Deutsches Steuerrecht in der Praxis Tempo 30, ohne Blitzer

Richard Lechner: Der Steuerberater veröffentlicht dieser Tage sein zweites Buch „Im Ring mit dem Finanzamt. Erfolgsstrategien für Steuerpflichtige“.  | © Richard Lechner

Richard Lechner: Der Steuerberater veröffentlicht dieser Tage sein zweites Buch „Im Ring mit dem Finanzamt. Erfolgsstrategien für Steuerpflichtige“. Foto: Richard Lechner

Wir Deutschen wähnen uns gerne moralisch überlegen. Im internationalen Kampf gegen die Steuerhinterziehung sieht man sich hierzulande an vorderster Front. 2009 wollte Peer Steinbrück die „siebte Kavallerie“ in die Schweiz einfallen lassen und bezeichnete im Zuge dessen die Eidgenossen gleich als „Indianer“.

Wenn Amazon oder Starbucks durch geschickte Ausnutzung von Steuerschlupflöchern massiv Steuern sparen, wird schon mal nach einem Boykott geschrien. Doch wir sollten hierzulande vorsichtig sein. Wir haben zwar eine wunderbare Steuergesetzgebung - aber bei der Umsetzung gibt es noch einigen Optimierungsbedarf.

Vor zwei Jahren erlebte ich bei einer Außenprüfung eine kuriose Geschichte. Wie in solchen Fällen üblich, wartete ich am Eingang auf den Prüfer, um mit ihm anschließend in den vorbereiteten Prüfungsraum zu gehen. Wir gingen noch einige Kleinigkeiten durch und dann machte ich mich auf den Weg. Ich musste noch kurz etwas mit dem Eigentümer des Unternehmens besprechen und anschließend zu einem Termin in meine Kanzlei.

Draußen beim Auto fiel mir noch etwas ein, was für den Prüfer relevant war. Ich machte mich also wieder auf den Weg zurück in den Prüfungsraum. Der Prüfer schreckte wie aus einer Meditation hoch - so geistesabwesend hatte er auf den Monitor gestarrt. Er entschuldigte sich für seine zur Schau gestellte Unproduktivität und verwies auf den Laptop. „Der braucht immer ewig zum Hochfahren“, meinte er.

Darauf angesprochen, dass da doch mal ein neuer drin sein müsste, die wären inzwischen ja nicht mehr so teuer, antwortete er mir nur, dass das momentan nicht im Budget drin sei. Diese einzelne Anekdote ist zwar für sich genommen nicht wirklich aussagekräftig, steht aber sinnbildlich für ein Problem, das sich seit einigen Jahren immer weiter verbreitet.

Während Großbetriebe im Schnitt noch alle drei bis vier Jahre geprüft werden, steigen die Prüfungsabstände mit geringer werdender Betriebsgröße. Mittelbetriebe werden etwa alle 16, Kleinstbetriebe alle 97 Jahre geprüft. Ein ähnliches Muster kann man auch bei Einkommensteuererklärungen beobachten. Zwar werden diese natürlich alle abgearbeitet, aber nicht mehr mit der nötigen Sorgfalt.

Die Prüferinnen und Prüfer stürzen sich mit Vorliebe auf Fälle, die eindeutig sind. Arbeitszimmer, die nicht haargenau den rechtlichen Anforderungen entsprechen, werden aus der Steuererklärung gestrichen. Fahrtenbücher, die nicht auf das Pedantischste geführt werden, werden sofort beanstandet. Anders sieht es bei großen und komplexen Vermögen aus. Wird es hier haarig, weil die rechtliche Situation oder das Vermögen nicht sofort überschaubar ist, versucht das Finanzamt oft, die Angelegenheit mit einem Deal zu bereinigen.