Transperson über Outing in der Finanzbranche „Ich bin frei und ich habe das Leben“

Emilia Rüttinger von der Meag:

Emilia Rüttinger von der Meag: „In einigen Bereichen der Finanzbranche ist die Chance, die sich aus Diversität und Inklusion ergibt, noch bei weitem nicht ausgeschöpft.“ Foto: Meag / Privat

private banking magazin: Im Februar 2023 haben Sie unserem Verlag gemailt und gebeten, Fotos und Ihren Deadname aus alten Artikeln zu entfernen. Ein Deadname ist nicht jedem – inklusive mir – ein Begriff. Können Sie Ihre Geschichte dazu erzählen?

Emilia Rüttinger: Deadname bezeichnet den Namen, den eine Transperson vor Ihrer Vornamens- und Personenstandsänderung hatte. Als Transperson habe ich diesen Namen stets ungern gehört und gelesen, da er mich im falschen Geschlecht benennt. Insofern bin ich froh, wenn ich ihn nicht mehr sehen muss. Mit den ebenfalls ansgesprochenen Bildern von vor meiner Transition ist auch ein gewisses Unwohlsein verbunden, denn sie erinnern mich an eine Zeit meiner Behinderung. Damals hat mein Körper nicht zu dem Geschlecht gepasst, in dem ich im Kopf geboren wurde. Ich zeige heute jedoch vereinzelt Vorher-Nachher-Bilder in Foren für betroffene Personen. Damit mache ich ihnen Mut und zeige, dass eine Transition auch im höheren Alter gelingt und dass es nie zu spät ist, sich zu befreien und die authentische Identität zu leben. Ich selbst habe bis kurz vor Ende meiner Transition nicht daran geglaubt. Daher ist es extrem wichtig, anderen Mut zu machen. Und wenn ich das mit alten Bildern schaffen kann, zeige ich sie in einem solchen Kontext auch gerne.

Sie haben ihre Transition hinter sich, arbeiten bei der Meag inzwischen als Spezialistin für Diversität, Equity und Inklusion. Was genau bedeutet das?

Rüttinger: Ich beschäftige mich mit den unterschiedlichen Dimensionen von Diversität der Menschen in unserer Firma. Zu diesen Dimensionen zählen Geschlecht, Alter, ethnische Herkunft, Kultur oder Sprache aber auch die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen und denen der LGBTQIA+-Community. Es geht darum, den Menschen gleiche Zugangsmöglichkeiten zu Ressourcen und gleiche Chancen in der Berufswelt zu ermöglichen. Es sind sehr unterschiedliche Maßnahmen für die entsprechenden Gruppen notwendig. Letztlich müssen diese Maßnahmen auch sehr individuell gestaltet werden, da jeder Mensch verschiedene Diversitätsmerkmale aufweist. Und das versteht man im Englischen unter Equity.

„Es geht darum, den Menschen gleiche Zugangsmöglichkeiten zu Ressourcen und gleiche Chancen in der Berufswelt zu ermöglichen“

Im Rahmen von Inklusion beschäftige ich mich damit, Rahmenbedingungen für ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem jeder sich frei in seiner authentischen Identität zeigen und seine Stärken entfalten kann. Gleichzeitig soll sich jeder zugehörig und gewollt empfinden. Das alles bedeutet einen Zugewinn für die gesamte Organisation: Diverse Teams sind nachweislich deutlich erfolgreicher, da sie verschiedene Wahrnehmungs- und Denkweisen vereinen und bessere Entscheidungen fällen. Inklusion und das Zugehörigkeitsgefühl sind ein ebenso starker Motor für Entfaltung, von dem alle profitieren. Menschen, die ihre Identität nicht verstecken müssen, sind gesünder, leistungsfähiger und kreativer. Das alles entwickele ich zusammen mit meinen Kolleg*innen aus dem Bereich Human Ressources. Darüber hinaus beschäftige ich mit den Themen Wellbeing und Health.

 

Heruntergebrochen auf ein Mantra, eine kleine Mission: Was möchten Sie erreichen?

Rüttinger: Ich möchte etwas von der Hilfe an die vielen Menschen zurückgeben, die mir in meiner schwierigen Zeit der Transition geholfen haben, mich ermutigt und unterstützt haben. Auf meinem Weg ist mir bewusst geworden, wie viele Menschen es doch gibt, die die Not anderer erkennen und selbstlos helfen. Dies hat mein Weltbild nachhaltig verändert. Mein Ziel habe ich erreicht, wenn ich die Bedingungen für gleiche Chancen und Inklusion positiv verändert und ein Umfeld mit gestaltet habe, in dem sich Menschen in ihrer wahren Identität zeigen können und wohlfühlen.

Welche Bedeutung hat Kommunikation und Vertrauen in Ihrer Rolle?

Rüttinger: In der Tat ist Vertrauen eine zentrale Voraussetzung für positive Veränderungsprozesse. Diversität, Equity und Inklusion kann man Organisationen nicht verordnen. All das funktioniert nur, wenn Menschen den Mehrwert von Diversität und Inklusion für alle selbst erkennen. Dabei gilt es, sich unbewussten Vorurteilen bewusst zu werden, Ängste zu nehmen, Dialog zu fördern und viel zu erklären. Das setzt Vertrauen voraus.

„Aus meiner persönlichen Erfahrung als Trans*-Person in einer Firma kann ich sagen, dass Kommunikation und Vertrauen eng miteinander verwoben sind.“

Wie ist Ihre persönliche Erfahrung dazu?

Rüttinger: Sehr positiv. Denn ich nehme wahr, dass sich viele Menschen für eine Veränderung begeistern und daran mitwirken möchten. Das zeigt sich etwa an tollen Initiativen aus den selbstinitiativ gestalteten Employee Resource Groups bei uns. Dazu zählen das Frauennetzwerk, die Netzwerke der LGBTQIA+-Community oder für Menschen mit Behinderungen. Diese Netzwerke tragen einen maßgeblichen Einfluss zur positiven Veränderung bei und werden durch Human Ressources unterstützt. Wichtig ist mir dabei ein holistischer Ansatz, denn es gilt Lösungen zu schaffen, die allen Mitarbeiter*innen helfen.

Emilia Rüttinger vor der Transition.

Das klingt abstrakt. Können Sie ein Beispiel nennen?

Rüttinger: Beispielsweise übernehmen immer mehr Männer Rollen in der Familie zur Kinderbetreuung. Das zeigt deutlich, dass man eine Lösung nicht nur auf ein Diversitätsmerkmal wie etwa Gender abstellen darf. Hier bedarf es intensiver Kommunikation, um die Bedürfnisse aller zu erkennen und das Vertrauen für Veränderung zu schaffen. Wichtig ist aber auch die Kommunikation zur Außenwelt, wie etwa zu den Netzwerken anderer Firmen in der Industrie. Schließlich lernen wir alle voneinander und können uns so perfekt unterstützen. Aus meiner persönlichen Erfahrung als Trans*-Person in einer Firma kann ich sagen, dass Kommunikation und Vertrauen eng miteinander verwoben sind.

So habe ich festgestellt, dass Distanz oder Zurückhaltung in den allermeisten Fällen gar nichts mit Ablehnung zu tun haben. Sondern mit Ängsten, die Menschen haben. Sie wollen nichts Falsches sagen oder etwas tun, was mich verletzen könnte. Hier hat es mir sehr geholfen, offen mit meiner Geschichte umzugehen und zu erklären, dass man nichts falsch machen kann. Ich kann Fragen offen beantworten. Letztlich habe ich ja auch nichts zu verstecken, denn ich bin so geboren. Der offene Umgang mit meiner Transidentität hat viele Türen geöffnet und tolle Beziehungen entstehen lassen.