Hape Kerkeling war der bekannteste Gast. Aber er war nicht der einzige Grund, weshalb über 2.000 Stiftungsvertreterinnen und -vertreter am 20. und 21. Mai 2026 ins Hamburger Congress Center kamen. Der Deutsche Stiftungstag, das jährliche Branchentreffen des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, stand in diesem Jahr unter dem Motto „Aus Freiheit handeln" – ein Titel, der angesichts geopolitischer Spannungen, wachsender demokratischer Herausforderungen und eines Kapitalmarktumfelds voller offener Fragen programmatischer nicht hätte sein können. Mehr als 100 Sessions füllten zwei Tage. Das private banking magazin verfolgte wichtige Kapitalmarkt-Panels.
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Hape Kerkeling war der bekannteste Gast. Aber er war nicht der einzige Grund, weshalb über 2.000 Stiftungsvertreterinnen und -vertreter am 20. und 21. Mai 2026 ins Hamburger Congress Center kamen. Der Deutsche Stiftungstag, das jährliche Branchentreffen des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, stand in diesem Jahr unter dem Motto „Aus Freiheit handeln" – ein Titel, der angesichts geopolitischer Spannungen, wachsender demokratischer Herausforderungen und eines Kapitalmarktumfelds voller offener Fragen programmatischer nicht hätte sein können. Mehr als 100 Sessions füllten zwei Tage. Das private banking magazin verfolgte wichtige Kapitalmarkt-Panels.
Den Eröffnungsimpuls setzte Teresa Ribera, Vizepräsidentin der EU-Kommission: Frieden, Wohlstand und Demokratie seien die Pfeiler moderner europäischer Gesellschaften – und müssten täglich verteidigt werden. Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Zeit, mahnte zur Selbstkritik: Die Medien hätten zu lange in der eigenen Blase gelebt, die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger zu wenig ernst genommen. Derzeit lägen zudem zwischen Entscheidern über Fördergelder und deren Empfängern ein bis zwei Generationen – ein Abstand, den di Lorenzo für bedenklich hält, weil er die Nähe zur Lebenswirklichkeit der Geförderten gefährde. „Glaubwürdigkeit ist unser größter Schatz", betonte er und schlug eine Brücke: „Stiftungen müssen ebenfalls glaubwürdig sein, um Wirkung entfalten zu können." Zum Motto des Stiftungstages sagte er: „Verantwortung ohne Freiheit ist Bevormundung."
Hape Kerkeling sorgt sich ebenfalls um Freiheit und Demokratie. Man sei zu bequem gewesen, habe das alles für selbstverständlich genommen. Zudem nimmt er die Medien in die Pflicht: Durch das Internet fehle eine Filterfunktion – das begünstige Extremismus und Hetze. Kerkeling plädierte dafür, wieder mehr miteinander zu kommunizieren, da menschliche Nähe etwas sei, was Diktaturen verabscheuten. „Humor ist der Dietrich zur Tür der Ernsthaftigkeit", sagte er – und betonte, dass jedes Regime absolut humorlos und unfähig zur Selbstironie sei.
Die Chefvolkswirte: Kippen die Kapitalmärkte oder geht es weiter aufwärts?
Die Frage stand unausgesprochen im Raum, bevor Moderatorin Sissi Hajtmanek sie stellte: Wie viele Krisen verträgt ein Kapitalmarkt, bevor er bricht? Carsten Klude, Chefvolkswirt von M.M. Warburg, Robin Winkler, Chefvolkswirt Deutschland der Deutschen Bank, und Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, diskutierten gemeinsam mit Michael Dittrich, stellvertretendem Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, über Aussichten und Risiken für institutionelle Anleger.
Klude eröffnete mit einer nüchternen Bestandsaufnahme: Seit der Staatsschuldenkrise 2010/2011 habe es keine tiefgreifende, mehrjährige Korrektur mehr gegeben. Jede Krise sei ex post eine Einstiegsmöglichkeit gewesen. „Je mehr passiert, desto ruhiger werden die Märkte", sagte er – und räumte ein, dabei selbst zu staunen. Winkler ergänzte, dass Kapitalmärkte weniger an politischen Nachrichten als an Fundamentaldaten hingen. In den USA sei das Bild nach wie vor positiv: Unternehmensgewinne stiegen, und die Produktivitätsdynamik durch Künstliche Intelligenz sei real.
Das Ölpreisrisiko
Schärfer fiel die Einschätzung von Krämer aus. Er warnte vor einem anhaltenden Konflikt zwischen den USA und dem Iran – ein Szenario, das er als „Game of Chicken" beschrieb: zwei Parteien auf Kollisionskurs, ohne absehbares Einlenken. Die amerikanischen Forderungen, darunter die vollständige Abschaffung des iranischen Atomprogramms sowie Reparationszahlungen, seien für Teheran kaum erfüllbar. Die verfügbaren OECD-Ölreserven gäben begrenzt Puffer – käme es zu einer ausgewachsenen Ölkrise, würden auch die Unternehmensgewinne in den USA unter Druck geraten. Nicht das Hauptszenario, aber ein Risiko, das die Runde für ernsthaft hielt. Winkler sah Deutschland zwar vergleichsweise gut isoliert, warnte aber vor indirekten Konsequenzen: Zwei Drittel der Dax-Umsätze werden im Ausland erwirtschaftet.
Strukturproblem Deutschland
Die Debatte über die deutsche Wirtschaft verlief kontroverser. Winkler hatte zu Jahresbeginn erwartet, fiskalische Impulse würden die Stagnation überwinden – eine Erwartung, die er inzwischen revidiert. Das Risiko einer erneuten technischen Rezession sei gestiegen. Krämer widersprach der keynesianischen Logik: Der Fiskalimpuls wirke nicht mit den üblichen Multiplikatoren, solange Unternehmen und Haushalte dem Standort misstrauten. Der notwendige Befreiungsschlag an der Reformfront habe nicht stattgefunden – Reformen seien immer wieder vertagt worden. Einigkeit bestand beim Rüstungssektor als potenziellem Wachstumstreiber: Militärische Investitionen hätten historisch häufig zu technologischen Durchbrüchen geführt – Internet und GPS entstammen militärischen Programmen.
Den eigentlichen Schock für die deutsche Wirtschaft verortete Winkler nicht im vieldiskutierten Zollkonflikt mit den USA, sondern in China. Das deutsche Handelsdefizit gegenüber China betrage inzwischen rund zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts – vor vier bis fünf Jahren war der Handel noch ausgeglichen. Durch massive staatliche Subventionierung drängen chinesische Unternehmen mit günstigen Preisen auf den europäischen Binnenmarkt. „Europa und Deutschland müssen sich proaktiv zur Wehr setzen", sagte Winkler. Krämer sprach sich dagegen aus, chinesische Industriepolitik zu kopieren, und plädierte für Anti-Dumping-Zölle als das etablierte und zielgenaue Gegenmittel.
KI, Bewertungen und Gold
Beim Thema US-Aktien zeigte sich die Grundspannung des Panels. Klude verteidigte hohe Bewertungen: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des S&P 500 liege bei rund 20 bis 21 – historisch hoch, aber kein zuverlässiger Timing-Indikator. „Was teuer ist, kann noch teurer werden.„ Krämer verwies auf das zyklisch adjustierte Kurs-Gewinn-Verhältnis nach Robert Shiller: Eine hohe Bewertung heute sage im Durchschnitt wenig Gutes über die Erträge der kommenden zehn Jahre. Beim Thema Gold zeigte sich Winkler ungewohnt zurückhaltend. Die Rally der vergangenen 18 Monate sei vor allem auf staatliche und quasi-staatliche Investoren zurückzuführen, die aus Dollar-nominierten Assets in das politisch neutrale Edelmetall umschichteten. Ökonomisch spreche das klassische Modell – inverse Relation zwischen Realzins und Goldpreis – bei tendenziell steigenden Realrenditen eher gegen eine Fortsetzung. „Wer in den nächsten Jahren in Gold investiert sein will, braucht dafür geopolitische Gründe.“
Wie all das in der Praxis eines großen institutionellen Anlegers aussieht, zeigte Dittrich von der DBU. Die Stiftung halte satzungsgemäß die Hälfte ihres Kapitals in verzinslichen Papieren, die andere Hälfte überwiegend in Aktien; 15 Prozent des Stiftungskapitals entfallen auf illiquide Werte – zur Hälfte Immobilien, zur Hälfte Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien. Das US-Engagement werde derzeit nicht ausgebaut: Die Bewertung sei hoch, und die Frage, wie Washington ausländische Investoren langfristig an der Defizitfinanzierung beteiligen wolle, sei offen. Neu hinzu komme eine stärkere Gewichtung asiatischer Märkte jenseits Chinas – Vietnam und Indien böten stabiles Wachstum auf noch niedrigem Bewertungsniveau. Für Stiftungen formulierte Dittrich die Anforderung klar: Bei einer dauerhaften Inflation von knapp drei Prozent brauche es eine Portfolio-Performance von fünf bis sechs Prozent – „und das ist nicht in jedem Fall so einfach".
Zimmer ohne Aussicht? Die Zukunft der Immobilie im Stiftungsvermögen
Kaum eine Anlageklasse ist im Stiftungsvermögen so vertraut, so emotional besetzt und gleichzeitig so schwer zu beurteilen wie die Immobilie – so leitete Stefan Fritz, kaufmännischer Vorstand der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, das zweite Panel ein. Tobias Just, wissenschaftlicher Leiter der Irebs Immobilienakademie und Inhaber des Lehrstuhls für Immobilienwirtschaft an der Universität Regensburg, sowie der Münchner Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Stephan Römer lieferten eine Bestandsaufnahme, die mancher Teilnehmer als Ernüchterung empfunden haben dürfte – und die Just selbst am Ende mit vorsichtigem Optimismus abschloss.
Fünf Binsenweisheiten auf dem Prüfstand
Just nahm sich fünf verbreitete Annahmen über Immobilienanlagen vor – und zeigte an jeder einzelnen, wo die Wirklichkeit komplizierter ist als die Lehrmeinung.
- Immobilien bieten eine verlässliche Rendite. Stimmt – aber die Schwankungen seien höher als gemeinhin angenommen, insbesondere bei indirekten Anlagen. Eine Langzeitstudie über 350 Jahre Amsterdamer Immobilienmärkte zeige: Der stabile Kern der Rendite komme aus der Mietrendite, nicht aus Wertsteigerungen. Im historischen Durchschnitt liege die Gesamtrendite bei rund sechs Prozent – die Wahrscheinlichkeit positiver Wertänderungsrenditen sei aber gering, wenn die laufende Mietrendite deutlich darunter liege. In den allermeisten Ländern befinde man sich derzeit genau in dieser Situation.
- Immobilien sind risikoarm. Just widersprach klar. Es handele sich um eine Anlageklasse mit spezifischen Risiken – Lage, Mieter, Regulierung, Substanz. Der Unterschied zu Aktien bestehe darin, dass man an der eigenen Immobilie aktiv arbeiten könne. Das sei ein Vorteil gegenüber anderen Anlageklassen – aber keine Garantie gegen Verluste.
- Immobilien schützen vor Inflation. Just verwies auf rund 60.000 wissenschaftliche Artikel zu diesem Thema und folgerte: Wenn so viele Studien nötig seien, um eine These zu stützen, sei die Wahrheit komplizierter als ein Anlageprospekt suggeriere. Der Schutz wirke langfristig bei nachfragegetriebener Inflation und bei nicht vermehrbaren Lagen. Bei angebotsgetriebener Inflation – wie in den vergangenen Jahren – funktioniere er schlechter. „In Strukturbrüchen bietet die Immobilie häufig gar keinen Inflationsschutz."
- Diversifikation ist einfach. Auch das gelte nur eingeschränkt – die Korrelationen zwischen einzelnen Immobilienteilmärkten steigen.
- Immobilien sind simple Investments. Just fasste zusammen, was seine Studierenden in der ersten Semesterwoche lernen: Wer Immobilien professionell anlegt, müsse Volkswirt, Betriebswirt, Architekt, Stadtplaner, Jurist und Steuerexperte zugleich sein.
Asymmetrische Märkte, ungelöstes Refinanzierungsproblem
Der kurzfristige Ausblick sei von Asymmetrien geprägt. Der Wohnimmobilienmarkt profitiere von strukturellem Wohnraummangel – die Mieten gäben nicht nach. Büro- und Einzelhandelsimmobilien hingegen hätten sich vom konjunkturellen Zyklus entkoppelt: Selbst bei einer gesamtwirtschaftlichen Erholung sei nicht damit zu rechnen, dass Büromärkte proportional profitierten. Die Ursache liege in der dauerhaften Verschiebung durch mobiles Arbeiten. Hinzu komme ein noch ungelöstes Refinanzierungsproblem: Ein erheblicher Teil gewerblicher Immobilienfinanzierungen stehe in den kommenden Monaten zur Prolongation an.
Die bisherigen Preiskorrekturen seien geringer ausgefallen, als die Bewertungsfunktion hätte erwarten lassen – aus rein rechnerischen Gründen hätten Abschläge von 25 bis 30 Prozent plausibel erscheinen müssten. Wohnimmobilienpreise in Deutschland seien um rund zehn Prozent gesunken. Der Grund: Viele Eigentümer müssen nicht transaktionieren. Das Refinanzierungsproblem sei damit noch nicht vom Tisch.
Governance: Wann ist eine alte Entscheidung falsch?
Römer brachte die rechtliche Perspektive ein. Die jüngste Reform des Stiftungsrechts im Bürgerlichen Gesetzbuch habe Stiftungsvorständen zwei wichtige Instrumente gegeben: die Business Judgment Rule für Anlageentscheidungen sowie die Klarstellung, dass nicht ein bestimmtes Anlagekonzept vorgeschrieben ist, sondern der Vermögenserhalt als Ergebnis zählt. Entscheidend sei damit nicht, ob eine Investition einmal richtig war, sondern ob sie heute noch richtig ist. Eine Entscheidung, die 2005 oder 2006 im Immobilienbestand völlig richtig gewesen sei, würde dieselbe Stiftung heute möglicherweise nicht mehr treffen – allein schon wegen des Alters der Objekte und des anstehenden Erhaltungsaufwands. Römer sprach sich für regelmäßige gutachterliche Bewertungen aus: alle fünf bis sieben Jahre in stabilen Märkten, häufiger in Regionen mit fallenden Preisen.
Zur Frage direkt oder indirekt gab Römer eine klare Praxiseinschätzung: Direkte Immobilieninvestitionen seien erst ab einem Stiftungsvermögen von rund 20 bis 25 Millionen Euro sinnvoll darstellbar – das treffe auf etwa fünf Prozent aller deutschen Stiftungen zu. Darunter sprächen die Diversifikationsanforderungen eher für indirekte Vehikel. Unter diesen bevorzuge er persönlich börsennotierte Immobilienaktien gegenüber geschlossenen Fondsbeteiligungen – wegen der Liquidität: Aus einer KG-Beteiligung auszusteigen sei in der Regel weit aufwendiger als ein Verkauf über die Börse.
Eine Abstimmung unter den Teilnehmenden ergab ein aufschlussreiches Bild: Rund ein Drittel möchte den Immobilienbestand ausbauen, ein Drittel halten, ein Drittel reduzieren. Die Mehrheit derjenigen, die weiter direkt investieren wollen, zeigte sich bereit, die operative Verantwortung selbst zu tragen.
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Arbeit als Bedingung
Justs Schlussfolgerung war kein Plädoyer für den Ausstieg – aber eine klare Bedingung für den Verbleib. Wer die operative Aufgabe nicht leisten könne oder wolle – Asset Management, Property Management, regelmäßige Umstrukturierung –, für den sprächen gute Gründe für indirekte Anlageformen. Wer sie annehme, könne mit Immobilien auch künftig Geld verdienen. Zu diesem operativen Appell fügte Just noch eine externe Dimension hinzu.
Politisches Risiko
Just verwies zudem auf ein politisches Risiko, das in der Anlagepraxis selten offen diskutiert werde: In Volkswirtschaften, in denen Immobilienvermögen besonders asymmetrisch verteilt ist, entstehe politischer Druck auf Eigentümer – durch Mietregulierung, Erbschaftsteuer, Vermögensteuer oder weitergehende Eingriffe. Die Stimmung in der Bevölkerung, die jede Preissteigerung als unverdiente Zufallsrendite wahrnehme, werde politisch aufgegriffen und in Regulierung übersetzt. Just sah darin keinen Zufall: Das Verhältnis von Vermögen zu Bruttoinlandsprodukt habe in westlichen Volkswirtschaften historische Höchststände erreicht – und erfahrungsgemäß seien solche Konstellationen die Vorstufe politischer Zäsuren.
Nach zwei intensiven Tagen mit über 100 Sessions schloss der Stiftungstag mit dem Ausblick auf das kommende Jahr: Der Deutsche Stiftungstag 2027 findet am 2. und 3. Juni in Dresden statt.