Marktkommentar zu China Es spricht einiges gegen die erhoffte „weiche Landung“

Hans Stoter, Chief Investment Officer bei ING Investment Management, Den Haag

Hans Stoter, Chief Investment Officer bei ING Investment Management, Den Haag

Nach nur zwei Quartalen lässt das Tempo der konjunkturellen Erholung in China wieder nach. Die Kreditvergabe und die Anlageinvestitionen sind in den letzten Monaten deutlich zurückgegangen. Hinzu kommt, dass sich nach fünf Jahren beispiellosen Kreditwachstums erste Risse im Finanzsystem zeigen – das Risiko eines unerwartet scharfen Einbruchs steigt.

Das wachsende Schuldenproblem und die zunehmende Anfälligkeit des Bankensektors sind auch für Chinas Entscheidungsträger ein Grund zur Sorge. Daher sind sie bereit, ein langsameres Wachstum hinzunehmen. Eine Stabilisierung oder gar die Reduzierung der Schuldenquoten sind mit den Wachstumsraten der Vergangenheit nicht möglich. Infolgedessen haben Zuwachsraten von über 7 Prozent für die Regierung keine Priorität mehr. Die noch im Juli 2013 verlautbarte und dann widerrufene Mindestwachstumsrate von 6,5 Prozent ist bereits ein Hinweis auf weitere Abwärtskorrekturen des offiziellen Wachstumsziels in den nächsten Jahren.

Verschuldung Chinas (Gesamtverschuldung in Prozent des BIP)

Quelle: Weltbank, PBoC, Oxford Economics

 

Schwieriger Balanceakt zwischen Wachstum und Risikoabbau

Nach den Finanzierungsproblemen von Lokalregierungen und dem Beinahekollaps des Treuhandkreditgeschäfts fokussieren sich die Behörden aktuell auf eine Senkung der Risiken im Finanzsystem. Dementsprechend dürfte sich das Wachstum in den nächsten Jahren weiter verlangsamen, das Risiko eines Zusammenbruchs des Bankensystems wohl aber auch. Und genau das ist die Krux: Was muss geschehen, damit China ohne Zwischenfall wieder zu nachhaltigem Wachstum zurückfindet? Mit anderen Worten: Wie soll das Land die massiven Risiken im bestehenden System abbauen, ohne das Wachstum abzuwürgen?

Es stimmt misstrauisch, wenn ein Land nach einem 70-prozentigen Anstieg der Kredite in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) in nur fünf Jahren einer Kreditkrise gegensteuern muss. Wie die Grafik zeigt, ist Chinas Verschuldungsgrad von 144 Prozent des BIPs in 2008 auf mittlerweile 215 Prozent gestiegen. Und schaut man sich die während des ungezügelten Kreditwachstums entstandenen Ungleichgewichte genauer an, gibt es noch mehr Grund zur Sorge.

Massiver Angebotsüberhang am Wohnungsmarkt

Eines der offensichtlichsten Probleme sind die Überkapazitäten im Rohstoffsektor – vor allem bei Stahl und Aluminium – durch die aggressive Wachstumspolitik der Lokalregierungen. In der Stahlindustrie liegt die Kapazitätsauslastung bei nur 70 Prozent. Die Überkapazität entspricht der Gesamtkapazität der japanischen und koreanischen Stahlindustrie zusammen. Für ihr Überleben sind die chinesischen Stahlunternehmen auf neue Kredite angewiesen. Die Pleite eines Stahlriesen würde auch andere Unternehmen des Rohstoff- und Energiesektors, die betreffenden Lokalregierungen und das Bankensystem in ernsthafte Schwierigkeiten bringen. Ein weiteres Risiko ist der massive Angebotsüberhang am Wohnungsmarkt zahlreicher Provinzstädte.

In den Großstädten übersteigt die Nachfrage nach wie vor das Angebot. Doch die Zahl der Provinzstädte, in denen der Angebotsüberhang ein echtes Problem darstellt, wächst. Die Entwicklung in den sogenannten Tier-3-Städten, also Städten unter dem Rang einer Provinzhauptstadt, setzt Immobilienentwickler (Verlustgeschäfte), Banken (notleidende Kredite) und Lokalregierungen (deren Haupteinnahmequelle der Verkauf von Land ist) unter erheblichen Druck.

Was muss geschehen, damit China ohne Zwischenfall wieder zu nachhaltigem Wachstum zurückfindet?

Schwarzer Peter bleibt bei den Banken

Letztlich sind es die Banken, bei denen sich die Probleme stauen. Unklar ist, wie anfällig das System tatsächlich ist. Transparenz hatte für Chinas Banken bisher keine Relevanz, doch durch die wachsende Bedeutung des nicht traditionellen Finanzsektors – des Schattenbanksystems – lassen sich die Risiken kaum einschätzen.

Der Druck auf das System ist enorm – und das mag angesichts des nachlassenden Wachstums, der schlechten kommunalen Haushaltslage und der Überkapazitäten in der Industrie und im Wohnungsmarkt noch untertrieben sein. Die Zentralregierung bemüht sich um die Risikokontrolle und verschärft – vor allem im Schattenbankensektor – die Regulierung. Finanzdienstleister sehen sich daher ständig neuen regulatorischen Hürden gegenüber, was zu noch mehr Risikobereitschaft und weniger Transparenz führt.

Auf kurze Sicht mag sich das Wachstum in China zwar noch auf einem Niveau von mehr als 7 Prozent halten, doch der strukturelle Rückgang dürfte auch 2014 weitergehen. Ein Basisszenario, das von einem allmählichen Rückgang auf 5 Prozent bis 2016 ausgeht, ist nicht abwegig. Es gibt deutliche Anzeichen für eine Stagnation des Kreditwachstums und es zeigen sich zunehmend Risse in Chinas Schattenbanksystem. Insofern spricht einiges gegen die erhoffte „weiche Landung“ der Volkswirtschaft.