Erholung der Weltwirtschaft uneinheitlich Deutschland und China geben den Ton an

Jobmesse in Shenzhen

Jobmesse in Shenzhen: 1,9 Prozent Wirtschaftswachstum in China erwartet der IWF im laufenden Jahr, 2021 soll die chinesische Konjunkturentwicklung sogar um mehr als 8 Prozent vorankommen. Foto: imago images / VCG

Die Unsicherheiten an den Kapitalmärkten werden höchstwahrscheinlich in den kommenden Wochen ihren Höhepunkt erreichen. Daher dürften die Schwankungen im Oktober und November hoch bleiben. Wir gehen davon aus, dass die Finanzmärkte weiterhin eine klare Richtung suchen werden – im Spannungsfeld zwischen den besorgniserregenden Meldungen über eine zweite Corona-Welle und den großen Hoffnungen auf zeitnah verfügbare Impfstoffe.

Die USA befinden sich im letzten Monat vor der Präsidentschaftswahl am 3. November. In der Vergangenheit nahmen die Schwankungen an den Märkten rund um die Wahl immer zu. Auch 2020 ist zu erwarten, dass sie zu dieser Zeit in die Höhe schnellen – und sogar länger als gewöhnlich anhalten werden. Nach der ersten TV-Debatte der Präsidentschaftskandidaten am 29. September und den positiven Covid-19-Tests von US-Präsident Donald Trump und seiner Frau Melania sind die Chancen für einen „Blue Sweep“ gestiegen: Der Wahlsieg Joe Bidens inklusive einer Mehrheit seiner Demokraten in beiden Kammern des Kongresses ist nun der wahrscheinlichste Wahlausgang.

Währenddessen gibt es immer noch keine Einigung über ein neues Konjunkturpaket, nachdem Präsident Trump die Verhandlungen plötzlich abgebrochen hatte. Unter der Annahme, dass sie im Vorfeld der Wahlen wieder aufgenommen werden, müsste der Präsident die Maßnahmen spätestens am 19. Oktober in Kraft setzen, damit die Konjunkturschecks rechtzeitig vor dem Wahltag in die Portemonnaies fließen können.

Entscheidender Monat für Europa

Auch für Europa ist der Oktober ein entscheidender Monat. Zum einen wegen des Brexits, zum anderen, weil in einigen EU-Ländern die Zahl der Covid-19-Fälle wieder rasch ansteigt.

Die Europäische Union und das Vereinigte Königreich verhandeln weiterhin über ihr künftiges Verhältnis. Auch wenn es nach wie vor strittige Punkte gibt: Jüngst klangen die Nachrichten zu den Gesprächen bereits etwas besser. Zudem haben beide Parteien bekräftigt, dass sie ein schädliches „No-Deal-Szenario“ vermeiden möchten. Denn es steht viel auf dem Spiel: Allein der bilaterale Handel hat ein Volumen im Billionen-Euro-Bereich. Daher sind sowohl Investoren als auch Unternehmen besorgt, dass es zu einer endgültigen Trennung kommt – ohne eine Vereinbarung, die die Fortsetzung des Handels ohne Zölle oder Quoten gewährleistet.

Insgesamt dürften sich die Volkswirtschaften und Aktienmärkte innerhalb der Europäischen Union uneinheitlich entwickeln. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Länder in unterschiedlichem Maße mit dem Coronavirus zu kämpfen haben: Während die Pandemie in einigen wenigen Ländern außer Kontrolle geraten ist und zur Eindämmung neue, strenge Maßnahmen ergriffen werden, sieht es in anderen deutlich besser aus.

China vor dem Rest der Welt

Inmitten dieses unsicheren Umfelds verbreitert sich der Aufschwung und niedrige Lagerbestände dürften die Einkaufsmanagerindizes auch in den kommenden Monaten stützen. Das Tempo der konjunkturellen Erholung nimmt jedoch ab: Hinein ins Jahr 2021 ist mit einem eher gedämpften Wachstum zu rechnen. Bemerkenswert ist dabei die unterschiedliche Geschwindigkeit in den einzelnen Regionen.

In der Tat haben sich einige Länder und Branchen durch ihre Widerstandsfähigkeit ausgezeichnet, weil sie die Coronavirus-Krise gut bewältigen konnten oder von damit einhergehenden Veränderungen im Lebensstil profitieren. Es ist wahrscheinlich, dass die Covid-19-Krise lang anhaltende Auswirkungen auf Unternehmen und Länder haben wird. Die Kluft zwischen den relativen „Gewinnern“ und den „Verlierern“ hat sich vergrößert und wird dies auch weiterhin tun.

In Europa gibt es einen Wachstumsunterschied zwischen Deutschland und den Ländern, die die Coronavirus-Pandemie vergleichsweise gut bewältigt haben auf der einen Seite. Auf der anderen Seite stehen Frankreich, Spanien und Italien, wo das Krisenmanagement einige Mängel aufweist.

China sticht ebenfalls positiv hervor. Im Gegensatz zu allen anderen großen Volkswirtschaften weltweit hat sich das Land schnell vom Covid-19-Schock erholt. Seit dem Höhepunkt der Pandemie am 17. Februar 2020 hat es offiziell keine Neuinfektionen mehr gegeben. Sowohl 2020 als auch 2021 wird das Reich der Mitte voraussichtlich ein positives Wirtschaftswachstum verzeichnen. Der Aktienmarkt hat sich aufgrund seiner Tech-Lastigkeit gut entwickelt und die Auftragseingänge im Land sind auf dem höchsten Stand seit 2018. Von der Erholung Asiens profitiert auch der Rest der Welt: Der Konsum in der Region sowie die Exporte treiben den Anstieg der globalen Unternehmensgewinne und Einkaufsmanagerindizes.

Deutschland und China: Die derzeit interessantesten Anlageziele

Deutschland und China gehören nach unserer Einschätzung derzeit zu den interessantesten Investmentregionen. Außerdem erscheinen weiterhin Unternehmen aus dem Bereich der „Corona-Gewinner“ aussichtsreich. Dazu gehören der Technologiesektor, Online-Dienste, der Gesundheitssektor sowie Profiteure der staatlichen Konjunkturpakete.

Angesichts der gesundheitlichen Notlage sollten die für die pharmazeutische Forschung eingesetzten Mittel die Entwicklung von Impfstoffen in Rekordzeit ermöglichen. Drei Covid-19-Impfstoffkandidaten könnten bis Ende dieses beziehungsweise Anfang kommenden Jahres zugelassen werden. In diesem Fall dürften die Finanzmärkte einen Ausweg aus der Krise schnell einpreisen und Unternehmen beziehungsweise Vermögenswerte aufholen, die nach wie vor stark von der Pandemie betroffen sind – darunter Aktien der Eurozone, insbesondere aus dem Bankensektor, sowie Schwellenländeraktien und -anleihen in Landeswährung.