Themen-Experte
Globale Investmentthemen und Emerging Markets

Themen-Experte
Globale Investmentthemen und Emerging Markets

Drei Faktoren entscheiden, wie es weitergeht US-Wirtschaft zwischen Erholung und Depression

Schüler-Demo im US-Bundesstaat Indiana gegen einen erneuten Lockdown: Wie sich die US-Bürger angesichts der Pandemie verhalten, ist nicht zuletzt eine Frage ihrer politischen Einstellung.  | © imago images / ZUMA Wire

Schüler-Demo im US-Bundesstaat Indiana gegen einen erneuten Lockdown: Wie sich die US-Bürger angesichts der Pandemie verhalten, ist nicht zuletzt eine Frage ihrer politischen Einstellung. Foto: imago images / ZUMA Wire

Sechs Monate nach Beginn der Pandemie sind wir in vielerlei Hinsicht mit größerer wirtschaftlicher Unsicherheit konfrontiert als noch im März. Die US-Wirtschaft hat sich zwar seit Juni kräftig erholt. Die Zahl der Beschäftigten wuchs in zwei aufeinanderfolgenden Monaten, die wöchentlichen Anträge auf Arbeitslosenunterstützung gingen drastisch zurück. Ebenso erholte sich die Verbraucherstimmung, die Einzelhandelsumsätze stiegen. Indikatoren wie der Google-Mobilitätsindex und Restaurant-Reservierungen über die Plattform Open Table bestätigten die Entwicklung.

Die weiterhin hohe Zahl der Corona-Infizierten aber gefährdet die Erholung. Teilweise lässt sich das auf die Ausweitung der Tests zurückführen. Zusätzlich steigt aber die Zahl der positiv Getesteten. Die gute Nachricht: Im Vergleich zur ersten Ansteckungswelle müssen weniger Erkrankte zur Behandlung ins Krankenhaus. Weniger Corona-Patienten gibt es auch auf der Intensivstation und insgesamt können die Erkrankten schneller aus dem Krankenhaus entlassen werden. Das liegt zum Teil daran, dass sich zuletzt viele jüngere Menschen angesteckt haben, bei denen die Krankheit meist weniger schwer verläuft. Zudem haben die Krankenhäuser bei der Behandlung von Covid-19-Patienten mittlerweile Erfahrung gesammelt.

Dennoch droht die zweite Ansteckungswelle den wirtschaftlichen Aufschwung zu bremsen. Kalifornien hat bereits wieder einen Lockdown verhängt und auch andere Bundesstaaten haben die Lockerung der Beschränkungen gestoppt oder rückgängig gemacht. Die Auswirkungen lassen sich bereits an ersten Indikatoren ablesen: So verzeichnet eine vorläufige Auswertung des Michigan-Verbrauchervertrauensindex vom Juli nach zwei Monaten der Erholung wieder einen Rückgang.

Wie sich die Wirtschaft in den kommenden Monaten entwickelt, hängt im Wesentlichen von drei „bekannten Unbekannten“ ab:

1. Fortschritte beim Impfstoff

Bei der Entwicklung eines Impfstoffes haben sich bereits einige Firmen an die Spitze gesetzt. US-Regierung und Privatwirtschaft wollen mit ihrer Zusammenarbeit, auch als „Operation Warp Speed“ bezeichnet, den Zeitplan für Entwicklung und Produktion beschleunigen. Ein von Astra Zeneca und der Universität Oxford hergestellter Impfstoff hat kürzlich bei Tests Immunreaktionen ausgelöst – ein erster Erfolg. Der Konzern kündigte bereits an, eine Milliarde Impfdosen herstellen zu können. Parallel befinden sich die Entwicklungen der US-Biotechfirma Moderna sowie eines Teams von Pfizer und der deutschen Biontech in einem fortgeschrittenen Stadium. Experten gehen davon aus, dass ein Impfstoff in 12 bis 18 Monaten zur Verfügung stehen könnte.

2. Strategien gegen Corona

Entscheidend wird auch sein, ob die verschiedenen US-Bundesstaaten und Bezirke wieder einen vollständigen Lockdown einführen. Alternativ könnten jetzt gezieltere Strategien umgesetzt werden, da wir mittlerweile ein besseres Verständnis dafür haben, wie sich das Virus verbreitet und welche Bevölkerungsgruppen am stärksten gefährdet sind.

3. Verhalten der Menschen

Eine weitere Frage ist, wie schnell und unter welchen Bedingungen US-Bürger bereit sind, zu ihrem früheren Alltag zurückzukehren, alte Gewohnheiten wieder aufgreifen und Geld ausgeben wie vor der Krise.

Wie wird die neue Normalität aussehen?

Diese drei Faktoren beeinflussen sich gegenseitig. Um einen tieferen Einblick in diese Dynamik zu erhalten, lanciert Franklin Templeton in Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsinstitut Gallup eine breitangelegte Studie. Geplant ist eine monatliche Umfrage. Untersucht wird etwa, wie sich das Virus auf das alltägliche Verhalten und die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung auswirkt.

In Kombination mit Wirtschaftsdaten soll diese Untersuchung dazu dienen, besser vorherzusagen, wie sich die Wirtschaft in den kommenden Monaten entwickelt. Wie wird die neue Normalität aussehen, wenn sich die Situation stabilisiert hat? Welche langfristigen Auswirkungen hat Covid-19 auf die Finanzmärkte und auf Investitionsstrategien? Auch darauf soll die Studie Antworten geben.

Ein Großteil der Analysen beschränkt sich derzeit auf die Dynamik der Pandemie – oft mit Fokus auf die Fallzahlen. Die Einstellung jedes Einzelnen spielt aber bei der wirtschaftlichen Erholung eine ebenso wichtige Rolle, wenn nicht gar die entscheidende.

Demokraten und Republikaner gehen unterschiedlich mit der Pandemie um

Das bestätigt eine aktuelle Studie des Gallup-Chefökonomen Jonathan Rothwell und Christos Makridis von der Arizona State University. Die Wirtschaftsforscher haben herausgefunden, dass sich das Verhalten der US-Bürger in der Corona-Krise je nach politischer Zugehörigkeit stark unterscheidet. So gaben Demokraten häufiger an, sehr besorgt über das Virus zu sein und Abstand zu anderen Menschen einzuhalten sowie Masken zu tragen. Republikaner erwarteten dagegen einen kürzeren Verlauf der Pandemie und suchten bis Juni bereits öfter wieder ihren Arbeitsplatz auf. Ist die politische Zugehörigkeit entscheidend beim Verhalten in der Krise oder gibt es weitere Faktoren, die zunehmend eine Rolle spielen? Ein Aspekt, der ebenfalls in der Studie aufgegriffen werden soll.

Insgesamt betrachtet ist eine V-förmige Erholung der US-Wirtschaft derzeit ebenso denkbar wie eine neue Große Depression. Klassische Wirtschaftsindikatoren reichen nicht aus, um den weiteren Verlauf dieser Krise einschätzen zu können. Neue Ansätze und Studien – wie die Untersuchungsreihe von Gallup und Franklin Templeton – sind daher notwendig. Erste Ergebnisse der gemeinsamen Studie werden in Kürze veröffentlicht.