Disruption in der Investmentbranche „Einige Investmentmanager werden wohl umdenken müssen“

Finanzviertel in London: Immer mehr Menschen legen Wert darauf, dass ihre Investments langlebig sind und Nutzen stiften. | © Getty Images

Finanzviertel in London: Immer mehr Menschen legen Wert darauf, dass ihre Investments langlebig sind und Nutzen stiften. Foto: Getty Images

Sandy Kaul, Citi Prime Finance

Frau Kaul, am Anfang Ihrer Studie beschreiben Sie vier Phasen einer industriellen Revolution: Probleme, die der aktuelle Status quo nicht lösen kann, Anzeichen einer Veränderung, neue Lösungen aufgrund dieser Anzeichen und Chancen durch den neuen Status quo. Wo stehen wir jetzt?

Sandy Kaul: Ich glaube, wir sind noch in der Phase der Anzeichen einer Veränderung. Wir wissen zwar noch nicht, wie die Struktur künftig aussehen wird, aber wir erforschen verschiedene Bereiche. Es gibt mehrere Taktgeber für die aktuelle Entwicklung.

Erstens sind dies Bedenken wegen der betrieblichen Abläufe in dieser Branche. Es gibt noch immer Bereiche mit viel Ineffizienz, manueller Verarbeitung und zu viel Austausch von Schriftstücken. Bei vielen neuen Anlageklassen wie Bankdarlehen, Krediten unter Privatpersonen und Handelsfinanzierungen ist ein enormer manueller Aufwand nötig, um Transaktionen durchzuführen. Das bremst deren Wachstum – zu einer Zeit, in der viel Geld an illiquideren Märkten oder abseits von Börsen darauf wartet, investiert zu werden.

Zweitens zeigt die Erfahrung bei Kryptowährungen, dass auch Kleinanleger an Märkten teilhaben wollen, die üblicherweise institutionellen und qualifizierten Investoren vorbehalten sind. So wird der Zugang zu illiquiden Assets demokratisiert.

Außerdem gibt es Versuche, physische Assets in kleineren Einheiten verfügbar zu machen. Ich glaube, dass sich hier noch einiges ändern wird und künftig mehr Token angeboten werden, die Eigentumsrechte und nicht nur Nutzungsrechte an Vermögensgegenständen repräsentieren. Wir stehen da noch ganz am Anfang, aber der Trend könnte sich in den nächsten 18 bis 24 Monaten wesentlich beschleunigen.

Ihr Report liefert einige faszinierende Beispiele für Investmentvehikel auf der Basis von Distributed Ledger, die auf Kleinanlegern und deren eingeschränkte Diversifikationsmöglichkeiten bei Investments eingehen. Können Sie uns mehr über neue Modelle der Eigentümerschaft von Sachwerten und deren Unterteilung in leistbare Einheiten sagen?

Kaul: Nehmen wir zwei interessante Beispiele mit unterschiedlichen Ansätzen: BrickX kauft Gebäude und unterteilt deren Eigentümerschaft in kleine Anteile. Das zweite Beispiel ist das Unternehmen Maecenas, das den Zugang zu Kunst demokratisieren will.

BrickX hat seinen Sitz in Australien, wo Immobilien sehr teuer sind. Das Unternehmen hat ein neues Modell entwickelt. Es kauft Wohnimmobilien und unterteilt die Eigentümerschaft am Eigenkapitalanteil in 10.000 Einheiten oder „Bricks“ (Ziegelsteine). Das Unternehmen gibt diese Bricks in einer Emission über seine Plattform aus, auf der Eigentümer ihre Anteile auch am Sekundärmarkt handeln und so Liquidität für ihre Investments schaffen können.

Viele jüngere Menschen, denen der Einstieg in den Immobilienmarkt schwerfällt, nutzen Bricks als Sparform. Das macht sie außerdem zu Immobilieneigentümern. Diese Einheiten sind aber noch immer traditionelle Verträge und nicht „tokenisiert“. Ein Brick ist die kleinstmögliche Investition und Liquiditätseinheit. Maecenas will hingegen durch Tokenisierung den Zugang zu Kunst ermöglichen. Wenn Sie einen Anteil an einem Kunstwerk bei Maecenas erwerben, kaufen Sie vielleicht nur einen Bruchteil eines Token. Egal, wie viel Sie kaufen, Sie können Bruchteile davon auch wieder verkaufen und müssen nicht Ihren gesamten Anteil tauschen. Das ist der größte Unterschied der beiden Systeme.