Diskussionsrunde zur Schaffung von Wohnraum „Nur Zeichen der Verzweiflung“

Diskussionsrunde zur Schaffung von Wohnraum: „Nur Zeichen der Verzweiflung“

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DIE IMMOBILIE: Bis 2020 müssten laut Bundesbauministerium mindestens 350.000 Wohnungen pro Jahr entstehen, vor allem bezahlbare. Was genau heißt das eigentlich?
André Scharmanski: Eine allgemeingültige Definition des Begriffs bezahlbarer Wohnraum gibt es nicht. Weit verbreitet ist die Ein-Drittel-Regelung. Wohnraum ist demnach bezahlbar, wenn die Miete nicht mehr als ein Drittel des verfügbaren Einkommens ausmacht. Betrachtet werden dabei natürlich die unteren und mittleren Einkommensschichten.
Nils Olov Boback: Wir ordnen alle Haushalte mit einem Einkommensniveau von 20 bis 60 Prozent des Medianeinkommens der Kategorie bezahlbarer Wohnraum zu. Das Medianeinkommen ist das Einkommen, bei dem es genauso viele Menschen mit einem höheren wie mit einem niedrigeren Einkommen gibt. Das ist je nach Land, Stadt und Stadtteil unterschiedlich hoch.

DIE IMMOBILIE: 2015 lag das Medianeinkommen in Deutschland bei 1.722 Euro netto im Monat. 60 Prozent davon sind 1.067 Euro. Nach der Ein-Drittel-Regelung können diese Haushalte also rund 356 Euro Miete im Monat zahlen. Das ist nicht viel.
Kruno Crepulja: In der öffentlichen Diskussion gilt als bezahlbarer Wohnraum alles, was bei einer Kaltmiete von unter 7 Euro pro Quadratmeter liegt. Das wären dann rund 51 Quadratmeter.
Boback: Aber selbst ein auf bezahlbaren Wohnraum spezialisiertes Unternehmen wie Bonava kriegt das im Neubau nicht hin. In den Metropolen liegen wir bei 10 Euro pro Quadratmeter. Das wären dann gerade einmal 36 Quadratmeter.

DIE IMMOBILIE: Sie können also gar nicht so billig bauen, wie Sie anbieten sollen. Warum nicht?
Crepulja: Die Grundstückspreise sind massiv gestiegen. Vor fünf Jahren haben Sie in den Metropolen oft noch die Hälfte dessen gezahlt, was Sie heute auf den Tisch legen müssen.
Klaus-Peter Hesse: Kostentreiber sind vor allem die Grunderwerbsteuer, die inzwischen bei bis zu 6,5 Prozent liegt, und die Liegenschaftspolitik der Kommunen. Es müssen mehr Grundstücke freigegeben werden. Letztlich hat der Staat dafür gesorgt, dass es immer schwieriger wird, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.