Private Banker entdecken Gold neu. Kein Wunder: Die Performance von mehr als 55 Prozent seit Anfang 2024 übertrifft selbst erfolgreiche Aktienstrategien. Dahinter verbirgt sich ein struktureller Wandel der globalen Goldnachfrage, der die Spielregeln für Investoren ändert. Die Zinssenkungszyklen der großen Zentralbanken senken die Opportunitätskosten für Gold. Und geopolitische Spannungen verstärken die Flucht in sichere Anlagen. Das gilt auch für institutionelle Investoren, die ihre Allokationsstrategien überdenken müssen. Für Vermögensverwalter geht es nicht mehr lediglich um taktische Beimischungen. Gold konkurriert mittlerweile mit aktiven Aktien- und Anleihestrategien um substanzielle Portfolioanteile.
Starke institutionelle Nachfrage
Notenbanken weltweit stocken ihre Goldreserven kontinuierlich um über 1.000 Tonnen jährlich auf. Diese institutionelle Nachfrage bleibt auch bei höheren Goldpreisen bestehen. Schwellenländer wie die BRICS-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika bauen ihre Goldreserven aus, um ihre Abhängigkeit vom US-Dollar zu reduzieren. Dies schafft eine dauerhafte Nachfrage nach nach dem knappen Metall.
Chinesische Haushalte und Institutionen haben ihre Goldnachfrage ebenso erhöht. Physisches Gold kommt etwa kontinuierlich aus Schweizer Raffinerien in die Volksrepublik. Chinesische Investoren reagieren auf Aktien- und Immobilienverluste mit systematischen Goldallokationen.
Bundesbank holt Gold zurück
Die Deutsche Bundesbank hält unterdessen an ihrer Goldstrategie fest. Mit 3.350 Tonnen verfügt Deutschland über die zweitgrößten Goldreserven weltweit. Aktuell lagern 1.710 Tonnen der deutschen Reserven in Frankfurt – über die Hälfte des gesamten Bestands. Zum Vergleich: 2011 waren es nur 1.036 Tonnen. Die Notenbank konzentriert ihre Bestände heute auf drei Standorte: Frankfurt, New York und London. Paris spielt keine Rolle mehr – dort lagerte bis 2016 noch Gold
im dreistelligen Tonnenbereich. Diese Umverteilung signalisiert den Willen zu mehr strategischer Kontrolle über die eigenen Reserven.
Die Privatvermögen hierzulande zeigen ebenfalls einen eindeutigen Trend. Rund 9.000 Tonnen Gold befinden sich in den deutschen Haushalten. Das ist fast die dreifache Menge der Bundesbank-Reserven. Auch jüngere Generationen investieren überproportional viel in Gold.
Gold als Rohstoffzyklus-Indikator
Die Goldpreis-Entwicklung könnte der Auftakt einer größeren Bewegung sein. „Gold war in Zeiten globaler Unsicherheit nie ein isolierter Profiteur“, erklärt Cornel Bruhin, Portfoliomanager bei Mainfirst. „Vielmehr bildete sein Kurs stets die Spitze einer breiteren Aufschwungsbewegung bei Edelmetallen und Rohstoffen insgesamt.“ Das Verhältnis der Rohstoff- zur Aktienmarktperformance befinde sich auf einem historischen Tief.
In der Vergangenheit sei dies ein Frühindikator für eine Kapitalrotation gewesen. Silber zeigt sich dabei laut Bruhin als „unterschätzter Zykliker“. Das aktuelle Gold-Silber-Verhältnis von über 100 deutet auf Unterbewertung von Silber hin. Historisch lag es in Hochphasen zwischen 15 und 45. „Die industrielle Nachfrage nach Silber steigt derzeit rasant durch Anwendungen in Fotovoltaik, Halbleitern und Batteriespeichern, während die Lagerbestände an Comex und LME auf kritische Tiefststände sinken“, so der Portfoliomanager von Mainfirst. Der größte Silber-ETF verzeichnet
trotz steigender Preise Kapitalabflüsse. Das ist ein Zeichen für unterinvestierte institutionelle Anleger.
Unterschiede bei Gold-Strategien
Eine Umfrage unter führenden Privatbanken zeigt unterschiedliche Ansätze. Diese reichen von kompletter Abstinenz bis zu strategischen Schwergewichtungen. Die Sichtweise auf physisches Gold variiert stark zwischen den Geldinstituten. Während die Bethmann Bank physisches Gold komplett ausschließt, haben andere umfassende Angebote entwickelt. Die BW-Bank betreibt seit 50 Jahren ein Edelmetall- und Münzkabinett, das Bankhaus Seeliger bietet alle gängigen Barren und Münzgrößen.
M.M.Warburg arbeitet mit ausgewählten Partnern zusammen, die DZ Privatbank ermöglicht Edelmetalldepots in der Schweiz mit spezialisierten Vermögensverwaltungen. Oddo BHF bietet den Erwerb von physischem Gold in Form von Barren an, während BNP Paribas
Wealth Management derzeit nur börsengehandelte Produkte im Portfolio hat. Entsprechend heterogen zeigt sich auch die Nachfrageentwicklung bei den Kunden.
Während die Bethmann Bank lediglich Kundeninteresse an den Marktentwicklungen feststellt, berichtet Klaus Sojer, Leiter Private Banking Deutschland der M.M. Warburg, von zunehmender Nachfrage sowohl bei physischen Produkten als auch bei solchen mit Goldbezug. „Die stets hohe Nachfrage besteht weiterhin, wobei gestiegene Preise die Kauflaune etwas abmildern. Derzeit nutzen viele Kunden die Höchstpreise, um Teile ihrer Bestände mit Kursgewinnen zu verkaufen“, fasst Christoph Schäfer, Leiter Vermögensverwaltung der BW-Bank zusammen. Oddo BHF unterscheidet zwischen unterschiedliche Kundengruppen: Bei Bestandskunden mit Goldanteil zeige sich stabile Nachfrage, während das Interesse bei Neukunden deutlich wachse, insbesondere bei physischem Gold.
Die BNP Paribas verzeichnet seit August 2024 zumindest eine leichte Belebung der Nachfrage. Die strategische Einordnung variiert. Die Bethmann Bank hält Gold nicht für strategisch relevant, kann es aber als taktische Beimischung hinzukaufen. Die Warburg Bank setzt nur taktisch auf Goldminen- Aktien. Andere Institute integrieren Gold hingegen fest: Die BW-Bank macht es wegen der positiven Diversifikationseigenschaften und des Inflationsschutzes „in der Regel zu einem festen Bestandteil der Allokation“. Das Bankhaus Seeliger sieht Gold „als wesentlichen Bestandteil der Alternative-Investment-Quote“, sagt Torben Friedrichs-Jäger, Co-Leiter des Vermögensmanagements.
Chancen für Vermögensverwalter
Die Deka Bank betrachtet Gold als elementaren Bestandteil mit taktischen Anpassungen. BNP Paribas nutzt Gold als Element zur Diversifikation aktiv mit Quoten bis 7,5 Prozent. Oddo BHF empfiehlt strategische Allokationen von rund 10 Prozent, wobei vermögende Kunden auch höhere Anteile bevorzugen. Für Private-Banking-Kunden entwickelte sich Gold von einer taktischen Beimischung zu einem strategisch relevanten Asset.
Die Rally wirft komplexe Beratungsfragen auf: Gewinnrealisierung oder strategisches Halten? Welche optimalen Allokationsquoten rechtfertigt die veränderte Korrelationsstruktur? Die Nachfrage andererseits unterscheidet sich deutlich: Jüngere Kunden zeigen verstärktes Interesse an physischen Goldanlagen, während sehr vermögende Kunden komplexere Absicherungsstrategien suchen. Die veränderte Nachfragestruktur erfordert neue Produktansätze: Strategien mit mehreren Edelmetallen, Gold-Silber-Verhältnis-Geschäfte, strukturierte Rohstoffkörbe. Innovative Anbieter entwickeln bereits breitere Rohstoffstrategien und systematische Edelmetall-Allokationen.
Einstieg in den Rohstoffzyklus
Die Goldpreis-Rally markiert möglicherweise mehr als einen isolierten Edelmetall- Boom – sie könnte der Auftakt eines größeren Rohstoffzyklus sein. Deutsche Vermögensverwalter reagieren unterschiedlich, aber ein Trend ist erkennbar: Gold entwickelt sich von einer opportunistischen Beimischung zu einem strategischen Core-Holding. Die Institute, die frühzeitig breitere Rohstoffstrategien entwickeln und die zyklischen Marktdynamiken verstehen, werden Wettbewerbsvorteile erzielen. Für Private Banker bedeutet dies: Rohstoff-Expertise wird zur Unterscheidungsquelle im Vermögensverwaltungsmarkt.