar noch voll im Gange, kann man aber trotzdem schon Lehren aus ihr ziehen?

Abou-Jaoudé: Der durch die Corona-Pandemie hervorgerufene wirtschaftliche Schock hat die Menschen auch gezwungen, über die Nachhaltigkeit ihrer Investitionen und deren Anfälligkeit für unvorhergesehene Risiken nachzudenken. Was wir jetzt erleben, ist ein weiteres deutliches Signal, dass die Art von Wachstum, die wir in den vergangenen Jahrzehnten verfolgt haben, langfristig nicht nachhaltig ist. Wenn wir so weitermachen, wird sich das Potenzial für andere Extremereignisse vergrößern. Der Schlüssel für uns als Wirtschaftsakteure wird in Zukunft darin liegen, ein nachhaltiges und integratives Wachstum neu zu beleben.

Nachhaltigkeit wird uns also als zentrales Investmentthema erhalten bleiben, auch wenn derzeit Corona alles in den Hintergrund rückt?

Abou-Jaoudé: Nachhaltigkeit ist ein Megatrend und wird durch eine starke Performance von ESG-Anlagestrategien gestützt. Ich erinnere mich, dass ich 2005 versuchte mit Kunden über ESG zu sprechen. Es war wie ein Schrei in der Wüste. Wir mussten die dahinterstehende Philosophie erst einmal erläutern. Die Finanzkrise war dann ein erster Weckruf für die Branche. ESG hat sich in den vergangenen Jahren zum am schnellsten wachsenden Segment der Vermögensverwaltung entwickelt. Auch die Unternehmen haben reagiert. 95 Prozent der Unternehmen veröffentlichen inzwischen CSR-Berichte zu ihrer sozialen Verantwortung, vor 20 Jahren waren es nur 20 Prozent.

Welche Rolle spielen die Investoren?

Abou-Jaoudé: Pensionsfonds und große institutionelle Kunden haben in den vergangenen zehn Jahren verantwortungsbewusste Investitionen gefordert. Sie üben Druck auf die Vermögensverwaltung und auf alle Interessensgruppen aus, ihre Vermögenswerte unter Berücksichtigung der Klimabedingungen zu verwalten und die CO2-Emisssionen zu begrenzen, damit alles auf Fortschritt ausgerichtet ist. Aber kommen wir schnell genug voran? Ich glaube nicht. Wir müssen mehr und mehr beschleunigen. Die Branche muss an mehreren Fronten härter arbeiten, angefangen bei den CO2-Emissionen, die immer noch weit über den angestrebten Emissionszielen liegen.

Was kann nachhaltiges Investieren stärker vorantreiben?

Abou-Jaoudé: Wichtig ist, dass Investoren beginnen, eher langfristig als kurzfristig zu denken. Wir sprechen alle über langfristige Ziele, aber börsennotierte Unternehmen müssen jedes Quartal ihre Ergebnisse präsentieren. Zudem könnten Länder steuerliche oder regulatorische Vorteile einführen, um die Verlagerung von Vermögen in die nachhaltige Realwirtschaft zu unterstützen. Und natürlich wäre eine einheitliche Nachhaltigkeits-Definition von Vorteil. Es gibt Fortschritte bei der europäischen Taxonomie. Diese wird aber nur in Europa gelten, so dass es international immer noch unterschiedliche Auslegungen geben wird. Wir brauchen eine gewisse Harmonisierung, die dazu beiträgt, dass finanzielle Mittel für nachhaltigere Projekte eingesetzt werden können.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit bei Candriam?

Abou-Jaoudé: Candriam ist die Abkürzung für Conviction AND Responsibility In Asset Management. Wir sind ein verantwortungsbewusster Investor und ein verantwortungsbewusstes Unternehmen. Das eine kann man nicht ohne das andere tun. Wir praktizieren, was wir predigen. 1996 legte das Unternehmen seinen ersten nachhaltigen Fonds auf. Heute verfügen wir über eine Palette von Produkten, die 22 verschiedene ESG-Prozesse abdecken. Wir haben seit 2013 ein eigenes ESG-Team, das 22 Personen umfasst. Wir sind aktive Aktionäre und arbeiten mit Unternehmen zusammen, in die wir investieren, um ihre strategischen Entscheidungen zu beeinflussen und sicherzustellen, dass sie sich in die richtige Richtung bewegen. Wir tun dies allein, aber auch zusammen mit anderen Unternehmen, wobei Candriam an mehr als 50 Initiativen für kollektives Engagement beteiligt ist. 2018 schlossen wir uns zum Beispiel der Investoreninitiative Climate Action 100+ an, die sicherstellen soll, dass Unternehmen mit hohen Treibhausgasemissionen die notwendigen Maßnahmen gegen den Klimawandel ergreifen.