Nicht nur im Family Office Diese vier Risikofaktoren entscheiden über jedes Portfolio

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US-Staatsanleihen als Fallschirm

Euro-Staatsanleihen kann man wegen des aktuellen Zinsumfelds zur Diversifikation leider nicht mehr effektiv heranziehen, stattdessen aber zu US-Staatsanleihen greifen. Denn die Zinsen in den USA sind für eine Laufzeit von zehn Jahren komfortabel positiv und US-Anleihenkurse können im Fall einer Aktienmarktkrise wieder steigen. Dieses Investment in US-Staatsanleihen kann man mit einer Euro-Dollar-Währungsabsicherung verbinden, um den reinen Zinsfaktor herauszuziehen. Hierzu gibt es auch günstige ETFs.

Da die Absicherungskosten von US-Dollar-Euro-Währungsrisiken in etwa so hoch sind und sein müssen wie die Zinsdifferenz zwischen den USA und dem Euroraum, bekommt man mit US-Staatsanleihen nach Absicherungskosten in etwa den gleichen erwarteten Zins wie mit Euro-Staatsanleihen gleicher Laufzeit und Bonität. Schließlich ist ihr Zinsniveau deutlich höher. In der Covid-Krise vom 18. Februar bis 23. März 2020 haben Euro-Staatsanleihen deshalb auch mit minus 2 Prozent nicht viel zur Diversifikation beigetragen – im Gegensatz zu US-Staatsanleihen, die mit 5 Prozent performten.

Vorteile können sich ergeben, wenn wir US-Anleihen taktisch untergewichten. Schließlich könnten wir dann zu einem späteren Zeitpunkt zu niedrigeren Kursen (und höheren Zinsen) nachkaufen. Präzise vorhersagen kann man dies aber nicht.

Um den Leitwährungsfaktor einzubauen, braucht man oftmals noch nicht einmal etwas zu tun. Es zeigt sich nämlich, dass der US-Dollar den Verlauf der meisten großen Währungen ausgezeichnet nachbildet. Als aktuelle Leitwährung liefert der US-Dollar in etwa den gleichen Effekt wie der Kanadische Dollar, der Singapur-Dollar, der Yen, der Australische Dollar und die Norwegische Krone. In der Corona-Krise hat sich gezeigt: Der US-Dollar kann Aktienrisiken nicht per se mindern. Er hat lediglich zur Volatilität beigetragen.

Der US-Dollar hat aber dann gegriffen, als die Aktienmärkte am stärksten schwankten und die Panik demnach am größten war – nämlich zwischen dem 9. und dem 23. März. In diesem Zeitraum gewann er fast 7 Prozent. Nun kommt uns zugute, dass der US-Dollar bereits in einem weltweiten Aktienportfolio enthalten ist: Rund 60 Prozent des MSCI All Country World Index bestehen aus Aktien aus den USA.

Will man die US-Dollar-Quote weiter erhöhen, kann man einen Anteil der zuvor erwähnten US-Staatsanleihen-ETFs auch ohne Währungsabsicherung erwerben. Verliert der US-Dollar allerdings irgendwann seinen Leitwährungscharakter, muss man nach alternativen Währungskompositionen suchen, die den Leitwährungsfaktor adäquat abbilden. In naher Zukunft ist das aber mit hoher Wahrscheinlichkeit noch nicht notwendig, auch wenn eine längere Schwächephase des US-Dollar ein denkbares Szenario ist.

Damit hat man drei der vier Finanzmarkttreiber nachgebildet. Bleibt noch der Safe-Haven-Faktor. Diesen können wir einwandfrei und günstig über Gold-Standardprodukte implementieren. Staaten und neuerdings auch Zentralbanken legen einen großen Wert auf den Aufbau eigener Goldreserven, vor allem in Kriegs- und Krisenzeiten. Das lässt auch in der akademischen Literatur die Frage aufkommen, ob Gold nicht doch eine langfristig positive Rendite erzielt. Aber auch ohne eine solche sollten wir Gold als Diversifikator nutzen.

Die bisherige Quintessenz: Wir können rund 67 Prozent des vergangenen Marktprozesses allein mit vier Risikofaktoren erklären, welche, mittels ETFs, zu geringen Kosten bei der Hausbank und innerhalb von wenigen Minuten nachgebildet werden können.

Statistisch gesehen können wir durch ein Weltportfolio mit Aktien, US-Anleihen, Gold und womöglich noch zusätzlichen US-Dollar-Positionen Risiken gut diversifizieren. Wie wir die einzelnen Asset-Klassen gewichten, hängt von unseren individuellen Rendite-Risiko-Präferenzen ab.

Der Umstand, dass in der Covid-Krise nicht alle der oben genannten Asset-Klassen durchweg positive Rendite generiert haben, ändert nichts daran, dass sie alle eine nützliche Rolle einnehmen. Wichtig ist, dass ein Portfolio aus den beschriebenen Asset-Klassen über einen gewissen Zeitraum dem Schwanken eines Aktien-Investments entgegenwirkt, ohne dass wir längerfristige Rendite-Einbußen in Kauf nehmen müssen.

Dies kann auch kurz vor einem Crash passieren, wenn sich Anleger mit sicherheitsorientierten Asset-Klassen eindecken, so wie wir es zum Beispiel bei Gold kurz vor dem Corona-Crash beobachten konnten. Hier waren von Anfang Februar bis zum 9. März rund 8 Prozent in US-Dollar zu verdienen.

Im folgenden Diagramm sehen Sie zwei beispielhafte Portfolios: einmal Aktien weltweit plus Staatsanleihen aus dem Euroraum (gelb) und einmal in der gleichen Proportion die gleichen Aktien plus Gold sowie Staatsanleihen in US-Dollar, sowohl mit als auch ohne Euro-Dollar-Absicherung (rot). Man erkennt, dass das zweite Portfolio während des Crashs weniger schwankt und einen Renditevorteil (minus 10,3 Prozent gegenüber minus 14,2 Prozent) über den einmonatigen Zeitraum erbringt. 

Das zweite Portfolio (rot) schwankt während des Crashs weniger und erbringt einen Renditevorteil. Quelle: Deutsche Oppenheim Family Office

Diese Momentaufnahme ist der Effekt einer strategischen Diversifikation. Ihr liegt die Annahme zugrunde, dass man nichts weiß und nichts wissen kann darüber, welche Risiken sich zukünftig materialisieren. Doch was nutzt diese Erkenntnis aktuell noch – nun, da das Extrem-Ereignis schon eingetroffen ist? Und welche Empfehlungen kann man im Hinblick auf die strategische Aufteilung des Vermögens geben?

Es ist interessant: Strategisch gesehen hat sich seit Ausbruch der Covid-Krise wenig geändert. Einzelne Investoren empfehlen schon seit Jahren genau das,  was in diesem Artikel beschrieben wurde. Und diese Ratschläge ergeben auch weiterhin Sinn.

Hierzu eine hypothetische Frage: Wo werden in fünf Jahren der Goldpreis, der Euro und die US-Zinsen stehen? Da wir dies alles nicht vorhersagen können, müssen wir antworten: Mit rund 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit stehen sie über und mit rund 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit unter ihrem jetzigen Wert.

Die langfristigen Kosten für den Aufbau all dieser Diversifikatoren sind nominal nicht höher als heute. Zum Vergleich: Die in fast allen europäischen Portfolios befindlichen europäischen Staatsanleihen-ETFs werfen zusammen, bei einer Laufzeit von rund fünf Jahren, einen nominalen effektiven Zins von aktuell leicht unter null Prozent ab. Und das auch nur deshalb, weil man rund 70 Prozent des investierten Volumens in französischen, italienischen und spanischen Staatsanleihen hält.

Was ergibt auf Fünf-Jahres-Sicht also mehr Sinn? Ein umspannendes Portfolio aus Gold, US-Staatsanleihen und US-Dollar? Oder eine im Erwartungswert in etwa gleich rentable Position mit hohem Anteil, tendenziell eher Risiko-beladener, europäischer Anleihen? Natürlich sind sichere Assets seit Beginn der Covid-Krise im Preis gestiegen.

Wer glaubt, dass sie zu teuer geworden sind, kann versuchen Markt-Timing zu betreiben und auf  günstigere Einstiegskurse hoffen. Dies ist vor allem im Hinblick auf die sehr stark gestiegene US-Dollar-Geldmenge eine vielversprechende Möglichkeit, dem Abwerten des US-Dollars beziehungsweise den steigenden US-Zinsen taktisch zu begegnen und entsprechende Verluste zu vermeiden. Es ist aber ein risikoreiches Unterfangen, denn im Falle einer erneuten Krisensituation könnten diese Assets schnell noch teurer werden.

Man muss nicht erahnen können, wie es kommt. Wenn mittelfristig positive Szenarien eintreffen, profitieren die Aktienmärkte. In den Szenarien, in denen es nicht so positiv läuft, helfen (aktuell noch) US-Staatsanleihen und der US-Dollar oder zukünftig ähnlich sichere Anleihen und Leitwährungen. Wenn Aktien, Staatsanleihen und Leitwährungen gleichzeitig über längere Zeit an Wert verlieren, ist ein Szenario des temporären systemischen Versagens (Hyperinflation, Währungskrise, Zahlungsausfall) möglich, in dem nur noch Gold hilft.

Darüber hinaus können wir uns aktuell nur wenige Szenarien vorstellen, in denen Aktien, US-Anleihen, der US-Dollar und auch Gold gleichzeitig und über längeren Zeitraum unerwartet stark an Wert verlieren. In diesen Szenarien einer zumeist langanhaltenden globalen Deflation (beispielsweise durch Folgen des Klimawandels oder aufgrund demografischer Faktoren) hilft es uns dann nur noch, wenn wir dem liquiden Kapitalmarkt auf längere Zeit vollständig fern bleiben. Doch dies ist für die meisten Investoren keine Option.


Über die Autoren:

Dr. Vladislav Gounas verantwortet bei der Deutsche Oppenheim Family Office die Strategische Asset Allokation. Sein Schwerpunkt liegt in der quantitativen Modellierung von Kapitalmärkten. Zudem dient er als strategischer Berater für Privatvermögen. Gounas promovierte 2021 an der Edhec Business School zum Thema Strategic Trading.

Yannick Düring gehört seit 2017 zum Team Quantitative Investments Solutions bei der Deutschen Oppenheim Family Office. Der Aufgabenschwerpunkt des Volkswirts liegen in den Bereichen Optimierung und operative Steuerung von Dachfonds, Fondsselektion, ETF-Auswahl, nachhaltige Investments und Performance-/Risikoanalysen.