private banking magazin: Herr Boesen, Sie leiten bei UBS in Deutschland die Vertriebseinheit für die Private Markets. Was hat Sie dazu bewogen, sich auf diesen Bereich zu spezialisieren?
Sebastian Boesen: Mein Weg in diesen Bereich begann in meiner früheren Position, wo wir im Sales Management die Vertriebsstrategie verantwortet haben. Insbesondere im Bereich der alternativen Anlagen haben wir Private Markets relativ früh als erheblichen potenziellen Wachstumstreiber identifiziert. Basierend auf meinem Faible für diesen Bereich, vor allem Private Equity, und dem erkannten Wachstumspotenzial für Private Market Management, haben wir Anfang 2020 beschlossen, eine direkte Position in Deutschland aufzubauen. Unser Ziel war es, gemeinsam mit den Kunden Portfolios zu strukturieren, ähnlich wie es institutionelle Investoren tun.
Wie würden Sie Ihre aktuelle Rolle beschreiben?
Boesen: Meine Position lässt sich als die eines Private Market Portfolio Advisors beschreiben. Meine Aufgabe ist es, mit den Kunden gemeinsam diversifizierte Portfolios zu strukturieren und zu bauen. Es geht darum, einen Investitionsstil aus der institutionellen Welt dem Privatanleger zugänglich zu machen. Wir bieten unseren Kunden zwar bereits seit 2001 Zugang zu Private Markets Fonds, im Jahr 2016 haben wir unsere Strategie angepasst, indem wir Kollegen aus der institutionellen Welt rekrutiert hatten. Diese haben dann diesen Bereich vor allem kundenseitig weiterentwickelt. Meine Rolle ist es nun, diesen institutionellen Portfolio-Ansatz den Privatanlegern im Wealth Management zugänglich zu machen.
Was sind die Herausforderungen bei der Zusammenstellung eines gut diversifizierten Private Market Portfolios?
Boesen: Eine der größten Herausforderungen ist es, den Kunden zu vermitteln, dass ein einzelner guter Deal noch kein diversifiziertes Portfolio ergibt. Viele begehen hier handwerkliche Fehler. In der Praxis braucht es eine breite Streuung über Regionen, Sektoren, Investitionsstile, Manager und Vintage Jahre. Wir achten zum Beispiel darauf, sowohl wachstumsorientierte als auch substanzorientierte Investments einzubeziehen. Im Private-Equity-Bereich kommt im Vergleich zum Public Equity noch der Unternehmenszyklus hinzu, der von Start-ups bis zu einem stabilen Mittelständler in der vierten Generation reichen kann. Wir sehen im Buyout-Bereich das attraktivste Rendite-Risiko-Profil, weil als Anleger im Venture Capital oftmals das eingegangene Risiko nicht adäquat bezahlt wird. Wichtig ist auch, dass man konsistent über einen Wirtschaftszyklus hinweg kauft und verkauft und somit eine stabile Vintage-Diversifikation erhält.
Unser Ziel ist es, diese verschiedenen Bausteine so zusammenzufügen, dass ein schlüsselfertiges Konzept entsteht, das im Einklang mit der Asset Allocation des Kunden steht. Letztendlich wollen wir die strategische Positionierung des Kunden optimieren.
Welche Allokation in Private Markets empfehlen Sie Ihren Kunden?
Boesen: Das hängt stark vom individuellen Kunden ab. Wir bewegen uns in einem breiten Spektrum. Es gibt Kunden, die mit 5 Prozent ihrer Allokation in Private Markets einsteigen. Andererseits haben wir auch Anleger, die einen Endowment-Style-Ansatz verfolgen und bis zu 40 Prozent ihres Portfolios in Private Markets allokieren.
Die Empfehlung variiert je nach Vermögensgröße. Ein Kunde im Ultra-High-Net-Worth-Segment mit 100 Millionen Euro Vermögen kann leichter 20 bis 30 Prozent illiquide anlegen als jemand mit einer Million Euro Gesamtvermögen. Generell sehen wir, dass die Allokation mit der Vermögensgröße tendenziell steigt.
Wichtig ist aber, dass die Allokation spürbar ist. Jemand, der nur einen einzelnen Fonds zeichnet und damit vielleicht 1 bis 2 Prozent seines Vermögens investiert, wird kaum einen Effekt auf sein Gesamtportfolio spüren. Unsere Empfehlung lautet daher, wenn man in Private Markets investiert, sollte man mindestens 10 Prozent allokieren, damit es einen merklichen Einfluss hat.
Beobachten Sie Unterschiede zwischen unternehmerisch geprägten Kunden und klassischen Privatanlegern in Bezug auf Private Equity?
Boesen: Unternehmerisch geprägte Kunden haben tendenziell ein größeres Faible für Private Equity, weil sie ähnliche Entwicklungen in ihrem eigenen Umfeld erlebt haben. Manche hatten auch schon direkten Kontakt mit Private-Equity-Investoren, wobei die Erfahrungen hier gemischt sind - einige sehr positiv, andere weniger, was ein Indiz für die Wichtigkeit der Selektion der richtigen Manager ist. Insgesamt sind unternehmerisch geprägte Kunden aber oft offener für diese Anlageklasse, da sie das Konzept aus eigener Erfahrung kennen.
Wie gehen Sie bei der Zusammenstellung eines Multi-Asset-Ansatzes im Private Market vor?
Boesen: Unser Ansatz umfasst vier Hauptanlageklassen: Private Equity, Immobilien, Infrastruktur und Private Credit. Diese teilen wir in zwei Bereiche auf. Zum einen haben wir den Bereich der privaten Unternehmen, wo die Rendite hauptsächlich über Wertsteigerungen erzielt wird. Zum anderen gibt es den Bereich der einkommensgenerierenden Anlagen.
Private Credit, Immobilien und Infrastruktur fallen in die zweite Kategorie. Hier werden Renditen über Zinsen, Mieten oder ähnliche stabile Einkommensströme generiert. Diese Anlageklassen sehen wir als Substitut für den Anleihenanteil im Portfolio.
Private Equity hingegen dient eher als Substitut für den liquiden Aktienanteil. Die Zielallokation ist dabei immer identisch, aber innerhalb der Anlageklassen passen wir die Gewichtung je nach Risikoprofil des Kunden an. Bei einem defensiveren Risikoprofil würden wir zum Beispiel Private Kredit übergewichten, da die Fonds tendenziell fungibler und liquider sind als Private Equity.
Für einen reinen Aktienanleger würden wir entsprechend stärker auf Private Equity setzen, um das Aktienportfolio um nicht börsennotierte Unternehmen zu erweitern und so eine breitere Diversifikation zu erreichen.
Wie stellen Sie einen solchen Multi-Asset-Basket konkret zusammen?
Boesen: Wir arbeiten mit einer offenen Plattform, auf der aktuell pro Jahr gut 35 verschiedene Investitionslösungen über Single Manager, Multi Manager, Secondaries und auch semi-liquide Evergreens verfügbar sind. Der Prozess beginnt in der Regel mit zwei oder drei Gesprächen mit dem Kunden, bevor wir zu einem festgelegten Plan kommen. Ich vergleiche diesen Prozess gerne mit einem Hausbau. Man braucht nicht nur Dachziegel und Fenster, sondern viele verschiedene Elemente. Zunächst sprechen wir quasi als Architekten mit dem Kunden, um zu definieren, wie groß das "Haus" oder Portfolio werden soll und wo wir es "bauen".
Dabei berücksichtigen wir auch die Investitionsstrukturen des Kunden. Gerade im oberen Vermögenssegment investieren viele Anleger über Familiengesellschaften, GmbHs oder andere juristische Strukturen, die oft bewusst als Instrument zur Weitergabe an die nächste Generation genutzt werden.
Wir diskutieren auch verschiedene Investitionsmöglichkeiten mit dem Kunden. Der klassische Weg sind geschlossene Fonds, wie sie Institutionelle seit Jahrzehnten nutzen. Der Markt entwickelt sich aber auch in Richtung semi-liquider Strukturen. Hier gilt es, die beste Lösung für die Liquiditätsstruktur des Kunden zu finden.
Schritt für Schritt entwickeln wir so das richtige Konstrukt, das wir dann mit konkreten Produktlösungen befüllen. Dabei achten wir auf Diversifikation über Strategien, Regionen, Sektoren und Manager, um ein Portfolio zu schaffen, das vom Diversifikationsgrad innerhalb der Anlageklasse Private Markets mit einem liquiden Aktien-Anleihen-Portfolio vergleichbar sein sollte.
Wie bewerten Sie die Eltif-2.0-Regulierung für Private-Market-Allokationen?
Boesen: Die Eltif-2.0-Regulierung macht die Integration von Private Markets in Kundenportfolios definitiv einfacher. Das gilt besonders für den Bereich der diskretionären Vermögensverwaltung. Die Regulierung hilft, Private Market Strategien skalierbar und in der Breite über verschiedene Plattformen in die Kundenportfolios zu bringen. Ein großer Vorteil ist, dass Eltif 2.0 in das Mifid-II-Setup integriert wurde. Das vereinfacht den Beratungsprozess erheblich, was angesichts der Komplexität vieler Private Market Produkte sehr hilfreich ist.
Allerdings gibt es auch gewisse Nachteile. Die erwarteten Renditen können aufgrund von Restriktionen, beispielsweise in Bezug auf Leverage, niedriger ausfallen als bei klassischen Private Market Investments.
Für uns bei UBS ist Eltif 2.0 sicherlich ein gutes Rahmengerüst, um eine noch breitere Kundenbasis zu den Zugang zu Private Markets zu ermöglichen, aber kein "Must have". Unser Kundensegment ist in der Regel in der Lage, die üblichen Minimuminvestments von 200.000 Euro für semi-professionelle Investoren zu verkraften. Viele unserer Kunden haben auch unternehmerische Erfahrung und sind sowohl mit komplexeren als auch illiquiden Finanzprodukten vertraut. Insgesamt sehe ich Eltif 2.0 aber als positiven Schritt, um Private Markets einem breiteren Anlegerkreis zugänglich zu machen.
