Die Aktie der Commerzbank durchbrach am Dienstagabend kurzzeitig die 30-Euro-Marke – ein Niveau, das seit 2011 nicht mehr erreicht wurde. In den Frankfurter Bürotürmen dürfte mancher Mitarbeiter des Geldhauses diesen Moment mit gemischten Gefühlen betrachtet haben. Denn was auf den ersten Blick wie ein Triumph aussieht, könnte sich als Vorbote einer ungewollten Übernahme entpuppen.
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Die Aktie der Commerzbank durchbrach am Dienstagabend kurzzeitig die 30-Euro-Marke – ein Niveau, das seit 2011 nicht mehr erreicht wurde. In den Frankfurter Bürotürmen dürfte mancher Mitarbeiter des Geldhauses diesen Moment mit gemischten Gefühlen betrachtet haben. Denn was auf den ersten Blick wie ein Triumph aussieht, könnte sich als Vorbote einer ungewollten Übernahme entpuppen.
Nur wenige Stunden nach dem Kursfeuerwerk machte die italienische Großbank Unicredit ernst: Das Institut teilte mit, seine direkte Beteiligung an der Commerzbank auf 20 Prozent verdoppelt zu haben. Durch den Tausch von Derivaten in echte Aktien avancierte Unicredit zum größten Aktionär der zweitgrößten börsennotierten Bank Deutschlands – und überholte damit sogar den Bund, der bisher mit 12 Prozent als Ankeraktionär fungierte.
Zusätzlich verfügt die Mutter der Münchner Hypovereinsbank über Derivate mit Zugriff auf weitere 9 Prozent an der Commerzbank, die „zu gegebener Zeit“ ebenfalls in Aktien gewandelt werden sollen.
Berliner Widerstand bröckelt
Das Vorgehen von Unicredit-Chef Andrea Orcel folgt einem kalkulierten Muster: Schritt für Schritt erhöht der erfahrene Investmentbanker den Druck auf die Commerzbank und die deutsche Politik. Bereits im Herbst 2024 hatte Orcel in einem Überraschungscoup zugegriffen, als der Bund ein 4,5-Prozent-Paket der Commerzbank zum Verkauf stellte. Ein ähnlich großes Paket hatten die Italiener zuvor bereits zusammengekauft.
Orcels jüngste Offensive zeigt: Der Italiener lässt sich nicht von politischen Widerständen aus Berlin abschrecken. Zwar hatte er kürzlich versucht, mit Briefen an Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) Gespräche zu initiieren – doch beide ließen ihn abblitzen. Merz bezeichnete das „unabgestimmte und unfreundliche Vorgehen“ als „nicht akzeptabel“. Die Bundesregierung setze auf eigenständige Banken, betonten Kanzleramt und Finanzministerium mehrfach.
Commerzbank kämpft um Eigenständigkeit
Die Frankfurter Bank reagierte demonstrativ gelassen auf Orcels neuesten Schachzug. „Dieser Schritt ist erneut nicht mit der Commerzbank abgestimmt“, hieß es auf Anfrage der „FAZ“. Die Anpassung der Unicredit-Position habe keine Auswirkungen auf die strategische Ausrichtung oder die Ambitionen der Bank. Man fokussiere sich weiterhin auf die Umsetzung der „Momentum“-Strategie, die auf profitables Wachstum und Wertsteigerung ziele.
Das Commerzbank-Management verwies auf die starken Geschäftsergebnisse: das Rekordjahr 2024, das beste erste Quartal seit 14 Jahren und die Bestätigung sowie teilweise Anhebung der Jahresziele. „Die strategischen Maßnahmen der Commerzbank greifen“, betonte das Institut – ein deutlicher Verweis darauf, dass eine Übernahme aus Sicht der Frankfurter nicht notwendig sei.
Für Unicredit ergeben sich nun mehrere Optionen: Erstens könnte Orcel das Handtuch werfen und die Commerzbank-Aktien wieder verkaufen – allerdings würde dies bei dem großen Paket voraussichtlich zu Kursverlusten führen und den Ruf des ehrgeizigen Bankchefs beschädigen. Zweitens könnte Unicredit einen Käufer für das gesamte Aktienpaket suchen, etwa eine andere Bank oder einen Staatsfonds. Auch hier drohen Abschläge aufgrund der Zwangslage.
Am wahrscheinlichsten gilt derzeit jedoch die dritte Option: Orcel macht ein offizielles Übernahmeangebot an alle Commerzbank-Aktionäre. Eine solche Offerte würde nicht nur die Bundesregierung vor den Kopf stoßen, sondern auch die Niederlage der Commerzbank im Kampf um ihre Eigenständigkeit einläuten.
Bund vor schwieriger Entscheidung
Selbst wenn Orcel die Mehrheit an der Commerzbank erwerben sollte, behielte der Bund seine 12 Prozent und könnte eine Komplettübernahme verhindern. Doch die Frage ist, wie lange Berlin diesem Druck standhalten wird. Sollte der Bund in einigen Jahren Geld für Rüstung oder Infrastruktur benötigen, könnte der Verkauf der Commerzbank-Beteiligung attraktiv werden – zumal die Bank dann ohnehin mehrheitlich in italienischer Hand wäre.