Morgens um 8 Uhr: Sonnenschein, 29 Grad – und das im November. Der Fahrer hält vor dem Hotel, öffnet die Tür für uns fünf Journalisten aus Europa. Ziel: Dubai International Financial Centre (DIFC), 500 Meter Luftlinie entfernt, auf der anderen Straßenseite. Zu Fuß? Undenkbar – obwohl uns seit Ankunft wiederholt versichert wird, dass wir zur perfekten Jahreszeit angekommen sind. Dennoch: Dubai ist nicht für Fußgänger geeignet – sondern für Klimaanlagen, Unterführungen, gekühlte Lobbys.
Keine zehn Minuten später: Gate Avenue, DIFC. Dort versammelt sich der gesamte Finanzdistrikt. 8.900 Unternehmen, 50.000 Mitarbeiter – alles innerhalb von 15 Minuten erreichbar, und es kommen immer noch mehr dazu. „Das stärkste Wachstum sehen wir im Private Wealth“, sagt Alya Al Zarouni, COO der DIFC Authority. Die enorme Zahl hochvermögender Kunden (HNWIs) zieht viele Privatbanken an.
„Als wir 2007 unser Repräsentanzbüro eröffneten, dachten wir, wir bleiben nur ein paar Jahre“, erinnert sich Amer Malik, Managing Director von Lombard Odier in Dubai, bei unserem Pressegespräch im 13. Stock des Gate Buildings. 2023 holte die Schweizer Privatbank dann eine DIFC-Lizenz für die Beratung von Private-Banking-Kunden. Inzwischen sagt Malik: „Wir gehen nirgendwo hin.“ Was macht Dubai für die Zielgruppe so attraktiv? Und wie nachhaltig ist der Boom?
Dubai will bis 2033 zu den Top-4-Finanzzentren der Welt gehören. Mit der D33‑Agenda verfolgt Dubai eine breit angelegte Wirtschaftsvision, in der der Ausbau des Finanzsektors eine zentrale Rolle spielt. Das DIFC ist bereits das führende Finanzzentrum für die Region Nahost, Afrika und Südasien (MEASA), die 77 Länder umfasst. In gut sieben Jahren will es sich mit New York, London und Singapur messen.
Die Mitte der Landkarte
„Das größte Wachstum haben wir nach Covid erlebt“, sagt Justin Baldacchino von der DFSA, der Aufsicht des DIFC. Doch der gute Umgang mit der Pandemie allein würde als Grund zu kurz greifen. Auch die politischen Rahmenbedingungen und die Infrastruktur hätten ihren Teil beigetragen. Einen zentralen Erfolgsfaktor sehen die Verantwortlichen in Lage und Anbindung des Standorts.
Dazu gehört die Freezone: Im DIFC gilt Common Law wie im Vereinigten Königreich und Hongkong. Zudem gibt es direkte Flugverbindungen zu zahlreichen Zielen rund um den Globus und das meistgenannte Argument aus allen Gesprächen vor Ort: die Zeitzone.
„Dubai liegt in der Mitte der Weltkarte“, so Al Zarouni. Zwischen London und New York im Westen, Hongkong und Singapur im Osten erlaube es die Zeitzone, alle Märkte innerhalb eines Arbeitstages zu erreichen. Ursprünglich konzentrierte sich der für die MEASA-Region konzipierte Finanzplatz neben dem Heimatmarkt und Südasien vor allem auf Indien. Inzwischen kommt Europa als Wachstumsmarkt hinzu. Das DIFC erwartet, sich in den kommenden Jahren zu verdoppeln. Dafür befinden sich unweit der Gate Avenue nicht nur neue Gebäude, sondern ein ganzes Viertel mit Wohnraum, Hotels, Einzelhandel und Büros im Bau.
Vermögen kennt keine Grenzen
Lombard Odier und andere Privatbanken wollen mit Büros in Dubai am Wachstum teilhaben. „Vermögensinhaber sind nicht mehr auf eine einzige Jurisdiktion beschränkt. Aus steuerlichen Gründen gehen sie beispielsweise nach Monaco, Italien, in die Schweiz oder die Vereinigten Arabischen Emirate“, so Malik.
Die Schweiz und Singapur bleiben die größten Buchungsplätze für Assets, die vom DIFC aus verwaltet werden. Dubai ist der geografische und operative Hub dazwischen – anders als in Singapur müssen die Assets dort nicht vor Ort verwahrt werden.
Die „neue Normalität für UHNWIs“ bestehe aus einem länderübergreifenden Setup: Wohnsitz in Dubai (0 Prozent Einkommenssteuer), Vermögen in der Schweiz (Stabilität) und globale Investments. Gegen ein häufiges Problem sind jedoch auch Expats nicht gefeit, wie Lombard
Odier in einer Umfrage ermittelt hat. Das Ergebnis: Expats sind unterberaten, wenn es um das Thema Nachfolge geht.
Ein Grund: Das Emirat bietet Strukturen, die es in Europa so nicht gibt. Foundations nach Common Law, Trusts, Holding-Strukturen – alles unter einem Dach, reguliert
von der DFSA.
Vorteile für vermögende Familien
„DIFC-Stiftungen bieten mehr Mitsprache und Flexibilität“, erklärt Malik. „Zum Beispiel als Ratsmitglied. Bei Trusts hängt viel an den Treuhändern und dem Wunschschreiben.“
Als weiterer Anreiz kommen Steuervorteile hinzu, wie Yann Mrazek von M/HQ direkt im Anschluss an den Termin bei Lombard Odier bestätigt. Dafür geht es noch weiter hinauf in den
benachbarten Wolkenkratzer ICD Brookfield Place. Im 52. Stock mit ein bisschen Druck auf den Ohren erläutert Mrazek, wie seine Kunden Dubai als Finanzplatz wahrnehmen. Die Beratungsfirma ist auf HNWIs spezialisiert und betreut 450 Single Family Offices sowie 120 regulierte Institutionen wie Banken und Asset Manager.
Für Family Offices gilt in Dubai eine Steuer von 0 Prozent. In der Schweiz und Singapur sind es jeweils 15 Prozent. Für Mrazek gibt es allerdings noch einen weiteren wichtigen Aspekt: „Privatsphäre ist die nächste Superwährung“, sagt er. Privatsphäre bedeutet in Dubai: auf Wunsch
keine öffentlichen Datenbanken, keine Transparenzregister, keine Namensnennung bei Firmengründungen.
„Zu viele Daten können schädlich sein“, so Mrazek. Als Beispiel nennt er Schwedens Versuch, Steuerdaten öffentlich zu machen. Keine drei Tage habe es gedauert, bis ein Junge in der Schule gemobbt wurde, weil herauskam, dass sein Vater Milliardär ist.
Pull- und Push-Faktoren
Dubai macht HNWIs die Einreise so einfach wie möglich. So lockt das Emirat diejenigen an, die der Region etwas zu bieten haben, sagt Mrazek.
Zu den Pull-Faktoren zählt seit 2019 auch das Goldene Visum, wie uns Alastair Glover, Partner der Anwaltskanzlei Stephenson Harwood, am Folgetag berichtet. Das zehnjährige Visum wird ab einem Investment von 2 Millionen US-Dollar ausgegeben. Es vermittelt „ein Gefühl von Dauerhaftigkeit“, sagt Glover, denn einen permanenten Wohnsitz gibt es für Expats noch nicht. Über 150.000 Goldene Visa wurden bereits erteilt.
Auf der anderen Seite gebe es auch Push-Faktoren aus Europa, beispielsweise Brexit, politische Unsicherheit und Steuererhöhungen. Doch trotz Unternehmenssteuer von 9 Prozent und privater
Einkommenssteuer von 0 Prozent in Dubai gehe es weiter über diesen Aspekt hinaus.
Sicherheit und Lifestyle seien ebenso Magnete, betonen sowohl Glover als auch Malik von Lombard Odier. Um das D33-Ziel zu erreichen, setzt das DIFC aber nicht nur auf Private Wealth.
Heimat für KI-Unternehmen
Innovation und künstliche Intelligenz sind die nächsten Schwerpunkte. „Wir wollen Innovation nicht durch zu viel Regulierung stoppen – besonders am Anfang“, sagt Baldacchino von der DFSA. Deshalb gibt es im DIFC seit 2017 die sogenannte Innovation Testing License, eine eingeschränkte Lizenz, um Startups auf dem Weg zur vollen Lizenz zu begleiten.
Mohammad Alblooshi, CEO des DIFC Innovation Hub, wird noch deutlicher: „Kein Bereich ist wichtiger als KI. Wir müssen eine Vorreiterrolle einnehmen.“ Der Druck, sich mit KI-Innovationen zu befassen, kommt im DIFC auch von oben, so Alblooshi. „Jeder CEO denkt darüber nach, wie man KI implementieren kann.“
Zu Beginn lag der Fokus des Innovationshubs noch auf Fintechs – inzwischen sei das DIFC „Heimat für KI-Unternehmen“. Der Standort Dubai mache es dabei sehr einfach, sowohl Firmen als auch Arbeitskräfte anzuziehen. Start-ups mit der Test-Lizenz können zunächst in Coworking-Büros ihre Firma aufbauen und je nach ihrem Wachstum nach einiger Zeit in größere Büroflächen im DIFC umziehen.
Start-ups und Börsengänge
Die Strategie, Start-ups von Anfang an zu fördern, soll auf eines der D33-Ziele einzahlen: Bis 2033 will Dubai 30 Unicorns hervorbringen. Das Buy-now-pay-later-Fintech Tabby ist das jüngste in Dubai gewachsene Unicorn.
Die heimische Börse (Dubai Financial Market, DFM) soll für solche regionale Unternehmen zum ersten Anlaufpunkt werden. Zuvor war es für regionale Firmen selbstverständlich, nach London an die Börse zu gehen. Inzwischen ist die DFM für Familienunternehmen aus der Region leichter zugänglich als die etablierten Plätze in Europa und den USA. Die Gründe: schnellere Prozesse, niedrigere Kosten und eine regional verankerte Investorenbasis. Börsengänge sind in Dubai innerhalb von vier bis neun Monaten möglich. 70 Listings gibt es insgesamt.
Bedenken gibt es in Dubai beim Thema Geldwäsche. 2026 kommt die Bewährungsprobe: die Evaluierung durch die Financial Action Task Force (FATF). Die Vereinigten Arabischen Emirate standen auf der FATF-Greylist. Doch Dubai hat signalisiert, dass Compliance ernst genommen wird. Baldacchino betont: „Wir haben aus der Greylist-Phase gelernt. Jetzt haben wir strenge KYC-Prozesse, automatisierte Überwachungssysteme, enge Zusammenarbeit mit internationalen Behörden.“ Die braucht es auch, um als seriöses, transparentes und reguliertes Finanzzentrum aufzutreten. Die Evaluierung wird zeigen, ob Dubai die internationalen Standards dauerhaft erfüllt – oder ob neue Auflagen kommen.
Der Magnet wirkt
Die Zahlen sprechen für das DIFC. Die Zahlen sprechen für das DIFC. Auf das Gesamtjahr gerechnet kamen rund 2.500 neue Unternehmen hinzu, was einem Wachstum von 39 Prozent entspricht. Al Zarouni von der DIFC Authority beobachtet: „Es war noch nie so einfach, Talente anzuziehen.“ Das gelte für Firmengründer ebenso wie für Banker, Anwälte und Compliance-Experten.
Zurück zur Gate Avenue. Die Sonne spiegelt sich auf ihrem Weg zum Horizont inzwischen in den Glasfassaden der Hochhäuser. Viele unserer Gesprächspartner in den vergangenen Tagen haben – ähnlich wie Malik von Lombard Odier – nicht gedacht, dass sie nach Dubai kommen würden, um zu bleiben.
Ob Dubai bis 2033 wirklich zu den Top-4-Finanzzentren der Welt zählt, wird sich zeigen. Die Konkurrenz aus Hongkong, Singapur und London schläft nicht. Dubai setzt auf Tempo und Innovation und baut so sein Finanzzentrum zwischen Wüste und Wolkenkratzern auf.