Diesmal ist etwas anders Die Größe stellt alle bisherigen Finanzmarktblasen in den Schatten

Karl-Heinz Thielmann ist Vorstand von Long-Term Investing Research. | © Long-Term Investing Research

Karl-Heinz Thielmann ist Vorstand von Long-Term Investing Research. Foto: Long-Term Investing Research

Seit der Finanzkrise 2008 gehören Warnungen vor Finanzmarktblasen und den ihnen innewohnen-den Gefahren zum Standardrepertoire von Marktanalysten und Wirtschaftsjournalisten. Inzwischen wendet die Branche den Begriff fast ritualisiert auf jede Anlageform an, die in irgendeiner Form hoch bewertet oder sehr populär ist. Bloomberg-Kolumist Joe Weisenthal stellte im September selbstkritisch für seine Zunft fest: „Wir lieben es, alles eine Blase zu nennen.“

Viel interessanter als die unzähligen Blasenwarnungen ist es allerdings, wenn es an den Kapitalmärkten zu völlig absurden Vorgängen kommt. Die große Mehrheit der professionellen Marktbeobachter jedoch meint, dass es hierfür gute Gründe gebe. „Dieses Mal ist alles anders“, lautet dann die geläufige Begründung, wir leben in einer „neuen Normalität“, in der die die alten Regeln nicht mehr gelten. Und so lasen wir in diesem Jahr eine auffallende Häufung von Texten, die uns erklären wollen, dass der Run auf Renten mit negativen Zinsen keine Finanzmarktblase sei. Hingegen soll es völlig normal werden, wenn Anleger mit negativen Zinsen leben müssen.

Der Rentenmarkt: die Superblase der Superblasen?

Obwohl der Begriff der Finanzmarkt-Blase inzwischen zum überstrapazierten Schreckgespenst verkommen ist, bleibt nichtsdestotrotz die Beschäftigung hiermit für Anleger äußert wichtig. Denn Investoren, die auf Blasen hereinfallen, überschätzen nicht nur ihre Anlagechancen, sondern unterschätzen zumeist auf sehr gefährliche Art ihre Risiken. Hohe und völlig unerwartete Verluste können die Folge sein.

Bereits in einem Beitrag von September 2015 habe ich thematisiert, dass heutzutage nicht mehr nur irregeleitete Investoren für die Entwicklung von Finanzmarktblasen verantwortlich sind. Insbesondere zwei Faktoren begünstigen die Entwicklung von Blasen mit bisher ungeahnten Dimensionen – sogenannte Superblasen:

  • Rationales Herdenverhalten: Es gibt starke institutionelle Anreize für professionelle Fondsmanager, sich prozyklisch und damit Blasen-verstärkend zu verhalten.
  • Staatseingriffe: Staatliche Institutionen begünstigen durch Eingriffe in den Kapitalmarkt Finanzmarktblasen.

Vier Jahre später ist die Blase von chinesischen Aktien lange geplatzt und vielfach schon vergessen. Im Gegensatz dazu sind die Preise von europäischen Staatsanleihen weiter gestiegen. Darüber hinaus haben weltweit die Kurse von Rentenpapieren stark angezogen – über alle Währungen und Bonitäten. Nominale Negativzinsen sind in Euro, Yen und Schweizer Franken für Schuldner mit guter Bonität inzwischen Normalität. Das Volumen der ausstehenden Anleihen mit nominal negativen Renditen hat inzwischen einen Umfang von rund 12 Billionen Euro erreicht. Und auch in Pfund oder US-Dollar sind die Zinsen inzwischen überwiegend so niedrig, dass sie die Inflationsraten nicht mehr übersteigen. Als Resultat sind die um die Geldentwertung bereinigten Realzinsen hier ebenfalls zumeist negativ.