Und welches Vehikel nutzen Sie selbst für die beiden Chancen-Module?
Rathgen: Wir nutzen die vor allem bei institutionellen Anlegern bekannten Luxemburger RAIF-Strukturen, die für die Art unserer Zielinvestments sowie unsere Zielgruppe sehr geeignet ist. Die Strukturkosten sind niedrig, die Administration einfach und das gesamte Handling sehr flexibel.
Aber nicht jeder Privatanleger kann einfach investieren.
Rathgen: In der Tat setzen die rechtliche Struktur und auch viele Zielinvestments den Status eines sogenannten semi-professionellen Anlegers voraus. Konkret erfordert dies unter anderem ein Mindestzeichnungsvolumen von 200.000 Euro sowie Erfahrungen mit den den Fonds zugrunde liegenden Anlageklassen. Daneben spielen – wie bei jedem Investment – die individuellen Gegebenheiten eine Rolle, darunter die Risikotragfähigkeit.
Generell kann man sagen, dass Anleger der semi-liquiden Strukturen keine höheren Anforderungen erfüllen müssen als bei ähnlichen Zielinvestments in geschlossenen Fonds. Im Gegenteil, die bessere Liquidität, die höhere Flexibilität und auch die niedrigere Kostenbelastung stellen aus unserer Sicht wichtige Vorzüge dar.
Befinden wir uns preislich bei den Chancen-Modulen in der alten KG-Welt?
Rathgen: Definitiv nicht! Semi-liquide Strukturen können – selbst bei kleineren Volumina – günstiger bewirtschaftet werden als geschlossene Fonds. Dieser Umstand hat uns auch zu der Entscheidung gebracht, nach einer fast 30-jährigen Historie als Investor und von alternativer Investments, zukünftig keinerlei geschlossenen Beteiligungen mehr anzubieten, sondern uns auf die semi-liquiden Märkte zu konzentrieren.
Wie ändert sich durch all das Gesagt die Arbeit für das Team der Manager-Selekteure in Zukunft?
Rathgen: Die Analyse semi-liquider Zielinvestments erfordert neben der Beherrschung klassischer Instrumente der Due-Diligence externer Manager auch die Fähigkeit und den Willen, deutlich internationaler als zuvor nach spannenden Opportunitäten Ausschau zu halten. Da viele gute Manager oftmals zugangsbeschränkt sind, brauchen wir belastbare Netzwerke in der Industrie und eine gute Reputation am Markt, um diese zu identifizieren und dann für unsere Fonds zu erschließen. Insgesamt steigen dadurch der Dealflow und die Anzahl der zu prüfenden Investments und damit parallel auch der Arbeitsaufwand.
Hinzu kommt, dass wir eine Vielzahl unterschiedlichster Anlageklassen und -themen verstehen und analysieren müssen, auch wenn wir die Auswahl der Zielinvestments auf der untersten Ebene stets an externe Fondsmanager delegieren. Im Grunde sind wir die Spezialisten unter den Generalisten und profitieren von der Vielfalt unserer Zielmärkte und können dadurch Querschlüsse und relative Betrachtungen anstellen. Um die sich bietenden Möglichkeiten aber auch optimal ausschöpfen zu können, braucht es enorme Leidenschaft zum Investieren und eine große Offenheit für neue Entwicklungen sowie kontinuierliche Lernbereitschaft.
Über die Interviewten:
Boris Jurczyk leitet die liquide Vermögensverwaltung bei Auretas Family Trust. Der 46-Jährige wechselte im Sommer 2020 zum Multi Family Office. Zuvor war er zehn Jahre lang bei der Berenberg Bank tätig und zuletzt für die quantitativen Anlagestrategien mit Aktien, Renten und Multi Asset zuständig.
Matthias Rathgen ist Leiter semi-liquide Investments und Mitglied der Geschäftsleitung bei Auretas Family Trust. Beim Family Office und Strategieberater mit Standorten in Hamburg und München arbeitet der 51-Jährige bereits seit 2001.
