Kommentar zu Familienunternehmen Deutschland schwächelt als Standort – doch es gibt Lösungen

Andreas Lesniewicz von Conren Fonds:

Andreas Lesniewicz von Conren Fonds: „Abschottung ist nicht die Lösung. Abschottung ist für Verlierer. Das bringt langfristig nichts.“ Foto: Conren

Welches Ranking man auch anschaut: Der Standort Deutschland verliert an Boden. Wir sind wieder der kranke Mann Europas. Die Bevölkerung spricht unserem Land die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationsfähigkeit ab – hat Angst vor dem wirtschaftlichen Abstieg, politischen Risiken und dem immer schnelleren Wandel. Auch die Stimmung in den Unternehmen ist schlecht. Viele Unternehmen überlegen, ihre Standorte ins Ausland zu verlagern. 

Familienunternehmen waren in der Vergangenheit gerade in solchen Zeiten eine wichtige Stütze für unsere Wirtschaft und damit auch für unsere Gesellschaft. Sie können ein entscheidender Teil der Lösung für die aktuelle Krisen und die großen vor uns stehenden Herausforderungen sein. Familienunternehmen können gerade Krise und Wandel besonders gut. Doch leiden Familienunternehmen, wie im letzten Beitrag geschrieben, überproportional unter den schlechten Rahmenbedingungen und den vielen und immer wieder wechselnden Vorgaben der Politik. Ihre typischen Stärken werden untergraben. Ihre und damit unser aller Flügel gestutzt. Gerade neue Technologien, wie Künstliche Intelligenz, sind eine große und vielerorts noch unterschätzte Chance für unsere Familienunternehmen. Hier kann die Politik helfen und einen echten Unterschied in Richtung Zukunft machen: Steigbügelhalter und nicht Kandare sein.

„Fortschritt kann man langfristig nicht von oben planen und vorgeben“

Regierungen und zentralisierte Systeme können Wandel langfristig bewiesenermaßen nicht – die soziale Marktwirtschaft und Familienunternehmen dagegen schon. Hier ist die Gemeinschaft aber eben auch der Einzelne, und damit Individualismus wichtig – das bringt unterschiedliche Ideen und Ansätze und die richtige Motivation. Fortschritt kann man langfristig nicht von oben planen und vorgeben. 

Da geht es um klassische Rahmenbedingungen, wie den regulatorischen Aufwand (damit wir nicht alle kafkaesk in den Wahnsinn getrieben werden), Steuern (Höhe, Komplexität, Aufwand), die Verfügbarkeit von Krediten, die Infrastruktur oder die Rechts- und Energiesicherheit und weiteres. Aber es geht auch um softe Faktoren. Zum Beispiel ist bei Regulierung nicht allein der Wortlaut wichtig. Planungssicherheit, klare Regelungen, klare Kommunikation, eine gute Umsetzung, angemessen Übergangszeiten, leistungsfähige Regulatoren oder einfach eine positive Einstellung gegenüber dem Regulierten haben ebenfalls große Bedeutung.

 

Aktuell hat man den Eindruck, dass man sich, sobald die eine, vielleicht gut gemeinte, aber schlecht formulierte und umgesetzte Regulierung überwunden ist, schon die nächste mittelmäßig strukturierte Neuerung kommt. Das führt zu viel Stress in den zuständigen Teams und mitunter bereits zu Resignation. Wir können das, stehen uns aber selbst im Weg.

Wichtig ist zu verstehen, dass Familienunternehmen ein komplexes Konstrukt aus der Belegschaft, den Management-Teams, den Eignern, den Kunden, den Zulieferern, den Nachbarn und deren Familien sind – für all diese Menschen müssen wir entsprechende Rahmenbedingungen und Stimmung schaffen. Familienunternehmen sind ein Spiegel der Gesellschaft. Können aber eben auch Leuchtlaternen für die Gesellschaft im Wandel sein. 

Familienunternehmen sind in vielen Dingen besonders. So haben sie zum Beispiel den großen Vorteil, langfristig denken und handeln oder ohne zu viele großen Gremien entscheiden zu können und eben zu machen. Angeborene Schwächen sind die logische andere Seite der Medaille: So ist Familie natürlich auch immer emotional. Wenn man sich sehr mit seiner Arbeit identifiziert, dann sind Rückschläge oder wenn mal etwas nicht ganz so läuft, wie man es gerne hätte, natürlich doppelt frustrierend. Gerade daher trifft die aktuelle Regelungswut Familienunternehmen doppelt hart.

„Wir müssen kurzfristige Krisen von strukturellen Problemen unterscheiden“

Familienunternehmen verlagern nicht so schnell umfassend ins Ausland. Es ist oft ihr Name auf den Produkten beziehungsweise an der Tür – das verpflichtet gegenüber Kunden, Mitarbeitern und der Gesellschaft. Diese Verbindlichkeit ist gerade in diesen modernen Zeiten Gold wert – sie ist aber nicht selbstverständlich und sollte daher nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden.

Es gibt aktuell eine Vielzahl von Herausforderungen und Problemen. Natürlich sind viele davon nicht hausgemacht. Wir müssen kurzfristige Krisen von strukturellen Problemen unterscheiden. Wir befinden uns nach wie vor in einer Ausnahmesituation und können in den nächsten Monaten auf eine weitere Normalisierung hoffen. Auf die hausgemachten Probleme müssen wir uns nun konzentrieren. Hier besser zu werden, liegt in unserer Hand. Hier können wir etwas ändern.

Drei Problemfelder hindern den Fortschritt

Unter der Covid-Krise, dem Ukraine-Krieg, der hohen Inflation, den steigenden Zinsen oder dem Arbeitskräftemangel leiden gerade kleinere und mittelgroße Unternehmen in Europa in den letzten Monaten besonders stark. Das sehen wir auch am Aktienmarkt: In unserem Universum von börsengelisteten Aktien von Familienunternehmen in Europa, hinken Mid Caps und Small Caps den Large Caps in diesem Zeitausabschnitt ein ganzes Stück hinterher. Das ist für solche Marktphasen nicht ungewöhnlich und kann für Investoren eine langfristige Chance sein, aber diese Krisen zeigen uns eben strukturelle Schwächen in brutalem Maß auf. Für diese Warnung sollten wir dankbar sein und nicht einfach so weitermachen wie bisher.