private banking magazin: Herr Pasquier, wie würden Sie Ihre Rolle bei DNCA beschreiben?
Jean-Hugues Pasquier: Ich bin Head of Product Specialists. Meine Aufgabe ist es, die Schnittstelle zwischen Investmentteams und Vertrieb zu bilden. Wir unterstützen unsere Sales-Teams weltweit mit Produktwissen, organisieren Roadshows und Gespräche mit Investoren und helfen bei der Einordnung unserer Strategien. Oft sind wir der erste Ansprechpartner, wenn es um Inhalte und Positionierung geht.
Arbeiten Sie dabei mit eigenen Vertriebsteams oder über die Mutter, Natixis?
Pasquier: Beides. In einigen Märkten wie Italien, Belgien oder Luxemburg haben wir eigene Teams. In vielen anderen Ländern, etwa in Deutschland oder Österreich, arbeiten wir eng mit Natixis Investment Managers zusammen. Dort unterstützen wir die Vertriebskollegen mit Know-how zu DNCA und unseren Strategien.
Unterscheiden sich die Anforderungen international stark?
Pasquier: Meist sprechen wir über die gleichen Strategien. Es gibt regionale Unterschiede bei Vehikeln oder Strukturen, zum Beispiel in Großbritannien oder Japan. Aber die Investmentansätze selbst sind weitgehend global.
Wie unterscheiden sich aus Ihrer Sicht die Risikoneigungen europäischer Anleger?
Pasquier: Es gibt deutliche Unterschiede. Spanische Investoren sind sehr konservativ und eher risikoavers. Französische Anleger gehen deutlich mehr Risiko ein. Das hängt stark mit dem System zusammen: In Frankreich gibt es garantierte Vorsorgelösungen, vergleichbar mit 401(k)-Modellen in den USA. Ein Teil der Altersvorsorge ist abgesichert, und das erleichtert es, zusätzlich in Aktien zu investieren. Deutschland liegt aus meiner Sicht in der Mitte. Hier sehen wir vor allem Nachfrage nach Aktienfonds, insbesondere im Nebenwertebereich, und nach flexiblen Rentenstrategien. Einzelne Fonds erreichen in Deutschland Volumina um eine Milliarde Euro.
DNCA hat sowohl große Rentenfonds als auch erfolgreiche Aktienstrategien. Was ist die DNA des Hauses?
Pasquier: Die Firma wurde 2000 gegründet und war ursprünglich ein Value-Equity-Haus. Wir starteten mit Value-Aktienstrategien und parallel mit einer konservativen Multi-Asset-Strategie, Eurose, die heute rund sechs Milliarden Euro groß ist. Über viele Jahre hinweg bestand unser Kern aus Value-Aktien und konservativen Multi-Asset-Lösungen. Ab etwa 2010 haben wir begonnen, gezielt weitere Talente ins Haus zu holen und neue Strategien aufzubauen. Unser Ansatz ist es, talentierte Portfoliomanager zu gewinnen und ihnen die Freiheit zu geben, ihre Strategien zu entwickeln.
Also ein Talent-Pool unter einem Dach?
Pasquier: Man kann es so sehen: eine Boutique aus mehreren Boutiquen. Wir sind rund 80 Mitarbeiter, davon etwa 70 Investmentprofis. Gleichzeitig gehören wir zu Natixis Investment Managers. Das gibt uns die Vorteile einer Boutique – Autonomie, unternehmerisches Denken – und gleichzeitig die Infrastruktur eines großen Hauses. Die Manager arbeiten sehr eigenständig, ohne schwere Hierarchien.
Wie werden Sie auf außergewöhnliche Talente aufmerksam?
Pasquier: Natürlich schauen wir uns Performance an, Wettbewerbsvergleiche und die Entwicklung einzelner Strategien. Aber ein wichtiger Kanal sind unsere Kunden. Wir stehen im engen Austausch mit ihnen und hören immer wieder, welche Portfoliomanager sie besonders überzeugen. In gewisser Weise spiegeln uns unsere Kunden die Branche. Wenn Investoren wiederholt von einem Manager oder einer Strategie berichten, hören wir sehr genau hin.
Welche Trends beobachten Sie derzeit in der Asset-Management-Industrie?
Pasquier: Passive Produkte wachsen stark. Wenn man als aktiver Manager bestehen will, muss man echten Mehrwert liefern. Am Ende überleben nur Manager, die dauerhaft Performance liefern. Unsere Produkte sind aktiv und daher teurer. Die einzige Rechtfertigung dafür ist konsistentes Alpha über die Zeit.
Gleichzeitig wachsen ETFs, aktive ETFs und Private Markets.
Pasquier: Genau. Der Wettbewerb wird breiter. Umso wichtiger ist ein klarer Investmentprozess, der wiederholbar ist. Wenn man das nicht liefern kann, wird es langfristig schwierig.
Sind Investoren heute noch langfristig loyal?
Pasquier: Die Branche ist sehr performancegetrieben. Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen Performance und Mittelzuflüssen oder -abflüssen. Wenn Sie unterperformen, sehen Sie sehr schnell Abflüsse, teilweise schon im nächsten Quartal.
Wie groß darf DNCA werden, ohne seine Identität zu verlieren?
Pasquier: Wir verwalten heute rund 55 Milliarden Euro. Natürlich können wir weiter wachsen, aber die Idee ist nicht, 500 Milliarden zu verwalten. Entscheidend ist, ob wir unseren Kunden weiterhin etwas Differenzierendes bieten können. Wenn wir konsistentes Alpha liefern und nah an den Bedürfnissen unserer Kunden bleiben, können wir auch neben sehr großen Häusern bestehen.
Sie haben zuletzt Portfoliomanager von großen Häusern geholt. Warum wechseln diese?
Pasquier: Viele Manager fühlen sich in sehr großen Organisationen anonym. Die Hierarchien sind schwer, der Handlungsspielraum begrenzt. In einer Boutique können sie direkt mit CEO und CIO arbeiten und haben mehr Autonomie. Hinzu kommt oft eine Beteiligung am Unternehmen. Wenn man Fixgehalt, Bonus und Partnerschaft zusammennimmt, ist das ein attraktives Paket.
Zuletzt haben sich zwei Portfoliomanager von Amundi aus Madrid DNCA angeschlossen, darunter der frühere Head of European Equities dort. Solche Wechsel bestätigen unseren Ansatz, über Talente zu wachsen.
Wächst DNCA also über Zukäufe?
Pasquier: Nein, unser Ansatz ist klar: Wir kaufen keine Asset Manager. Wir wachsen, indem wir Talente gewinnen.
Was zeichnet erfolgreiche Alpha-Manager aus?
Pasquier: Eine starke Investmentkultur und Demut. Gute Manager kontrollieren Risiken sehr bewusst und positionieren sich so, dass sie nicht „explodieren“ können. Sie betreiben echte Fundamentalanalyse und verlassen sich nicht nur auf Marktmeinungen. Außerdem müssen sie kommunizieren können. Asset Management ist ein People Business. Wenn jemand sehr gut investiert, aber nicht erklären kann, was er tut, ist das ein Problem. Es geht auch um Teamfähigkeit – intern mit Risk, Compliance und Vertrieb.
Gibt es eine besondere Boutique-Tradition in Frankreich?
Pasquier: Ja, die gibt es. Frankreich hat eine starke mathematische und akademische Tradition, und der Kapitalmarkt war historisch bedeutend. Es hat sich ein Ökosystem aus unabhängigen Asset Managern entwickelt. Früher haben auch große Banken kleinere Boutiquen aufgebaut. Heute ist es wegen Regulierung schwieriger, neue Häuser zu gründen, aber einige unabhängige Boutiquen bestehen weiterhin.
Was ist Ihr Fazit für aktives Management?
Pasquier: Am Ende geht es um Differenzierung. Wenn wir langfristig konsistentes Alpha liefern und sehr nah an unseren Kunden bleiben, können wir als Boutique auch in einem von großen Häusern dominierten Markt bestehen.
Über den Interviewten:
Jean-Hugues Pasquier ist Leiter Globales Produktmanagement bei DNCA Finance. In dieser Funktion bildet er die Schnittstelle zwischen den Investmentteams und dem weltweiten Vertrieb. Der französische Vermögensverwalter hat einen Schwerpunkt auf aktiven Aktien- und Rentenstrategien.
