Deutschland im Winterschlaf Wer rechnen kann, investiert nicht

 Daniel Stelter, früher Senior-Partner bei der Strategieberatung BCG, berät heute Finanzinstitute bei der Bewältigung der andauernden Finanzkrise

Daniel Stelter, früher Senior-Partner bei der Strategieberatung BCG, berät heute Finanzinstitute bei der Bewältigung der andauernden Finanzkrise

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Für Investitionen ist nicht entscheidend, was heute ist, sondern was morgen sein wird. Was heute beschlossen wird, ist in zwei bis drei Jahren realisiert und muss sich über 10 bis 20 Jahren rechnen.

Die Unternehmerbrille

Und aus Sicht eines Unternehmens in Deutschland stellt sich die Lage so dar: Das Wachstum wird in Zukunft nicht in Deutschland oder Europa stattfinden, sondern in den aufstrebenden Märkten Asiens, Amerikas und Afrikas. Dort wächst die Bevölkerung in den kommenden Jahrzehnten weiter deutlich. Billige und zunehmend besser qualifizierte Arbeitskräfte drängen auf den Markt.

In Deutschland droht dagegen ein erheblicher Fachkräftemangel, und der Binnenkonsum wird das tun, was er in schrumpfen¬den Gesellschaften nun mal tut: zurückgehen. Von einer kurzen Blüte und optimistischen Frühjahrsgutachten lässt sich ein besonnener Unternehmer über solche Gesetzmäßigkeiten nicht hinwegtäuschen.

Hinzu kommen hausgemachte Probleme. Die zunehmend verfallende Infrastruktur dürfte sich vermehrt als Standortnachteil bemerkbar machen. Der verfallende Bildungsstandard ist es bereits.

Des Weiteren kommen die Risiken und Kosten der Energiewende, die zu hoher Unsicherheit führen, hinzu. Selbst wenn es richtig sein sollte, dass die Versorgungssicherheit nicht gefährdet ist – Deutschland wird damit zum Land mit der weltweit wohl teuersten Energie. Ein Hochlohnland ist es schon.

Unproduktives Kapital

Auch ein Blick in andere Länder lässt keine neuen Impulse erkennen. In der gesamten Eurozone liegt laut Internationalem Währungsfonds die Sparquote bei 22,5 Prozent des Bruttosozialprodukts, die Investitionsquote hingegen auf einem Tief von 19,2 Prozent.

Der Ersparnisüberschuss wird ins Ausland geschleust, und auch dort wird er nicht immer produktiv verwendet. Einige Beobachter führen dies auf die Nachwehen der Finanzkrise mit hohen Schulden, Arbeitslosigkeit und tieferem Wachstum zurück. Andere sprechen von einer säkularen Stagnation, in der wir aufgrund der geringen Nachfrage gefangen bleiben. Was wiederum Investitionen nicht attraktiv macht.

Das Manager-Dilemma

Neben solchen makroökonomischen Gründen werden auch die falschen Anreizsysteme für die Entscheidungsträger ins Feld geführt. Tatsächlich ist es als angestellter Manager um ein Vielfaches riskanter und gefährlicher, das Geld in wirkliche Investitionen und Innovationen zu stecken.

Mit sicherem Applaus der Aktionäre kann hingegen rechnen, wer die Dividenden erhöht oder Aktien zurückkauft. Eine Beobachtung aus den USA könnte diese Vermutung stützen: Börsennotierte Firmen in den USA investieren halb so viel wie die nicht notierte Vergleichsgruppe, obwohl die Investitionen in Summe gleich groß sind.