Die Ankunft der Zinswüste Schwellenländeranleihen nehmen ihren Abwärtstrend wieder auf

Touristenort Merzouga in Marokko: Anleihen des nordafrikanischen Landes bringen derzeit so niedrige Renditen wie nie zuvor. | © imago images / Westend61

Touristenort Merzouga in Marokko: Anleihen des nordafrikanischen Landes bringen derzeit so niedrige Renditen wie nie zuvor. Foto: imago images / Westend61

Nur 2,2 Prozent bei einer modifizierten Duration von 10,5 Prozent? Das kann doch gar nicht sein! In Lokalwährung? Echt jetzt? Wir reden hier doch nicht über die USA, sondern Chile. Das Schwellenland in Südamerika. Und Anleihen in Brasilianischen Real sollen nur noch 4,2 Prozent bringen? Da muss was mit dem Index nicht stimmen, das müssen doch die Dollar-Papiere sein und nicht die mit den butterweichen Landeswährungen.

Sind sie aber nicht. Die Rendite von Brasiliens Dollar-Anleihen liegt mit 3,6 Prozent sogar noch tiefer. Und der Eindruck stimmt einfach: Anleihen aus den globalen Schwellenländern haben sich in den vergangenen Jahren stark verteuert. Die Zentralbanken vor Ort haben in den globalen Chor sinkender Leitzinsen eingestimmt und ihrerseits die Sätze herabgesetzt. Den dafür nötigen Unterbau liefern Inflationswerte von zum Beispiel 2,2 Prozent in Chile und 3,8 Prozent in Brasilien für 2019. Auch das sind Werte, die man historisch eher nicht mit Schwellenländern verbindet.

Den Trend sinkender Renditen konnte sogar die durch Corona angesteckte Wirtschaftskrise nicht wirklich brechen. Denn in dieser Krise war etwas anders als in allen vorangegangenen: die geldpolitische Reaktion. „In der Regel mussten Zentralbanken die Zinsen erhöhen, um die Kapitalabflüsse zu begrenzen und ihre Währungen zu verteidigen, wodurch die wirtschaftliche Erholung erschwert wurde“, erinnert Alexis Duvernay, der für die Fondsgesellschaft M&G als Investmentspezialist arbeitet und für den Anleihe-Blog „Bond Vigilantes“ schreibt.  In diesem Jahr hat Duvernay etwas bemerkenswertes beobachtet: „Die meisten Zentralbanken der Schwellenländer haben ihre Politik gelockert, indem sie die Zinsen zum Teil recht aggressiv gesenkt haben.“

Einerseits konnten die Zentralbanken ihre heimische Wirtschaft damit plötzlich stützen, anstatt sie zusätzlich auszubremsen. Nebenbei bemerkt: In den Industrieländern ist das seit Jahrzehnten gang und gäbe. Andererseits schrumpften die Zentralbanken damit das Zeitfenster, das Anlegern zur Schnäppchenjagd blieb. Denn chilenische Anleihen in Landeswährung rentierten Mitte März bei immerhin 3,1 Prozent, brasilianische Papiere gar bei 6,6 Prozent. Das ist einiges mehr als vor der Krise und heute. Aber es blieb nicht lange so, ein paar Wochen später waren die Renditen schon wieder zusammengeschnurrt.

Und es sind eben nicht mehr die schönen zweistelligen Werte, die es in den seligen Neunzigern gab. Die Zinswüste breitet sich aus und erreicht die Schwellenländer. Auch wenn die Renditen dort nach wie vor deutlich über den Inflationsraten liegen, realer Zins über null. Zum Trend passt es, dass einige Zentralbanker inzwischen sogar ihren Kollegen in New York und Frankfurt nacheifern und Anleihen kaufen.

Am meisten gönnten sich die Währungshüter auf den Philippinen, in Israel und in der Türkei mit Käufen im Wert von 1,9, 1,4 beziehungsweise 1,3 Prozent, gemessen am jährlichen Bruttoinlandsprodukt (BIP). Duvernay sieht das zunächst erfreut, und stellt fest: „Wenn man bedenkt, wie außergewöhnlich die aktuelle Krise ist, hat sich dieser Impuls als sehr hilfreich für die Unterstützung der lokalen Märkte erwiesen.“ Durch Anleihekäufe könne man die kurzfristig durch die Krise belasteten Haushalte finanzieren.