Im Mai 2026 übergibt Jerome Powell den Vorsitz der mächtigsten Notenbank der Welt und hinterlässt ein Amt, das politisch unter Druck steht wie selten zuvor.
Kevin Warsh, der designierte Nachfolger, steht historisch für eine straffe Geldpolitik und hat Powell vorgeworfen, die expansive Geldpolitik nach der Pandemie zu lange aufrechterhalten zu haben. Dass er nun von Teilen des Marktes als zinssenkungsfreundlich gilt, ist daher keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Einschätzung, die Analysten aus seinen jüngsten Aussagen ableiten. Ob er dem Druck des Weißen Hauses tatsächlich stärker nachgibt als Powell, bleibt abzuwarten. Einige Marktteilnehmer rechnen bereits mit drei statt der ursprünglich erwarteten zwei Zinssenkungen im laufenden Jahr.
Für Edelmetallinvestoren ist das dennoch ein relevantes Szenario. Niedrigere Zinsen gelten in der Marktlogik als klassischer Treiber für Gold: Die Opportunitätskosten des Haltens von Metallen ohne laufenden Ertrag sinken, und eine schwächere Geldpolitik setzt tendenziell den US-Dollar unter Druck, was die globale Goldnachfrage zusätzlich befeuert. Je stärker Geld- und Fiskalpolitik langfristig miteinander verflochten werden, desto attraktiver werden Werte, die außerhalb dieses Systems stehen.
Silber käme ein solches Szenario auf zwei Wegen zugute: als monetäres Schutzinstrument und als Industriemetall, das in Wachstumsbranchen wie Photovoltaik, KI-Hardware und Elektromobilität gefragt ist.
Der Druck, der alles veränderte
Jerome Powell sah sich in seinen letzten Amtsmonaten einem politischen Druck ausgesetzt, der in der Geschichte der Fed kaum Vorbilder hat. Die Trump-Regierung initiierte strafrechtliche Untersuchungen gegen ihn, offiziell wegen Renovierungskosten am Fed-Gebäude, von vielen Marktteilnehmern jedoch als politisch motiviertes Druckmittel gewertet.
Die Märkte reagierten mit Unbehagen. Edelmetalle legten in diesem Zeitraum spürbar zu, wobei die wachsende Sorge um die institutionelle Unabhängigkeit der Fed als einer von mehreren Treibern gilt. Wenn das Vertrauen in zentrale Institutionen bröckelt, tendieren Anleger zu Werten, die keiner Regierung und keiner Zentralbank verpflichtet sind.
Norbert Hagen, Vorstandsvorsitzender der ICM Investmentbank, beschreibt die geldpolitische Konsequenz: „Die Fed bewegt sich klar in Richtung längerer Zinspause, und dieser Kurs wird sich auch unter dem neuen Fed-Chair Kevin Warsh kaum ändern. Gleichzeitig steigt allerdings das Risiko, dass Inflationserwartungen entankern.“
Nicht alles gerät ins Wanken
Wer jetzt das Ende der Fed-Unabhängigkeit ausruft, greift möglicherweise zu weit. Reinhard Pfingsten, Chief Investment Officer der Deutschen Apotheker- und Ärztebank, rät zur Nüchternheit: „Letztendlich besteht der Offenmarktausschuss aus zwölf Mitgliedern, sieben Fed-Gouverneure inklusive dem Chair sowie einem Vertreter der Bank of NY und vier weiteren regionalen Fed-Vertretern. Aus dem bisherigen Abstimmungsverhalten kann keine politische Aushöhlung der Fed abgeleitet werden.“
Hinzu kommt ein juristischer Faktor, der kaum Beachtung findet. Powell hat angekündigt, seinen Sitz im Offenmarktausschuss zu behalten, ein Recht, das ihm bis 2028 zusteht. Er bleibt damit am Tisch, auch wenn er nicht mehr am Kopf sitzt. Kurzfristig, so Pfingsten, sei der politische Einfluss daher begrenzt.
Eine tiefgreifendere Verschiebung sieht er jedoch kommen: „Langfristig werden die USA Geldpolitik und Fiskalpolitik tatsächlich enger aneinander koppeln, um die enorme Schuldenlast besser bearbeiten zu können.“ Für Gold wäre das ein dauerhafter Rückenwind.
Zentralbanken als stiller Motor
Genau diese Perspektive eines Dollars, der langfristig an Gewicht verliert, erklärt, warum Zentralbanken weltweit seit Jahren still und kontinuierlich Gold kaufen. Gold ist einer der wenigen Reservewerte, der nicht gleichzeitig die Verbindlichkeit eines anderen Staates ist. Das macht ihn in einer fragmentierteren Welt zu einem besonders gefragten Anker.
Pfingsten zieht daraus eine klare Schlussfolgerung: „Dies führt zu einer strukturellen Nachfrage nach Edelmetallen, insbesondere Gold, bei mehr oder weniger gleichbleibendem Angebot, mit der Konsequenz steigender Preise.“ Solange der Dollar seinen Status als unangefochtene Leitwährung nicht zurückgewinnt, dürfte sich daran wenig ändern.
Silber: Der unruhige Bruder
Wer Gold versteht, versteht Silber noch nicht ganz. Das kleinere Edelmetall reagiert auf Zinssenkungserwartungen ähnlich wie Gold, bringt aber eine Nachfragekomponente mit, die Gold fehlt: die Industrie.
Eine lockere Geldpolitik käme Silber damit auf zwei Wegen zugute, über den monetären Kanal und über eine steigende industrielle Nachfrage aus Bereichen wie Photovoltaik, KI-Hardware und Elektromobilität. Zusätzlich könnte die geopolitische Entspannung im Iran-Konflikt indirekt wirken: Sinkende Ölpreise dämpfen den Inflationsdruck und verschaffen der neuen Fed-Führung mehr Spielraum für Zinssenkungen. Silber ist deshalb das, was Kenner als „gehebeltes Gold“ bezeichnen. Die Ausschläge sind größer, die Chancen höher, aber auch die Risiken.
Vorsicht vor der Euphorie
Bei allem strukturellen Rückenwind warnt Hagen vor zu großem Optimismus auf kurze Sicht. Nachdem einige Zentralbanken die jüngste Kursexplosion zur Gewinnmitnahme genutzt hätten, rechne er vorerst nicht mit neuen Höchstständen. Zudem gehe mit starken Goldanstiegen häufig erhöhte Volatilität einher. Kursschwankungen sind in Haussephasen die Regel, nicht die Ausnahme.
Mittelfristig aber bleibt das Bild klar. Schwindende Dollar-Dominanz, politischer Druck auf die Notenbank und strukturell wachsende Zentralbanknachfrage sind keine Momentaufnahmen. Wer Edelmetalle im Portfolio hält, hält einen der wenigen Wertanker, der keinem Schuldner verpflichtet ist, keiner Regierung gehört und keiner Notenbank gehorcht. Genau das macht sie in diesem Umfeld so wertvoll.
